Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Auf der Suche nach einem neuen Lauf-Abenteuer stosse ich im Internet auf den Namen Caballo Blanco. Caballo Blanco (Micah True) ist einer der Protagonisten im Bestseller „BORN TO RUN“. Das Buch erzählt die Geschichte der Tarahumara Indianer in Mexico, welchen eine über Generationen praktizierte Lauftechnik erlaubt,  Hunderte von Kilometern ohne Rast zurückzulegen.

Zu Ehren von Caballo Blanco wurde in Marseille eine Laufveranstaltung im Sinne von Come and share your Trail Spirit ins Leben gerufen. Dazu dürfen natürlich einige eigens dafür eingeflogene Tarahumaras nicht fehlen. Die Strecke führt durch den Nationalpark Grand site de la Sainte-Victoire, den Parc naturel régional de la Sainte-Baume sowie über die einzigartige Traumkulisse des Parc national des Calanques.

Dabei stehen folgende Startplätze über 135 km und 6‘000 Hm zur Auswahl:

L’ULTIMATE RACE® SOLO 

L’ULTIMATE RACE® RELAIS (4 coureurs)

oder aber über 65 km und 3’000 Hm

Le « HALF » ULTIMATE RACE®  SOLO

Le « HALF » ULTIMATE RACE®  RELAIS (2 coureurs)

Der Start ist für sämtliche Kategorien um 15:00 in Aix-en-Provence.

Download

Anreise

Ich kläre im Vorfeld alle möglichen Reiserouten ab und stelle fest, dass es zwar äusserst knapp aber durchaus machbar ist, am gleichen Tag anzureisen und am Folgetag wieder mit dem TGV heimzukehren. Dumm ist nur, dass ich erst nach der Anmeldung feststelle, dass die TGV Haltestelle in Aix-en-Provence ziemlich weit ab vom Zentrum liegt. So beginnt also mein Abenteuer nicht erst beim Start sondern die erste Herausforderung besteht darin noch rechtzeitig die Startnummernausgabe zu erreichen. Glücklicherweise treffe ich nach einer 7 Stündigen Zugfahrt pünktlich am Bahnhof ein. Ich spute runter zum Shuttlebus welcher ins Stadtzentrum fährt, doch der Chauffeur schliesst knapp vor meiner Nase erbarmungslos die Tür und meint der nächste Bus würde in 15 Minuten kommen. Meine Pulsuhr zeigt bereits jetzt die ersten Ausschläge, es bleibt mir jedoch nichts anderes übrig als zu warten. Den letzten Transfer vom Zentrum zum Start beim Stadion „Carcassonne“ plane ich deshalb mit dem Taxi. Wie könnte es auch anders sein, bei der Ankunft beim Gare Routinière in Aix-en-Provence ist natürlich weit und breit kein Taxi in Sicht. Mir bleibt auch wirklich nichts erspart! Ich nehme die Beine unter den Arm und eile zu Fuss über die 3 km lange Strecke. Es herrscht eine unglaubliche Hitze und der Schweiss rinnt mir unaufhörlich über die Stirn. Endlich erreiche ich um 14:00 Uhr das Stadion, welches auch schon bessere Jahre gesehen hat. Ich hole meine Unterlagen, ziehe mich um, gebe meine Taschen auf und am Ende bleibt mir tatsächlich noch eine Viertelstunde, um mich an das Klima zu gewöhnen. Egal, ich bin jetzt zumindest vor Ort und freue mich hier und jetzt teilnehmen zu dürfen.

