Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Dieses  Jahr erfolgte bereits die 3. Austragung des Adamello Ultra Trail. Aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre wurde die Streckenführung optimiert und einige Neuerungen eingeführt. Der Haupevent führt über 180km und 11’500hm D+ durch die wilden Täler des norditalienischen Adamello Gebirges. Kurt Nadler war dabei und nimmt uns in seinem seinem Rennbericht mit auf seine knapp 37 Stunden lange Reise.

Adamello Ultra Trail

Sui camminamenti della grande Guerra – Auf den Pfaden des grossen Krieges.  Es braucht demnach ein Kämpferherz, um beim Adamello Ultra Trail mit dabei zu sein. Ganz friedfertig fand am Donnerstagabend vor dem Startaus Rücksicht auf die „Stranieri“ das Briefing neu mehrsprachig statt und erstmals kam ein Live-Tracking System zum Einsatz.

Der Ausgangspunkt Vezza d’Oglio ist mit dem Auto gut erreichbar. Mit öffentlichen Verkehr empfiehlt sich die Anreise via Milano – Brescia – Edolo. Sonntags besteht jedoch keine Busverbindung von Vezza d’Oglio nach Edolo, aber mit einem Lächeln und dem Daumen in der Luft erreicht man das Ziel trotzdem.

Beim Adamello Ultra Trail stehen folgende Strecken zur Auswahl:

  • 30 km          500 Hm
  • 80 km       5’500 Hm
  • 180 km   11’500 Hm

Da ich in der Regel nach einem solchen Lauf doch etwas müde bin, entschliesse ich mich für die Anreise mit dem Zug. Nach 7 Stunden Fahrt steige ich in Edolo in den Bus ein und möchte einen Fahrschein lösen. Der Buschauffeur brummt mich an, ich solle mein Ticket entwerten. Dazu müsste ich ja aber zuerst mal eines kaufen und das geht hier im Bus offensichtlich nicht. Der Chauffeur zeigt in die nördliche Richtung und schickt mich raus. Da der nächste und letzte Bus in 2 Stunden fährt, bleibe ich gaaanz ruhig. Ich frage einen Passagier, wo ich ein Ticket lösen kann. ‚Al Bar‘ ist die Antwort, also schnell dahin, die Wirtin beim Kaffeeausschank unterbrechen und wieder auf die Strasse raus. Freundlicherweise macht der Buschauffeur einen Extrahalt für mich und lässt mich vor der Bar einsteigen. Stolz präsentiere ich ihm mein 1-Euro Ticket. Also geht doch

In Vezza d’Oglio begebe ich mich als erstes zur Startnummernausgabe. Diese befindet sich gleich neben dem geschmückten Dorfplatz, wo fleissige Männer gerade dabei sind, den Startbogen aufzustellen. Gerade mal 90 Athleten haben sich für diesen Wettkampf angemeldet, so entstehen auch keine langen Warteschlangen. Ich habe im Voraus eine Unterkunft für Donnerstag- und Samstagnacht gebucht. Der Veranstalter bietet aber auch die Möglichkeit zum Gebrauch von Feldbetten im nahegelegenen Schulhaus.

Download

Abends um 20:30 findet das angesagte Briefing in einem historischen Gebäude statt. Die Platzverhältnisse sind dabei recht eng. Sämtliche Informationen werden in Italienisch und in Französisch wiedergegeben. Ein weiterer Referent fasst die Angaben ziemlich knapp in Englisch zusammen. Man spürt, dass hier nicht der Wettkampfgeist im Vordergrund steht, sondern die Botschaft, dass alle im Raum Teil der Trail-Familie sind und wir eine gemeinsame grosse Reise vor uns haben. Es wird nochmals auf die Schwierigkeiten und die „gefährlichen“ Passagen aufmerksam gemacht. Diese sind alle mit „Pericoloso“ Schildern versehen und man sollte an diesen Stellen einfach langsam gehen und nicht stolpern; ansonsten sind sie aber problemlos zu bewältigen. Es ist mir ziemlich peinlich, dass der Rennleiter am Schluss unter anderen mich als bekannten Läufer und als Favoriten für einen Platz innerhalb der Top 10 namentlich erwähnt. Offensichtlich bin ich hier ganz tief in der Provinz gelandet.

