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Into the Light

Swiss Ultra Trail ist kein Blog im eigentlichen Sinn. Ja, es sollte auf jeden Fall auch für persönliche Geschichten und Emotionen Platz geben, aber Trail Running als Sport steht im Vordergrund und nicht die Personen hinter den Beiträgen. Nichtsdestotrotz würde ich, Alex Brennwald, gerne meinen persönlichen Rückblick auf die letzten 12 Monate teilen, welche von tollen Höhepunkten aber auch happigen Tiefschlägen geprägt waren. Aber starten wir von vorne…
[Hier der Link zur englischen Version]

Into the dark

Ein klein wenig Nervosität mischt sich unter die Vorfreude auf die bevorstehende Zeit mit meinen Freunden in den Bergen. Ich stehe am Bahnhof Zürich mit einem schweren Seesack gefüllt mit allerlei Ausrüstung, Essen und anderem Krimskrams, den man so braucht um 160 Kilometer mit 10’000 Höhenmeter um Grenoble zu rennen. Der UT4M soll als gute Vorbereitung für die bevorstehende Grand Raid Réunion – La Diagonale des Fous dienen. Die Tour durch die vier Bergmassive um Grenoble hören sich für meinen Freund Joel spannend genug an, um sogar von USA einzufliegen. Nico will sich die Gelegenheit ebenfalls nicht entgehen lassen um ein paar steile und technisch anspruchsvolle Alpentrails zu rocken und Daniel läuft zwar nicht mit, fährt dafür aber die ganze Truppe von Genf in die franzöische Alpenstadt. Wir treffen uns alle am Genfer Flughafen. Ich will das letzte Mal den Inhalt meines schweren Seesacks richten und dann passierts: ich hebe den Sack an und spüre sofort wie etwas in meinem Rücken nachgibt. Es schmerzt nicht, aber es fühlt sich sehr komisch an. Ein unbeschreibliches Gefühl zieht durch meinen unteren Rücken und meine Beine. Genau lässt ich das Gefühl nicht lokalisieren und ich schiebe den Vorfall mental zur Seite, als sich die Intensität langsam wieder legt.

Das UT4M Etappenrennen beginnt in aller Herrgottsfrüh und ich laufen den ersten Tag mit Joel zusammen in einem gemütlichen Tempo. Trotzdem schmerzt alles. Der zweite Tag führt sofort nach dem Start die Strecke des Vertical Kilometer hoch. Bergauf sind die Schmerzen aushaltbar, aber sobald es flach wird oder sogar runter geht, kann ich beinahe keinen Schritt mehr machen. Ich werfe das Handtuch. Den dritten Tag lasse ich aus und versuche es am vierten und letzten Tag noch einmal. Erneut kann ich die Anstiege ohne grössere Schmerzen bewältigen, doch geradaus und runter sind die Hölle. 1000 Nadeln stechen in mein Knie. Ich fühle mich noch heute schlecht für Joel, der mich in dieser Phase über viele Kilometer mit einer beinahne stoischen Ruhe begleitet hat. Da man bei schlechtem Wetter oben auf dem Berg nicht wirklich aussteigen kann, bleibt mir nicht viel anderes übrig als den Marathon unter starken Schmerzen zu Ende zu laufen. Ich würde bis heute sagen, dass dieser Lauf wohl zu den unangenehmsten Stunden meines Lebens zählt.

Der Tiefpunkt

Mehr als vier Wochen später sitze ich in einer Arztpraxis und lasse mir von einem Spezialisten das MRI Bild meiner Wirbelsäule erklären. Im Mittelpunkt steht ein schwarzer Knubbel der sich tief in einen weissen Strang eingräbt. Ich erfahre, dass eine Bandscheibe aufgeplatzt und deren galertartiger Inhalt herausgedrückt worden ist. Da der Platz innerhalb des Wirbelkörpers sehr begrenzt ist, übt diese Masse nun einen Druck auf den zentralen Nervenstrang aus, der für mein linkes Bein verantwortlich ist. Der Druck und die dadurch entstandene Entzündung senden höllische Schmerzen ins Knie und, viel schlimmer, beginnen mein linkes Bein zu lähmen. Ich war zuvor für Wochen bei Physiotherapeuten und Ärzten in Behandlung, aber keiner konnte die Schmerzen im Bein richtig einordnen. Erst als ich eines Morgens aufstehen will und mein Bein seinen Dienst versagt und mich nicht mehr trägt, geht alles schnell. Röntgen, MRI und noch mehr Ärzte. Und da sitze ich nun und lasse mir vom Spezialisten erklären, dass meine Bandscheibe irreparabel im A*sch sei und dass schmerzfreies Gehen, geschweige denn Trail Running, so ziemlich in den Sternen stehe. Ich bin am Boden zerstört. Rennen ist in dem Moment gar nicht mehr wichtig, ich will nur diesen Schmerz und Lähmung los werden und wieder ein normales Leben führen. Ich kann nicht sitzen, ich pendle stehenderweise im Zug zur Arbeit und Autofahren ist ein Riesenproblem. Und eine schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Dass ich die Diagonale des Fous abgesagt habe, ist hier wohl selbstredend.