Der Start

Marseille, Stade de Carcassonne

Unter dem Jubel des Publikums geht es bei 35 Grad im Schatten auf die Strecke. Ich bin mir bewusst, dass bei dieser Hitze der Flüssigkeitshaushalt ein zentrales Element sein wird und ich habe deshalb im Vorfeld genügend getrunken. Dennoch lechze ich bereits nach den ersten Kilometern nach Wasser. Ich halte mich zurück und drossle mein Tempo. Der Weg schlängelt sich kurz durch ein Quartier bevor es auf einem kleinen Trail weiter geht. Die Läuferschar rennt dicht zusammen und die Stimmung ist ausgezeichnet. Die 5 Tarahumaras sind bereits aus meinem Sichtfeld verschwunden. Von weitem ist das Bergmassiv des Saint-Victoires ersichtlich und ich freue mich auf die hoffentlich etwas kühlere Gipfeltemperatur.

Grand site de la Sainte-Victoire

Zuerst passieren wir einen Staudamm, auf welchem uns zahlreiche Zuschauer zujubeln und ein Brunnen Abkühlung verspricht. Der nachfolgende Aufstieg führt über einen typischen französischen Bergweg, d.h. es existiert eigentlich gar kein Weg, sondern es sind nur einzelne Farbtupfer auf Felsen vorhanden, welche die Richtung weisen. Ich habe mich hinsichtlich den sommerlichen Temperaturen extra neu eingekleidet und freue mich über meine neueste Errungenschaft: einer hauchdünnen, mit atmungsaktiven Gewebe ausgestatteter Hose. Beim ersten Kontakt mit einem Dornenstrauch vernehme ich das unangenehme Geräusch von zerreissendem Stoff. Jetzt ist meine Hose noch ine Spur luftiger! Glücklicherweise bleibt dennoch der grösste Teil an mir sitzen, so dass ich nicht befürchten muss, als Nacktwanderer wahrgenommen zu werden. Wahre Qualität halt!

Sainte-Victoire

Die ersten Schnellstarter sitzen bereits im Schatten der Bäume und warten auf Abkühlung. Ich fühle mich gut und komme nach 20 km zur ersten Verpflegungsstelle im Tal, bei der ich meine Wasservorräte auffülle und den Durst vollkommen lösche. Die nachfolgende Steigung erklimme ich in flottem Tempo und überhole zahlreiche Mitbewerber. Das Laufen und die Aussicht auf dem Kamm des Saint-Victoires lässt mein Herz höher schlagen. Gewisse Streckenabschnitte sind mit Ketten gesichert und erlauben nur ein sehr langsames Vorwärtskommen. Kurz ein Grinsen für den Fotografen aufsetzen und weiter geht es runter Richtung Tal.

Puyloubier

Hier erwartet uns auf einem kleinen Dorfplatz eine grosse Menschenmenge und ich labe mich genüsslich am Verpflegungsstand. Ein kleiner Junge schenkt mir eine willkommene Abkühlung indem er mich lachend mit dem Gartenschlauch abspritzt.

Der nun folgende Streckenabschnitt verläuft flach über 15 km auf Forst- und Teerstrassen. Offensichtlich gibt es für die Verbindung der beiden Bergmassive keine andere Routenmöglichkeit. Das Gute daran ist, dass dies eine relative hohe Pace erlaubt und sich die abgelaufene Kilometeranzahl rasch erhöht. In roter Farbe senkt sich die Sonne langsam über den Feldern und verleiht der Umgebung eine malerische Atmosphäre.

Auf dem Weg nach Trets

Bald erreiche ich den nächsten Verpflegungsposten. Die Auswahl ist deutlich eingeschränkter als vorher und ich entscheide mich für eine Suppe. Anstatt der gewohnten Nudeln schwimmen jedoch Pilze in meinem Becher, was gar nicht meinem Gusto entspricht! Na dann doch lieber halbhungrig weiterziehen. Ausgerüstet mit Stirnlampe geht es vorwärts, nur welche Richtung darf es denn sein? Die Markierung ist äusserst spärlich angebracht und die fehlenden Reflektoren erschweren die Routenwahl zusätzlich.

Die gesunkene Temperatur ermöglicht mir, das Tempo zu forcieren und ich laufe jetzt grösstenteils alleine. Nach 63 km weisen mir 2 Helfer den Weg links in den Wald und der Pfad führt jetzt in eine massive Steigung. Dornenbüsche und am Boden liegende Baumstämme behindern das Klettern. Bin ich nun plötzlich am Barkley Marathon?