Adamello Ultra Trail

Briefing am Vorabend (Bild: Adamello Ultra Trail)

Vor dem Start hole ich meinen Tracker ab und gebe meine „Borsa“ ab, welche mich in der Hälfte der Distanz in Ponte di Legno erwarten wird. Es freut mich sehr, meine Bekanntschaft vom Orobie Ultra Trail, Claudio Rossi zu treffen. Pünktlich um 09:00 erfolgt der Start zum 3. Adamello Ultra Trail. Die vielen Kinder, welche offensichtlich zu diesem Jahres-Ereignis kurzfristig frei bekommen haben und den Strassenrand säumen, sind richtig rührend und tragen zu einer sehr sympathischen Atmosphäre bei.

Adamello Ultra Trail

Geschenke für die Stimmungsmacher (Bild: Adamello Ultra Trail)

Recht schnell zieht das Feld los, ich nehme es angesichts der Streckenlänge vorerst gemütlich. Rasch schlängelt sich der Weg auf einem schmalen Trail die ersten 1’500 Meter hoch. Plötzlich zappelt und fuchtelt der vordere Läufer wie wild um sich. „Bienen“ schreit er! So ein Blödsinn, es sind doch keine Bienen sondern „Wespen“! Ich schlage ebenfalls um mich und renne so schnell wie möglich weiter. Mögen sich die Biester doch den nachfolgenden Läufern widmen; und das tun sie dann auch fleissig. Glücklicherweise kriege ich nur einen Stich in den Arm ab,  nicht weiter schlimm, ich beabsichtige ja keine Handstände zu machen. Weniger Glück hat mein Vordermann. 3 Stiche in die Kniegegend stimmen ihn nicht gerade zuversichtlich. Es handelt sich dabei um Gregor aus München, welcher bereits im Vorjahr auf dieser Strecke unterwegs war. Er erklärt mir, dass letztes Jahr aufgrund von leichtem Schneefall, die Strecke verkürzt wurde und aus wesentlich weniger Höhenmetern bestand. Basiert mein Zeitplan also auf einer anderen Strecke, frage ich mich? Da hätte ich mir die 2. Hotelübernachtung wohl sparen können. Wir stellen im Gespräch fest, dass wir beide den Alpen X absolviert haben. Wie es scheint haben wir also ähnliche Hobbys. Auch vom Tempo her passt es eigentlich ganz gut. Er hat einen akribisch genauen Streckenplan dabei und kennt auch die vor uns liegenden Höhenmeter im Detail. Als er mir dann noch von der Pace im letzten Abschnitt vom Vorjahr erzählt, staune ich doch, dass ich in der Regel auch ohne solche Details zu kennen, überhaupt ins Ziel gelange. Meine Vorbereitung besteht lediglich darin, dass ich mir die Distanz zu den Ristoros merke und den Rest nehme ich so wie es kommt, mal geht’s rauf, mal geht’s runter.

Langsam tauchen wir aus dem Nebel und eine wunderbare Bergwelt eröffnet sich uns. Der Weg führt jetzt teilweise durch alte, steinerne Schützengräben und immer wieder begegnen uns weidende Wildpferde. Ganze Bergkämme sind hier überbaut mit Festungsanlagen – sie zeugen vom Krieg vor 100 Jahren zwischen Österreich-Ungarn und Italien.

Adamello Ultra Trail

Bocchetta di Val Massa (Bild: Adamello Ultra Trail)

4 Stunden sind zwischenzeitlich vergangen und das Läuferfeld hat sich stark auseinander gezogen. Neben mir läuft immer noch Gregor, welcher teilweise von starken Bauchschmerzen geplagt wird. Die Landschaft ist traumhaft und die Gastfreundschaft in den Verpflegungsstellen unvergleichlich. Stellenweise kommt nun wieder dichter Nebel auf und die Sicht wird durch die einbrechende Dunkelheit erschwert. Auftretender Nieselregen erfordert den Einsatz der Pflichtausrüstung, was aber meiner guten Stimmung keinen Abbruch tut. Im nächsten Ristorore genehmigen wir uns eine warme Minestrone. Während ich meine Suppe auslöffle, möchte ein Helfer ein Interview mit mir machen. Ich hoffe doch sehr, dass dieses nie den Weg in die Öffentlichkeit findet! Zum Dank kriege ich ein richtiges italienisches Espresso.