Meine Wirbelsäule mit zwei guten und einer schlechten Bandscheibe

Ich entscheide mich für die Infiltration meines Wirbelkörpers mit Kortison um die Schwellung des Nerves hoffentlich etwas abklingen zu lassen. Dies ist kein eigentliches Heilmittel, da eine kaputte Bandscheibe nicht mehr zu retten ist, aber es hilft wenigsten vorübergehend um die entzündete Schwellung des Nervs kleiner werden zu lassen.

Die Wochen vergehen. Ich kann immer noch nicht sitzen. Die Schmerzen sind auch nicht besser. Und ich bin schlecht gelaunt. Gegen Ende November, vielelicht auch Anfang Dezember, beginnen sich die unzähligen Stunden Physiotherapie und Stabilisationsübungen für den Rumpf auszuzahlen und der Schmerz nimmt langsam ab. Die Situation verbessert sich zusehends gegen Weihnachten und ich kann im Januar sogar mit dem Laufen starten. Es geht stetig aufwärts und das Training nimmt zusehends wieder Form an. Ich freue mich. Ich bin aber auch ziemlich unsicher wie sich das Jahr weiter entwickeln wird. Einerseits freue ich mich wie ein kleines Kind über die Zusage für den Start beim Western States 100 Miles und UTMB, andererseits bin ich aber bei weitem noch nicht soweit um mir begründete Hoffnungen für einen Finish eines 160+ Kilometer Ultra Trails zu machen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit für die Vorbereitung und wenn ich eine Chance haben will, dann muss ich mit viel Herz und Verstand trainieren.

Into the light

Alex Brennwald

Western States 100 mit Nico und Joel (Photo: Larry Gassan)

Der Frühling entwickelt sich gut. Mein Rücken wird von Tag zu Tag besser und mein Lauftraining ebenfalls. Okay, ich habe einen ziemlichen Kilometerrückstand gegenüber den vergangenen Jahren, aber ich kann fast alle wichtigen Einheiten durchziehen. Der Juni kommt ehe man sich’s versieht und ich sitze bereits im Flugzeug Richtung San Francisco. Western States 100 Miles – the big dance. Und erneut bin ich super dankbar mit meinen Freunden Nico und Joel dieses Abenteuer gemeinesam angehen zu dürfen.

An diesem letzten Wochenende im Juni ist der Western States Trail in einem sehr schlechten Zustand. Schnee und Matsch bedecken die ersten 45 Kilometer dieser 160 Kilometer langen Reise. Das Vorwärtskommen ist beschwerlich. Trotz dem Schnee steigen die Temperaturen in den Canyons über die 40°C Marke. Kein einfaches Rennen.

Mein Ziel ist es in unter 24 Stunden durch zu sein, was ich bereits im 2015 einmal geschafft habe. Wegen den schwierigen Verhältniss auf dem ersten Streckenteil bin aber fast eine Stunde hinter meinem Split vom letztes Mal, als ich meine Crew auf wackeligen Beinen und bereits ziemlich erschöpft nach 45km das erste Mal treffe. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nach der Verpflegung kann ich mich wieder auffangen und über die nächsten 10 Stunden hinweg Minute für Minute und Platz für Platz nach vorne arbeiten. Meine beiden Pacer Nico und Joel leisten für den letzten Streckenteil einen hervorragenden Job und halten mich gekonnt auf Kurs. 24 Stunden sind nun wieder greifbar.

15 Kilometer vor dem Ziel wirds richtig zäh und nichts will mehr gehen. Ich brauche eine Energiespritze – dringend. Und sie kommt von Joel. “When everybody is getting weaker – you are only getting stronger. The longer the race – the stronger you are getting”. „Wenn alle schwächer werden, werden wir stärker. Je länger das Rennen geht, desto stärker werden wir werden.“ Seine Worte werden mein Mantra und dieser Funke der Weisheit vermag ein neues Feuer der Leidenschaft zu entfachen. Ich laufe wieder. Hart. Ich gebe Gas. Schmerzen, Zweifel und Unsicherheit gehen über Bord und wir fliegen dem Ziel entgegen. Nach 22 Stunden 50 Minuten bleibt die Uhr stehen – fast eine Stunde schneller als 2015. Ich bin erschöpft. Ich bin glücklich. Ich bin danbar. Und mein Rücken hat gehalten.