Halbzeit

Nach 9,5 Std erreiche ich das Ziel des « HALF » ULTIMATE RACE® und werde gefragt, ob ich noch weiterlaufen möchte. Hallo? Na klar will ich! Ich habe ja schliesslich kein Hotel gebucht und wo sonst als auf der Strecke soll ich die Nacht verbringen? Bei den Veranstaltern und Betreuern herrscht eine ausgelassene Stimmung. Bei den Läufern ist diese etwas gedämpft, denn viele sind bereits ziemlich ausgelaugt. Dazu gehört auch der Tarahumara mit der Startnummer 1, welcher offensichtlich genug Provence-Staub geschluckt hat. Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schulter; ich persönlich hätte mit diesen Huaraches keine 10 km absolviert.

Parc naturel régional de la Sainte-Baume

Ich beginne nun langsam zu frieren und merke wie ein Frösteln durch meinen Körper geht. Ein klares Zeichen, dass ich mich bewegen muss. Also führe ich rasch den obligatorischen Ärzte-Check durch, bevor ich noch tatteriger werde. Es geht weiter bergauf, bis mir plötzlich ein anderer Läufer entgegen kommt. Offensichtlich hat er sich verlaufen. Wir versuchen gemeinsam unser Glück und am Ende einer 2 km langen Strasse leuchtet tatsächlich wieder eine Markierung. Die aufkommende Müdigkeit überliste ich mit etwas Koffein. Auf der Spitze des Sainte-Baume haben es sich 3 Helferinnen gemütlich gemacht. Das eigens dafür aufgebaute Hinweisschild  der Streckenrichtung wurde mit etwa 20 Kerzen verziert. Sehr stimmungsvoll aber seltsamerweise ist  mir in aktuell gar nicht nach Romantik zumute. Trotzdem geniesse ich diesen Moment in luftiger Höhe, denn es sind diese Augenblicke der absoluten Stille, welche einen Lauf durch die Nacht zum Highlight machen. Unter dem leuchtenden Sternenhimmel ist die Weitsicht hinreissend – die Lichter der Städte am Meer glitzern in verschiedenen Farben. Solche Augenblicke brennen sich in meine Seele.

Kilometerweit führt die Strecke über die Kuppe eines massiven Karstfelsens. Ich habe mich zwischenzeitlich mit einem anderen Läufer zusammengetan und wir harmonieren ausgezeichnet. Im Team fällt das Rätselraten bezüglich Streckenführung einfacher. Um 04:00 Uhr treffen wir beim nächsten Verpflegungsposten ein und wir werden darauf aufmerksam gemacht, dass der nächste Posten 24 Kilometer entfernt sei und wir mit etwa 3,5 Std zu rechnen hätten. Obwohl ich diese Distanz mit 1,5 Flüssigkeit in Angriff nehme und die Temperaturen noch angenehm sind, gehen diese Reserven rasch zur Neige. Was für eine Wohltat, als mir unterwegs ein Helfer eine Wasserflasche spendet! Während der Tag langsam erwacht, lässt sich aus der Ferne das nächste Etappenziel erahnen. Selbstverständlich führt der Weg nicht direkt sondern mit Umwegen gespickt nach Cassis. Ich schleppe mich mit verstaubter Kehle und leichtem Unwohlsein durch die engen Gässchen und werde von Cappuccino-schlürfenden Touristen neugierig beäugt. Normalerweise würde mir jetzt das Wasser im Munde zusammen laufen, aber selbst dazu bin ich wohl zu stark dehydriert. Die Frage, was ich jetzt am liebsten machen würde, verdränge ich in den Hinterkopf und erreiche endlich den lang ersehnten Verpflegungsposten.