Adamello Ultra Trail

Rifugio-al-pietrarossa (Bild: Adamello Ultra Trail)

Der nächste Gipfel mit dem wohlklingendem Namen „Città morta“ wartet auf uns. Stunden später kommen uns 2 Läufer aus der Dunkelheit entgegen. Diese haben offensichtlich den weiteren Verlauf des Weges verloren. Ich orientiere mich anhand des Tracks auf meiner Uhr und ich gehe zielsicher durch die Wiese. Kurze Zeit später stehen wir nicht im Schilf, sondern im Sumpf. Ein italienischer Läufer meldet sich telefonisch bei der Rennleitung um die genaue Position und den richtigen Weg zu ermitteln. Unsere Tracker sind jedoch derzeit nicht ersichtlich, so dass wir auf uns alleine angewiesen sind. Also kehren wir zur letzten Markierung zurück und finden schlussendlich doch noch die richtige Richtung. Erst später bemerke ich, dass ich nur noch über einen Stock verfüge. Gregor, der sich ein weiteres Mal mit Magenproblemen herumschlägt, fordert mich auf, seine Stöcke zu nehmen und alleine weiter zu ziehen. Ich lehne seinen Vorschlag dankend ab, und erkläre ihm aufmunternd, dass er seine Stöcke bis ins Ziel selber noch benötigen wird. Da es mich jetzt fröstelt, forciere ich das Tempo und vereinbare mit Gregor, dass wir uns in der Rennhälfte bei Ponte di Legno wieder sehen werden.

Adamello Ultra Trail

Sterne zum greifen nahe (Bild: Adamello Ultra Trail)

Ich bin bereits am Essen meiner Teigwaren, als Gregor eintrifft. Ich ziehe mich kurz um und verlasse mit dem Wissen, die halbe Distanz geschafft zu haben, alleine die Life-Base, da sich Gregor noch massieren lässt. Ein Anstieg von 1500 steht mir bevor – es herrscht stockdunkle Nacht. Der Regen prasselt auf meine Jacke und ich spüre mit dem kühlen Wind die Elemente der Natur. Auf halber Höhe sehe ich weit unter mir eine Lampe leuchten. Ich halte kurz an und freue mich, als ich erkenne, dass sich Gregor entschlossen hat, weiterzukämpfen und auf eine Beruhigung des Magens zu hoffen. Gemeinsam erklimmen wir die restlichen Höhenmeter. Auf dem Runterweg muss Gregor erneut erbrechen. Bei der nächsten Verpflegungsstelle zeige ich mich nach dem Verzehr eines Stücks Frischkäse solidarisch und übergebe mich ebenfalls. Es ist wahrlich zum Kotzen. Wir lassen uns jedoch von sowas nicht unterkriegen und kommen bei Tagesanbruch in Potagna an. Der Verpflegungsposten (insgesamt hat es deren 21 Stück) ist in einer Halle, welche auf gefühlte 40 Grad geheizt wurde. Also nochmals 2x Menü Minestrone und Cola und beide hoffen, dass wir uns von dieser Mahlzeit nicht gleich wieder trennen müssen. Und tatsächlich geht es uns beiden 1 Stunde später wieder besser. Noch liegt die Gegend im Nebel und es ist optimal zum Laufen.

Ristoro Paghera-di-stadolina (Bild: Adamello Ultra Trail)

Ristoro Paghera-di-stadolina (Bild: Adamello Ultra Trail)

Lange Waldwege ziehen sich endlos hin. Ab km 120 wechselt die Landschaft abrupt und es geht fast senkrecht hoch in Richtung Adamello Massiv.

Adamello Ultra Trail

Aufstieg zum Adamello Massif (Bild: Adamello Ultra Trail)

Auf dem Plateau angekommen, eröffnet sich uns ein herrlicher Ausblick. Weisse Gipfel spiegeln sich im stahlblauen Wasser eines Sees.

