Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

GTLC Logo

Es muss nicht immer alpin sein: Nico Schefer ist für seinen ersten langen Lauf der Saison in die belgische Eifel gefahren und hat mit dem Grand Trail des Lacs et Châteaux einen kleinen, liebevoll organisierten Lauf entdeckt.

 

Grand Trail des Lacs et Châteaux (GTLC)

Auf den Grand Trail des Lacs et Châteaux (GTLC) aufmerksam werde ich durch die Liste der Wester States Qualifier, vom Lauf selber habe ich bis anhin aber noch nie etwas gehört. Aber die Eckdaten sind interessant: Offiziell 105 Kilometer (effektiv 108) mit laufbaren 2600 Höhenmeter, Punkt-zu-Punkt Strecke, netto etwas Downhill (200 Höhenmeter mehr als rauf, aber immerhin!) und eine schöne Strecke entlang von Schluchten und Seen. Ein bisschen wie der Western States, nur kürzer und weniger heiss – ein perfekter Saisonauftakt.

Download

Eine medizinische Bestätigung braucht man in Belgien nicht und so bin ich im Handumdrehen angemeldet. Belgien ist ja von Zürich aus nicht weit, aber als ich die Anreisemöglichkeiten heraussuche komme ich zum Schluss, dass ich die 650 Kilometer mangels valablen Alternativen wohl mit dem Auto zurücklegen muss. Nach etwas über acht Stunden Fahrt kann ich am Donnerstag Abend mein Zimmer in Startort Büttgenbach beziehen. Zwei Nächte und gut einen Kilometer trennen mich noch von der Startlinie.

Am Freitag erkunde ich den Start am See und das kleine Dorf. Aufgeräumt und pittoresk ist es hier, die Häuser und Gärten sind herausgeputzt. Bütgenbach ging nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von Deutschland zu Belgien über und ist Teil der deutschsprachigen belgischen Minderheit. Am Abend fahre ich zur Waldhütte im rund 40 Kilometer entfernten Surister, wo sich das Ziel und die Startnummernausgabe befindet. Dort kann man für jeden Verpflegungsposten einen Drop-Bag hinterlegen. Viele Drop-Bags brauche ich dazu allerdings nicht, denn auf der gesamten Strecke gibt es lediglich fünf Verpflegungsposten. Die längste Lücke ist mit 29 Kilometern beachtlich.

Die Möglichkeit zu Drop-Bags kommt mir gelegen und ich entscheide ich mich für ein Experiment. Ich versuche, den Lauf nur mit Wasser und dem zurzeit etwas gehypten Kohlenhydrat-Drink Maurten zurückzulegen. Wenn Eliud Kipchoge damit Marathon rennt, sollte das Produkt doch auch für eine im Verhältnis gemütliche Wanderung taugen, nicht wahr? Ausserdem hoffe ich ja immer noch auf eine Lösung meines Schluckauf-Problems und Experimente in Rennen sind immer gut. Ich rühre mir sieben Halbliterflaschen an, eine jede enthält das leicht dickflüssige, transparente Gemisch mit 320 Kilokalorien. Geschmacklich ist es recht neutral, etwas süss, aber doch recht unaufdringlich. Zur Sicherheit lege ich zu jeder Flasche ein altbewährtes Gel, welches mit seinen knapp 70 Kilokalorien gegen die flüssige Kalorienbombe aber etwas schmalbrüstig wirkt.

Die Abgabe der Verpflegung ist denkbar einfach, ich lege je einen Plastiksack in eine der bereitstehenden Transporttaschen und mache ich mich auf den Weg zurück nach Bütgenbach. Schliesslich will ich noch etwas essen und ein paar Stunden schlafen, denn der Start ist auf 4 Uhr morgens angesetzt. Es wird eine kurze Nacht.

Kurz vor dem Start um 04:00 in Bütgenbach.

