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Ganz um die Ecke liegt Ardèche nicht, aber eine Reise ist es definitv wert. Und wenn man aus 7 Rennen auswählen kann, dann ist bestimmt auch für jeden etwas mit dabei. Kurt Nadler findet mit seinem Spürsinn für tolle Trails immer wieder spannende Rennen – auch dieses Mal wurde seine Reiselust belohnt. Hier sein Bericht.

 

Challenge Val de Drôme

Die Region Ardèche ist für viele Urlauber und Läufer ein beliebtes Ferienziel. Weitaus weniger bekannt aber nicht minder attraktiv ist das Val de Drôme. Grund genug für mich, diese Region genau zu erkunden und das mache ich natürlich am liebsten zu Fuss.

Jack Peyrard ist Initiator und Rennleiter dieses Laufevents welcher mit Hilfe der Organisation „Marathon nature Drôme“ seit mehreren Jahren mit viel Herzblut durchgeführt wird. Auf Zeiterscheinungen wird bewusst verzichtet, d.h. ITRA-Punkte-Sammler werden hier enttäuscht und gehen leer aus. Alle anderen kehren glücklich und mit unvergesslichen Erinnerungen zurück.

Das Abenteuer beginnt bereits bei der Anmeldung. Nebst den 7 bestehenden Läufen gibt es zusätzlich die Möglichkeit gewisse Rennen zu kombinieren.

Folgende Startplätze stehen zur Verfügung::

Les Aventuriers du Bout de Drôme 123 / 113 / 99 km 6’400 hm
Le trail de Maquisards 67 km 3’190 hm
Le trail du Bout de Drôme 39 km 2’350 hm
Le Trail de la crete 43 km 1’850 hm
Le semi marathon nature 21 km 750 hm
Les Mousquetaires 12 km 220 hm
Dungeon Race 1 km 524 Treppen

Die niedrige Finisherquote der ‚Aventuriers‘ des Vorjahres macht mich neugierig und ich treffe entsprechend meine Wahl.

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Anreise

Ich reise bereits am Vortag an, so dass mir genügend Zeit für einen Besuch des Wahrzeichens von (Turm von Crest) sowie für einen kleinen Ausflug zum Forêt de Saou verbleibt. Dieser Streckenabschnitt wird mir am nächsten Tag bei Kilometer 105 erneut begegnen.

Höchstes Dojon in Frankreich

Idylle im Forêt de Saou

Der Start

Los geht’s am Samstagmorgen um 00:30. Gerade mal 63 Läufer tummeln sich unter dem Startbogen. Glücklicherweise wurde rechtzeitig bemerkt, dass die Chips für die Zeitmessung nicht funktionieren. Also wird jeder Läufer einzeln aufgerufen, um sich einen Neuen aushändigen zu lassen. In diesem familiären Rahmen geht der Umtausch schnell vor sich. Es erfolgt ein kurzes Briefing und Jack erwähnt nochmals die wilde Schönheit der Landschaft, bevor er uns auf die Reise schickt. Wie wild die Landschaft tatsächlich ist, werde ich später erfahren.

Kurz darauf renne ich durch die Altstadt von Crest. Die dunklen Ecken werden von Helfern mit hellen Fackeln ausgeleuchtet, so dass ich mich kurz im Mittelalter wähne. Schnell ist die erste Anhöhe erreicht, als rechts von uns ein Feuerwerk gezündet wird. Das ist doch mal ein Start nach Mass!

Die erste Stunde vergeht wie im Flug und Jack ist immer wieder an der Strecke anzutreffen um uns anzufeuern. Bei 15 km erreiche ich bereits die 1. Verpflegungsstelle, bei der mich eine breite Auswahl an Essens- und Getränkemöglichkeiten erwarten. Die Strecke war bis anhin sehr gut laufbar und bot keinerlei Probleme. Da hohe Temparaturen angesagt sind, stelle ich sicher, dass mein Flüssigkeitshaushalt im Gleichgewicht bleibt.

Die Markierung weicht plötzlich vom Pfad ab und führt in einen dichten weglosen Wald. Es folgt ein steiler Aufstieg von 500 Hm, wobei das Adjektiv steil der Steigung nicht wirklich gerecht wird. Fast senkrecht geht es jetzt hoch und ich ziehe mich hangelnd an den Ästen der Bäume weiter und versuche die gewonnen Höhenmeter nicht gleich wieder preis zugeben und herunterzurutschen. Selbst die Stöcke sind mir dabei keine grosse Hilfe. Hätte es am Vortag geregnet, wäre ich wahrscheinlich noch heute vor Ort.

Auf der Höhe von 1’000 m ü.M. empfangen mich dichte Nebelschwaden. Meterhohe Dornenbüsche sind hier labyrinthmässig zurück geschnitten. Nur zwischendurch erhasche ich einen Blick in die tiefen Abgründe, welche sich rechts von mir auftun. Es herrscht nicht gerade eine kuschelige Atmosphäre. Ähnlich geht es im Anschluss quer durch den Wald wieder nach unten. Ich habe im Vorfeld gelesen, dass dieser Lauf auch als französische Version des Barkley Marathon gilt, inzwischen bin ich mir auch bewusst weshalb.