Adamello Ultra Trail

Lago d’Âviolo (Bild: Adamello Ultra Trail)

Der Passo Gallinera kommt langsam in Sichtweite und weiter geht es hoch, bevor es wieder steil bergab in Richtung Edolo geht. Mittlerweile scheint die Sonne am wolkenlosen Himmel und gibt uns eine Kostprobe von der Hitze, welche hier im Sommer herrschen muss.

Adamello Ultra Trail

Passo Gallinera (Bild: Adamello Ultra Trail)

Erst jetzt überholt uns der erste Läufer der 80 km Strecke. Nach einer kurzen Stärkung in Edolo geht es lange Zeit auf einer betonierten Strasse hoch. Wir versuchen, noch möglichst vor Einbruch der Dunkelheit, den zweitletzten Gipfel zu überwinden. Dass wir dabei nicht von weiteren 80 km Läufern überholt werden, zeigt uns, dass diese entweder nicht mehr so munter oder aber wir beide noch verhältnismässig gut drauf sind. Jedenfalls legen wir wieder ein flottes Tempo an und beeilen uns Richtung Ziel. Als meine Uhr eine Luftdistanz zum Ziel von 6 km anzeigt sticht mich der Hafer und ich ziehe nach kurzer Absprache alleine los. Die Lichter von Vezza sind in der Dunkelheit bereits gut im Tal ersichtlich und ich beginne meine Ankunftszeit zu berechnen. Die Wegmarkierung zeigt jedoch plötzlich aufwärts anstatt ins Tal. Das kann ja nur ein kurzer Zwischenaufstieg sein, hoffe ich zumindest. 30 Minuten später beginne ich dann doch langsam an der Richtigkeit des Weges zu zweifeln. Bin ich etwa irrtümlich auf der 2. Runde des 180 km – Laufes gelandet?? Auch die Anzeige auf meiner Uhr ist ungenau und so bin doch ziemlich erleichtert, als nach weiteren 30 Minuten ein erneuter Kontrollposten auftaucht. Nun geht es endlich nur noch abwärts. Ich verdränge die Schmerzen der Blasen und renne so schnell wie möglich in Richtung Ziel. Die letzten Meter sind immer die schönsten und so geniesse ich meinen Zieleinlauf. Dieser steht wieder einmal unter dem Motto „Kann man nicht kaufen“: Ich werde vom Rennleiter des Adamello Ultra Trail nach 37,5 Std zum 10. Rang beglückwünscht und darf meinen Lauf und das Erlebte noch kurz kommentieren.

Als mir dann eine kleine Musikgesellschaft extra noch ein Ständchen hält und das Publikum applaudiert, bin ich doch sehr gerührt. Kurze Zeit später trifft auch Gregor im Ziel ein und wir gratulieren uns gegenseitig für das gelungene Abenteuer.

Adamello Ultra Trail

Gutes Teamwork (Bild: Kurt Nadler)

Da eine längere Heimreise vor mir Stand, musste ich leider am Sonntag auf die Siegerehrung (die ersten 10 jeder Kategorie) verzichten. Neu wurde dieses Jahr jeder einzelne Finisher (analog TDG) namentlich aufgerufen und mit einem Sweatshirt belohnt. Gerade mal 43 Teilnehmer erreichten das Ziel innerhalb der Vorgabezeit von 53 Stunden. Was diesen Lauf rund um diese Trail-Familie so speziell macht, lässt sich am besten an einer Situation vom Vorjahr erläutern. Da absolvierte doch ein etwas kräftig gebauter Einheimischer den langen Lauf und kam 2 Minuten nach der Cut-Off Zeit in Vezza d’Oglio an. Kurzerhand wurde die Wettkampf-Uhr 2 Minuten zurückgestellt und der Finisher auf das Podest beordert. Der arme Kerl war emotional dermassen durcheinander, dass nur noch die Tränen flossen.

Autor: Kurt Nadler
Bilder: Adamello Ultra Trail Veranstalter
Mehr Informationen: → http://www.adamelloultratrail.it

 

Werbung
Follow us on Facebookschliessen
oeffnen