Gut zwanzig Minuten vor dem Start versammeln sich die etwa 200 Läufer auf dem Parkplatz. Renndirektor Christophe Libin gibt per Megaphon ein paar letzte Anweisungen zur Markierung durch und dann geht es auch schon los. Ohne ohne Musik, ohne Startschuss – ich mag diese unaufgeregt organisierten Rennen. Wir laufen durch die Nacht, ein einzelner Läufer zieht schnell davon und wir nehmen als kleine Gruppe die Verfolgung auf. Noch in totaler Finsternis wird der Bütgenbacher See umrundet, danach geht es zum höchsten Punkt Belgiens, dem Botrange (694 m.ü.M) im Naturpark Hohes Venn-Eifel. Die Gruppe ist mittlerweile auseinandergefallen, wir laufen zu zweit. Wie sich auf den nächsten vierzig Kilometer herausstellt, heisst mein Begleiter Aaike. Er hat den Lauf schon mehrfach gefinisht und wurde letztes Jahr Zweiter. Der mir auf Anhieb sympathische Biologe aus Gent ist eine gute Partie, das Tempo stimmt und die Kilometer fliegen nur so vorbei.

Auf geht es durch die Nacht. Die ersten flachen Kilometer umrunden den Bütgenbacher See.

Nach knapp zwanzig Kilometern laufen wir den ersten Posten an. Der VP ist zweckmässig aufgebaut und besteht aus zwei Campingtischen, auf denen neben Wasser und Iso (Becher werden nicht gestellt) die üblichen Snacks angeboten werden. Meinen Drop-Bag fische ich aus dem Transportsack. Bis zur nächsten Verpflegungsstelle sind es über 20 Kilometer, deshalb nehme ich zwei Flaschen Maurten und eine Flasche Wasser mit. Meine Stirnlampe lasse ich im Drop-Bag zurück, mittlerweile ist der Tag angebrochen.

Die erste Hälfte des Rennens ist gut laufbar. Singletrails und Forststrasse wechseln sich ab, wobei wesentlich mehr auf Singletrails gelaufen wird, als ich angenommen hatte. Der Weg führt einer Schlucht entlang und wechselt zwischen Talgrund und Kante, was zu kurzweiligen Anstiegen und Tempowechseln führt. Das Mittelstück des Laufs führt über weite Strecken durch das Hochmoor des Eifel Naturparks. Immer wieder führen lange Holzstege über den sumpfigen Untergrund und verhindern nasse Füsse.

Wer sich auf Forststrassengeballere eingestellt wird überrascht.

Nach der Marathonmarke setze ich mich von Aaike ab und laufe nun an zweiter Position. Doch leider kommen die Atemprobleme wieder, die mich in fast jedem Rennen quälen. Ich bekomme den Schluckauf und muss Tempo herausnehmen, teilweise gehen. Das Zwerchfell ist zu, der Rücken spannt. Im zweiten langen Aufstieg zum Hochmoor, bei ungefähr 60 Kilometern, holt mich Aaike wieder ein. Nun bin ich es, der ihn ziehen lassen muss.

Nicht nur der Schluckauf bremst mich, auch das Terrain wird nun zäher. Es gibt weniger Holzstege, man sinkt im Morast ein und der Schlamm durchdringt die Schuhe. Das dichte Unterholz und die Wurzeln im Moor machen den Untergrund schwer laufbar. Teilweise ist es so verblockt, dass Rennen auch im Flachen fast unmöglich ist. Die Sonne, die am Morgen durch eine dünne Hochnebeldecke etwas abgeschwächt wurde, steht nun hoch. Das Wasser aus dem Sumpf ist gelblich, schäumt und stinkt. Trinken würde ich es nicht, aber ich kippe es mir regelmässig zur Kühlung über Kopf und Körper.