Hinter mir drängt sich seit längerer Zeit ein jüngerer Läufer auf. Seine Stirnlampe macht die Nacht zum Tage, so dass ich ständig in meinem eigenen Schatten laufen muss. Es ist ein befreiendes Gefühl, als ich das kurze Flackern seiner Lampe wahrnehme und er sich im Dunkeln fluchend verabschiedet. Manchmal lohnt es sich eben doch, die Bedienungsanleitung vor dem Gebrauch zu lesen.

Der Morgen bricht langsam an und auch mir dämmert es allmählich, worauf ich mich hier eingelassen habe. Die im Vorfeld kommunizierten Zeitbarrieren sind knapp bemessen und ich spute mich so gut es meine Beine zulassen.

Montclar-sur-Gervanne

Halbzeit

Nach rund 7,5 Std erreiche ich bei 57 km Piègros-la-Castre, wo ich meinen Läufersack in Empfang nehmen kann. Leider kann ich die Zeit hier nicht einfach mal 2 rechnen, da der zweite Streckenabschnitt wesentlich mehr Höhenmeter aufweist. Nach der obligatorischen Kontrolle von Puls und Blutdruck, entlässt mich der Arzt auf den 2. Streckenabschnitt. Langsam entfernen wir uns aus der Zivilisation und die Dornen und Büsche übernehmen wieder Oberhand. Oft laufe ich auf verlassenen Pfaden, welche inzwischen völlig überwuchert sind. Meine zerkratzten Beine nehmen dies jedoch als Akupunktur hin und sind weiterhin gut in Schuss.

Hoch gehts zu den Les 3 becs

1’000 Hm später sind die Aussichten herrlich. Der auffrischende Wind hält die Temperaturen in Schach und ich geniesse den Ausblick. Bei der Verpflegungsstelle ‚La Chaudière‘ hat sich ein Helfer als Clown verkleidet und versucht die Läufer ein wenig aufzumuntern. Er erzählt mir, dass die Strecke nun ziemlich anspruchsvoll werde und er gut über die Verhältnisse Bescheid wisse, da er sie selbst markiert habe. Ich lasse mich nicht entmutigen und laufe los. Bis anhin war etwa alle 300 m eine Wegmarkierung zu finden und jetzt sehe ich weit und breit kein Fähnchen mehr. Da hat sich dieser Spassvogel wohl ein Scherz erlaubt. Ich finde dies nicht lustig und prüfe verunsichert die Strecke auf meiner Uhr. Glück gehabt, ich bin immer noch auf dem richtigen Pfad und etwas später sehe ich erleichtert wieder eine Markierung.

Ausblick vom La Grazonnière

Ich bin ich immer noch ganz alleine unterwegs und bereits im Tal wartet die nächste Verpflegungsstelle. Dort treffe ich auf Luca Papi, welcher mir zu meiner Form gratuliert. Gemeinsam laufen wir los, ehe er mir in einer Steigung wieder davon eilt. Es folgt nun der bekannte Aufstieg über die Passage de Picourère.

Reichlich abschüssig

Als angehender ‚Aventurier‘ muss ich meine Stöcke jetzt verstauen und klettere mit deutlich erhöhtem Puls dem Felsen empor.

Noch abschüssiger

Erleichtert erreiche ich den Gipfel , von wo aus mich noch 25 km zum Ziel trennen.

Steht Trail drauf, ist Trail drin

Zielankunft

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit komme ich nach über 20 Std in Crest an. Völlig alleine  erwartet mich meine Frau unter dem Zielbogen. Umso grösser ist die Überraschung, als ich nach Zielankunft auf eine Bühne beordert werde, wo mich niemand anderes als Jack persönlich der applaudierenden Menge als neuer „Aventurier“ präsentiert.

Im 8. Gesamtrang und dem 1. Platz meiner Kategorie klassiert, war es einmal mehr ein wunderbarer Ausflug.

Die Schwierigkeit des Laufes zeigt sich, indem sich innerhalb der Vorgabezeit von 26 Std nur 22 weitere Läufer und 1 Läuferin über die volle Distanz qualifizieren konnten. Definierte Zeitbarrieren mit Abkürzungen erlauben auch weniger gut trainierten Läufern über die Distanzen von 99 km resp. 113 km zum ‚Aventurier“ zu werden.

Der Lauf ist sehr professionell organisiert, über die gesamte Strecke deutlich markiert und bietet sowohl für das Auge als auch für den Gaumen viel Abwechslung. Ich kann diesen Anlass mit gutem Gewissen weiterempfehlen.

Mehr Informationen unter: http://www.challenge-drome.com

Alle Bilder © by Kurt Nadler

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