Parc national des Calanques

Col de la Candelle

Wie habe ich mich im Vorfeld doch gefreut, entlang dieser Klippen zu rennen. Der nächste Posten ist 11 km entfernt, also selbst bei heissem Wetter gut machbar. Zuerst geht es runter zum Strand, dann wieder auf eine Klippe hoch, bevor es kurz darauf runter zum Meer geht. Der Weg ist jeweils sehr technisch. Dieses Schema wiederholt sich einige Male und nach einer guten Stunde schaue ich auf meine Uhr. Gerade mal 3 lumpige Kilometer bin ich vorangekommen! Das ist definitiv kein gutes Omen für die restlichen 35 km bis nach Marseille. Was ist nun das grössere Problem? Meine schwindenden Wasservorräte oder die Frage, ob ich den gebuchten Zug für die Rückfahrt noch rechtzeitig erwische. Wie ich es im Kopf auch ausrechne, es gibt für Beides nur eine Lösung: Ich muss mich sputen! Glücklicherweise gibt es zwischendurch auch immer wieder kürzere flache Wegabschnitte, so dass ich wieder Zeit gut machen kann.

Porte de callelongue

Die Sonne brennt jetzt unerbärmlich vom Himmel und ich träume von einem kühlen Getränk. Tatsächlich erscheint plötzlich aus dem Nichts ein ungeplanter Getränkeposten. Was für eine Wohltat! Immer wieder überholt mich ein Tamahurama, nur um Minuten später sich wieder im Schatten eines Busches auszuruhen. Ich wundere mich ein wenig über diese Taktik und irgendwann überholt er mich nicht mehr. Die entgegenkommenden Touristen werden nun immer zahlreicher. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Weg immer einfacher wird und die Verpflegungsstelle auf dem Parkplatz nicht mehr weit entfernt ist. Um 13:00 treffe ich dort endlich ein.

Noch 6 km bis ins Ziel, das müsste doch zu schaffen sein! Die Helferin schärft mir ein, auf diesem letzten Abschnitt besonders vorsichtig zu sein. Naja, wie wenn das nicht schon die letzten 128 km notwendig gewesen wäre. Mit grossen Schritten gehe ich motiviert weiter. Wieder geht es eine Rampe hoch, wieder ist die Markierung schlecht und wieder ist es, HEISS! Eine dieser seltenen Markierung baumelt plötzlich von einem Felsen runter. Was, hier hoch soll es gehen? Bin ich denn da auf einem Klettersteig oder eine Via Ferrata? Als würde ich nicht schon genügend schwitzen, kommt jetzt zusätzlich Angstschweiss hoch. Ich darf gar nicht an meinen Wasserhaushalt denken. Also Augen zu und hoch das Bein. Oben auf dem Felsen ist die Aussicht zwar phänomenal aber ich rutsche auf meinem Hintern ängstlich wieder runter. Nachdem einige solche Hindernisse überwunden sind, geht es langsam runter Richtung Ziel. Natürlich geht es bei km 134 nochmals 200 Meter rauf aber selbst das kann mich nach all den Strapazen nicht mehr aus der Fassung bringen.

Zielankunft

Nach 22:35 Std erreiche ich als 14ter und 2ter meiner Kategorie das Ziel im Château Pastré, wo mir erklärt wird, dass ich nun offiziel ein „Fada“ (Verrückter) bin. Ich bin glücklich endlich wieder etwas trinken zu können, zufrieden mit meiner Leistung und erleichtert, dass ich den gebuchten Zug nach Hause doch noch rechtzeitig erreiche.

Von 254 gestarteten Läufern erreichen 151 Teilnehmer das Ziel, der Erste mit 17:09 Std und der Letzte mit einer Laufzeit von eindrücklichen 33:15 Std.

Siegerzeremonie mit dem Gewinner Thomas Pigois

Mehr Informationen unter: www.ultimaterace-trail.com

Photos: © Cyril Bussat www.photossports.com

Werbung
Follow us on Facebookschliessen
oeffnen