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Das Montreux Trail Festival hat alles richtig gemacht und mit seinem Konzept etwas Jazz in die alpine Trail Running Szene gebracht. Mit Diego Pazos im Organisationskomitee sind Lebensfreude, knackige Trails und eine mit viel lokalem Wissen zusammengestellte Strecke Teil des Erlebnisses. Neben dem gemütlichen Beisammensein in Montreux steht die sportliche Betätigung im Vordergrund. Bereits bei dieser ersten Ausgabe stehen 7 (!) Events zur Auswahl. Unser Autor Kurt Nadler war auf der langen Strecke über 164km mit satten 12’000hm D+ mit dabei. Hier sein Bericht.

Montreux Trail Festival

Wer Montreux hört, denkt in erster Linie an das Jazz Festival. Dies wird sich zukünftig insbesondere in der Trailrunning Szene rasch ändern. Durch die Vielzahl an Angeboten findet sich für jeden begeisterten Bergläufer etwas, was sein Herz begehrt.

 

Folgende Startplätze stehen zur Auswahl:

La MXtrem 164 km 12’000 hm
La Villars 60 hm 3’908 hm
La Leysin 30 km 2’050 hm
Freddies Night 15 km 980 hm
La Positive 5 km 1’000 hm
La Familiale Relais 2+33+1 km 2’100 hm
La MX Kids 2km 0 hm

Tour des Alpes Vaudoises

Ich nutze die Gelegenheit, möglichst viel von den Waadtländer-Alpen zu sehen und melde mich für die längste Strecke an. Im vorab versandten Roadbook sind die wichtigsten Informationen über Strecke und Programm sehr übersichtlich dargestellt. Das Abholen der Startunterlagen erfolgt schnell und unkompliziert. Es besteht die Möglichkeit, 2 Drop-Bags für unterwegs (70 km &125 km) abzugeben. Die Wetterprognosen versprechen Gutes und ich freue mich auf einen erlebnisreichen Lauf.

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Start

Schloss Chillon © Montreux-Trail-Festival

Der Startort am See ist idyllisch gewählt und hat mit dem Schloss Chillon einen würdigen Hintergrund. Pünktlich um 06:00 werden wir am Freitag im Morgengrauen auf die Strecke geschickt. Dabei laufen wir nur gerade die ersten paar Meter flach, bevor es bereits die ersten 1’400 Höhenmeter zu bewältigen gilt. Ich habe mich im Mittelfeld eingereiht und ärgere mich jetzt über meine Vordermänner, welche im Gänsemarsch gemächlich den ersten Aufstieg erklimmen. Das Überholen gestaltet sich auf dem engen Weg als schwierig und ich versuche deshalb, den eher langsamen Start als Vorteil zu sehen. Im Hochnebel entschwindet rasch der herrliche Blick über den Genfersee und es wird merklich kühler. Der Pfad verläuft zwischenzeitlich auf einem Forstweg und ich kann endlich einige Läufer passieren.

Jaman – Col des Gaules – Crau Dessous – La Lécherette

Nach 9 Kilometern erwartet mich beim Col de Jaman die erste Verpflegungsstelle. Die breite Auswahl stimmt mich zuversichtlich, dass ich unterwegs nicht verhungern werde. Auf Kuhweiden geht es teilweise weglos runter, bevor mich der steile Anstieg zum Col des Gaules erwartet. Dabei überholt mich Pascal Pittet (ein mir von früheren Rennen bekannter Laufkollege) und ich versuche so gut als möglich mitzuhalten. Die Gegend von La Lécherette empfängt uns mit feuchten Moorweiden und ich bleibe mehr als einmal darin stecken. Meine Schuhe haben jetzt nicht nur eine neue Farbe, sondern sie wurden auf wundersame Weise auch doppelt so schwer wie vorher. Pascal ist in der Zwischenzeit aus meinem Blickfeld verschwunden und so schliesse ich mich einer 2er Gruppe an.