La grande balade

Die Erholung vom Western States 100 verläuft gut. Der Focus lieg nunt auf dem UTMB. Mit all den Top-Athleten, die dieses Jahr nach Chamonix kommen, verspricht die 170 Kilometer lange mit 10’000 Höhenmeter gesprickte Runde um den Mont-Blanc ein Spektakel zu werden. Als wir in Chamonix ankommen, das sind Joel, Daniel und ich, findet der Sommer beinahe über Nacht sein abruptes Ende. Schneefall bis 1800 Meter, Regen und starker Wind ist angesagt. Bereits kurz nach dem Start nimmt dicker Nebel uns Läufern die Sicht und Regen setzt ein. Eine Szenerie die sich in den kommenden Nächten und Tagen nicht mehr ändern wird. Die Aufstiege hoch zum Col de Bonhomme und Col de la Seigne sind entsprechend nass, kalt und alles in allem ziemlich misearbel. Der Verpflegungsposten zu Halbzeit in Courmayeur kommt mir sehr gelegen, wie auch die gemeinsamen Kilometer mit netten Läufern hoch zum Grand Col Ferret, wo uns der Berg mit Schnee, Hagel und Wind eine Lektion in Demütigkeit lehrt. Ich bewege mich nur noch langsam. Mir ist kalt. Mein Körper ist ausgelaugt und schmerzt. Erst Kilometer später nach Trient finde ich wieder etwas Energie. Der letzte Aufstieg fordert noch einmal alles. Müde, aber glücklich treffe ich nach 31 Stunden und 48 Minuten in Chamonix ein. Erneut fast eine Stunde schneller als 2014.

Alex Brennwald

UTMB Ziellinie in Chamonix

You are only getting stronger

Warum schreibe ich all dies? Um ehrlich zu sein, ich weiss es nicht. Aber ich möchte gerne meine Gefühle teilen. Wenn ich mich an all die dunklen Studen vom letzten Herbst und Winter zurückerinnere, dann bin ich unendlich dankbar, dass ich mich so gut erholt habe und sogar beim Western States 100 wie auch beim UMTB dabei sein durfte. Ich werde diesen einen Morgen nie mehr vergessen, an welchem ich von meinem Bett habe aufstehe wollen und mein gelähmtes Bein mich nicht mehr getragen hat. Und ich werde ebenfalls all die Stunden Training, Physiotherapie und Artzbesuche nicht vergessen, die, jede für sich gesehen, kaum eine spürbare Verbesserung gebracht haben. „You are only getting stronger – wir werden nur stärker werden“ hat Joel irgendwo auf dem Western States Trail gesagt. Und er hatte Recht, wir wurden stärker. Und wir werden nicht aufhören weiter zu gehen.

Alex Brennwald

Lauf, als hätten Deine Füsse den Boden noch nie berührt

Es mir natürlich voll bewusst, dass es viele Leute gibt, die viel schwierigere Probleme zu bewältigen haben. Nichtsdestotrotz möchte ich hervorheben, dass der Weg zur Besserung viel länger und beschwerlicher sein kann, als wir uns das wünschen. Aber oft führt der Weg dann doch zu einem guten Ziel. Und genau dieses gute Ziel sollte nicht als ein Ziel verstanden werden, welches von der breiten Masse als das Richtige und das Gute angesehen wird. Vielmehr handelt es sich um ein persönliches Ziel. Natürlich bin ich glücklich mit meinem persönlichen Western States 100 und UTMB Erfolg, aber es ist mir auch klar, dass man diese Rennen viel schneller laufen kann. Aber das macht mich nicht glücklich. Es ist viel mehr der einfache Umstand dass ich aufstehen, meine Schuhe schnüren und auf einen Lauf gehen kann. Dass ich den Trail unter meinen Füssen, die Luft in den Lungen und den Wind im Gesicht spüren kann. Ich werde die Zeit nie vergessen, wo diese Dinge nicht ganz selbstverständlich waren. Manchmal dauert der Weg lange und das Ziel ist gegen aussen nicht spektakulär. Aber das ist nicht wichtig. Es ist Dein Weg und Dein Ziel. Und während dessen sollten wir nie vergessen: We are only getting stronger!

 

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