Nach Kilometer 80 folgt der letzte Abstieg, wobei es sich hier um wenige hundert flache Höhenmeter handelt. Weiter geht es einem Bach entlang, welcher in der Hitze wohltuende Kühle spendet. Den letzten VP bei Kilometer 100 erreiche ich etwas dehydriert, obwohl meine Maurten-Flasche noch halb voll ist. Im Grossen und ganzen haben mich die flüssigne Kalorien gut über die Strecke gebracht, aber nach fünf Flaschen konnte ich das Zeugs nicht mehr trinken. Die letzte Flasche lasse ich am VP liegen und begnüge mich mit etwas Cola und Wasser. “Only two minutes, deux minutes..” werde ich angefeuert – anscheinend scheint Aaike vor mir nicht viel schneller unterwegs zu sein?!

Die letzten Kilometer ins Ziel ziehen sich. Es ist heiss geworden, es muss wohl auf den frühen Nachmittag zugehen. Auf die Zeit schaue ich schon lange nicht mehr, lediglich die Schlangenlinie auf dem Display meiner Uhr weist mir den Weg. Eigentlich unnötig, denn ungefähr alle hundert Meter ist der Weg deutlich markiert. “Deux minutes, allez!”. Der Läufer vor mir ist nicht weit, aber näher kommt er auch nicht.

Gut hundert Meter vor dem Ziel geht es eine Rampe hoch. Läufer kürzerer Distanzen haben sich ins Feld gemischt, die Positionen sind unübersichtlich. Aaike sehe ich nirgends. Plötzlich dreht sich der Läufer vor mit um, schaut zurück, erschrickt und setzt zum Sprint an. Es war der lange Zeit in Führung liegende, auf den ich kurz vor Schluss aufgelaufen war. Ich sprinte nicht mit, dafür freue ich mich umso mehr auf den Zieleinlauf, den Platz auf dem Podium gewiss. Ich geniesse die letzten Meter, unter dem Zielbogen durch hinein in eine Welt, in der die Strapazen der vergangenen Stunden wie abgestreift sind, in der die Beine noch brennen, aber der Schmerz ein angenehmer ist.

Im Ziel steht auch Aaike, er konnte zwanzig Kilometer vor dem Ziel die Führung übernehmen. Drei Minuten vor dem Zweiten, dreieinhalb Minuten vor mir. Ein knappes Resultat nach über 11 Stunden und ein schöner Finish für uns alle.

Das Podium der Männer: Senne (11:21), Aaike (11:18) und Nico (11:22)

Aaike mit RD Christophe Libin

Eine Schlammpackung sorgt für zarte Haut.

In Kürze

Das Feld ist auf 200 Starter limitiert, daher empfiehlt sich eine frühzeitige Registrierung. Das Rennen ist schlank, aber dennoch liebevoll organisiert. Hinter dem Event stehen Läufer, was sich positiv auf die Organisation auswirkt. Die Strecke ist abwechslungsreich und überraschend technisch. Man darf in der zweiten Streckenhälfte mit nassen Füssen rechnen, schnell trocknende Schuhe sind von Vorteil. Schmerzfreie übernachten in der Waldhütte in Sourister (gratis Bustransport an den Start, Abfahrt um 03:00), sonst bieten sich diverse Hotels in Bütgenbach an. Neben der 105-Kilometer Hauptdisziplin werden auch kürzere Distanzen auf Abschnitten der selben Strecke angeboten, es gibt sogar eine 30-Kilometer Walking Kategorie. Positiv erwähnt werden kann hierbei, dass die Läufer der  verschiedenen Distanzen ohne Engpässe aneinander vorbeikommen. Im Ziel gibt es in familiärer Atmosphäre belgisches Bier und Wurstbrot vom Grill.

Meine Strava-Aktivität: https://www.strava.com/activities/1597146148

Mehr Informationen unter: http://ultratrail.be/

Alle Bilder © GTLC / Christophe Alard

Follow us on Facebookschliessen
oeffnen