Lioson – Pic Chaussy – Pillon – Alpage de la Croix

Der faszinierende Anblick des Lac Lioson entschädigt für die geleisteten Kilometer. Meine beiden Mitläufer entschliessen sich kurzfristig für ein Bad, entledigen sich den Laufkleidern und springen in das kühle Nass. Das Publikum beim nahen Verpflegungsposten erfreut sich dieser Tatsache und applaudiert heftig. Ein Gitarrenspieler schmettert flotte Lieder und die Sonne lacht mir ins Gesicht. Freude herrscht! Steil geht es jetzt rauf zum Pic Chaussy, bevor es ziemlich abschüssig inmitten der Lawinenverbauungen wieder runtergeht. Meine gute Laune schlägt sich in meinem Tempo nieder und bald darauf kann ich Pascal und andere weitere Teilnehmer überholen. Der Weg von Pillon nach Les Diablerets schlängelt sich beschaulich dem Fluss entlang und die Zeit vergeht wie im Flug. In der Zwischenzeit hat mich Pascal wieder eingeholt und seine 5-köpfige Betreuermannschaft erwartet ihn bereits beim nächsten Verpflegungsposten. Während ich mich am Sirup labe, höre ich das zischende Öffnen einer Pepita-Dose. Das ist für mich mit Abstand der bis anhin härteste Moment in diesem Lauf. Ich frage ihn, ob wir zusammen weiter loslaufen wollen; er lehnt jedoch dankend ab. Offensichtlich gibt es da noch einen grösseren Vorrat an kühlen Getränken. Also einfach ignorieren und weiter!

Pascal immer im Nacken © Philippe Carrard

Solalex

Nach 12,5 Stunden und 70 km treffe ich zusammen mit Pascal bei der ersten ‘Life-Base’ ein und lasse mir meinen Drop-Bag ausliefern. Als nicht ganz unerfahrener Läufer entnehme ich diesem eine Flasche Apfel-Schorle: Wahres Gold! Besonders erwähnenswert sind hier die Helfer, welche sich sichtlich Mühe geben.

Solalex © Philippe Carrard

Pont-de-Nant – Col des Pauvres

Die Strecke führt zu Beginn über ein beschauliches, steiniges Hochland. Nebst einigen Gämsen bin ich jetzt völlig alleine in dieser rauen Gegend. Wohin ich auch blicke, keine Menschenseele ist zu entdecken. Ich fülle meine Getränkereserven bei der Pont-de-Nant und versuche, so viele Kilometer wie möglich noch bei Tageslicht zu Absolvieren. Beim folgenden steilen Aufstieg senkt sich die Sonne langsam über die fernen Gipfel. Der rote Schein wird dabei vom Genfersee reflektiert und ich präge mir diese anmutigen Momente bewusst ein. Weniger Positive sollen gleich folgen, denn während ich mich teilweise mit Hilfe von Seilen Meter um Meter hochkämpfe, wird der Weg immer technischer und zusätzlich gefährlich abschüssig. Dank meinen Stöcken fühle mich jedoch sicher. Umso grösser ist der Ärger, als kurz darauf einer meiner Stöcke bricht. Was für eine Erleichterung, als mir vom nahen Gipfel ein Helfer entgegenleuchtet. Also habe ich diese Steigung endlich geschafft. «Du hast noch etwa 45 Minuten bis zum Gipfel und Vorsicht, gleich wird es technisch» erläutert mir oben angekommen der Helfer. Was mir wie ein schlechter Scherz vorkommt, wird gleich Realität. Etwa 15 Helfer stehen bereit und weisen mir Schritt für Schritt mit Scheinwerfern den Weg. «Achtung, jetzt musst Du den Fuss auf den linken Stein setzen. Vorsicht, jetzt nimm dieses Seil und ziehe dich da hoch, falle aber da nicht in das Loch hinein!» Hmmh, habe ich schon erwähnt, dass ich NICHT SCHWINDELFREI bin! Das hilft mir jetzt auch nicht weiter und ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und gehe vorwärts. Endlich, endlich verbessert sich der Weg und die Helferin funkt der Basis, dass die Nr. 116 diesen heiklen Abschnitt passiert (oder war es überlebt?) hat. «Ab hier ist die Markierung dann ein wenig dürftig» macht mich ein Helfer aufmerksam. Scherzkeks, hatte ich doch schon bis hierher den Eindruck, dass die Markierung teilweise ausbaufähig wäre. Na gut, also gehe ich der blauen Bergwegmarkierung entlang und finde ein hängendes Trassenwarnband an einem Wegweiser. Nur dumm, dass keine Richtung angezeigt wird. Mit Hilfe der Strecke auf meiner Uhr, gelingt es mir, den richtigen Weg zu finden. (Ich wusste damals noch nicht, dass ich diese Funktion im weiteren Verlauf noch öfters benötigen werde.)

Euzanne – Gryon- Villars-sur-Ollon

Und wieder bin ich wieder völlig alleine in dieser mondhellen Nacht. Die mit Fackeln beleuchtete Verpflegungsstelle hat mir gutgetan und ich komme flott vorwärts. Bereits die Hälfte der Strecke und Höhenmeter sind jetzt geschafft. Morgens um 01:00 erreiche ich Gryon, wo mich zwei freundliche Helferinnen erwarten. Es ist nicht gerade viel los derzeit, und sie erkundigen sich nach meinen Wünschen. «Ich hätte gerne etwas Kaffee» Nach kurzem Überlegen erfolgt die Antwort «Warten sie bitte 3 Minuten». Sie rennt weg und kommt anschliessend mit einer roten, herrlich duftenden Kaffeetasse von zu Hause zurück. Ich bedanke mich herzlich und starte erneut in die dunkle Nacht. Meine Uhr lade ich in der Zwischenzeit mit einer kleinen Powerbank wieder auf. Schade, kann ich Energie für mich nicht auch so einfach tanken. Der folgende Abschnitt erhält eher das Prädikat «Orientierungslauf». Mehrmals verlaufe ich mich hier und verliere wertvolle Zeit.

La Forclaz – Leysin – Berneuse

Morgens um 05:00 erreiche ich den Lac des Chavonnes. Seltsames geht hier vor; rund um den See sitzt, mit Stirnlampe ausgerüstet, eine Vielzahl von Personen. Offensichtlich ist dies ein Geheimtipp unter Fischern. Pünktlich zum Frühstück erreiche ich Leysin, wo mich die Gruppe von Pascal bereits freudig willkommen heisst. Nach Kaffee und Brot geht es wieder steil bergauf zum Gipfel von La Berneuse. Immer wieder schaue ich zurück, ob Pascal bereits wieder die Verfolgung aufgenommen hat.

Col de Chaude – Rochers-de-Naye – Haut de Caux

Das Wissen, dass nur noch 30 km vor mir liegen, beflügelt mich. Ich kann zwei weitere Mitbewerber überholen und erreiche freudig Rochers-de-Naye. Der Ausblick von hier ist überwältigend. Jetzt geht es nur noch 1’600 hm runter. Die vielen Wanderer geben mir den Weg frei und ich aktiviere meine letzten Kraftreserven.

Col de Chaude © Kurt Nadler

Rochers-de-Naye © Philippe Carrard

Montreux

Der letzte Streckenteil führt über die von Touristen befüllte Seepromenade. Die vielen aufmunternden Zurufe motivieren mich zusätzlich. Nach über 34 Stunden gelange ich überglücklich auf dem 8. Gesamtplatz ins Ziel.

Zielankunft Montreux Marché © Cyril Bussat

Es freut mich besonders, dass ich am nächsten Tag gemeinsam mit Pascal auf dem Podest stehen darf.

Siegerehrung Kat V2© Philippe Carrard

Mit einem sehr knappen Vorsprung gewinnt Sangé Sherpa vor Andrea Huser das Rennen. 72 % der gestarteten Läufer erreichen das Ziel. Der Letztklassierte mit einer Zeit von 57:48 Std.

Ich kann diese Veranstaltung mit gutem Gewissen weiterempfehlen!

 

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