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Eine Alpenüberquerung über 100 Meilen ist eine reizvoll Idee. Die Eventagentur PlanB hat es dieses Jahr das erste Mal umgesetzt. Mit dem Alpen X führen 3 Rennformate jeweils entweder von Seefeld über 160km mit 9224hm D+, von Steinach über 102km mit 6121hm D+ sowie von Gossensass über 70km mit 4205hm D nach Brixen. Das Wetter war für diese Erstaustragung nicht besonders gut. Zusammen mit der harten Streckenführung wurde der Alpen X für manchen Trail Runner zur Grenzerfahrung. Dies schlägt sich ebenfalls in der sehr tiefen Finisherquote von unter 40% nieder. Ob es PlanB gelingen wird, den Alpen X in dieser Form zu etablieren, wird sich weisen. Kurt Nadler war auf der 100 Meilen Alpen X Strecke dabei. Hier sein Rennbericht.

Alpen x 100 Meilen – von Seefeld nach Brixen

Seit über 10 Monaten warte ich auf diesen Moment. So lange ist es bereits her, seit mir der Veranstalter PlanB den Mund für dieses grossartige Abenteuer wässrig gemacht hat. Der Werbetrailer ist verlockend gemacht; fröhliche Läufer, die bei schönstem Wetter lächelnd über hochalpine Wege frohlocken und sich schlussendlich glücklich auf dem Domplatz in Brixen einfinden.

Dass die Realität anders aussieht, bin ich mir bewusst. Stehe ich doch hier am Freitagabend am Startplatz in Seefeld nicht nur sprichwörtlich im Regen. Trotzdem bin ich dankbar, dass ich hier in einem einigermassen fitten Zustand teilnehmen darf.

Alpen X

Startgelände in Seefeld im Regen (Bild: Kurt Nadler)

Beim Alpen X werden folgende Strecken angeboten:

  • 160.4 km mit 9’224 hm von Seefeld nach Brixen
  • 102 km mit 6’121 hm von Steinach nach Brixen
  • 70 km mit 4’205 hm von Gossensass nach Brixen

Für die Reise nach Seefeld konnte ich glücklicherweise eine Mitfahrgelegenheit mit meiner Trainingspartnerin Cornelia Hauser nutzen. So komme ich entspannt in ein gut organisiertes Startgelände. Die Pastaparty ist leider schon vorbei, so dass wir uns im Restaurant vor Ort verpflegen. Bei einem etwas zähen Race-Briefing werden nochmals die Teilnahmebedingungen erläutert, welche man Stunden zuvor bereits unterschrieben hat. Es gibt aber auch einiges an nützlichen Informationen. Gemäss den Wetteraussichten, es ist ja schliesslich Sommer und wir ziehen gegen Süden, entscheide ich mich für die leichte Regenjacke, was sich im Nachhinein als schlechte Wahl herausstellt.

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Feuchter Start ins Abenteuer

Pünktlich um 22.00 Uhr nehmen 160 Optimisten das Abenteuer in Angriff. Nach einem kurzen flachen Stück geht’s runter ins Inntal. Ich halte mich hier bewusst zurück und lasse viele Läufer an mir vorbeiziehen. Rasch ist die 1. Verpflegungsstelle erreicht, wo ich interessiert die Auswahl begutachte. Hatte ich doch befürchtet, nur Riegel, Gel und Iso vorzufinden. Das Gegenteil ist der Fall, und hier verdient der Organisator wirklich ein grosses Lob. Bei sämtlichen ‚Labestellen‘ ist die Auswahl vielfältig und sehr abwechslungsreich. Sofern der Appetit noch da ist, verhungert auf dieser Strecke niemand. Es reicht von Kartoffelsalat über Butterbrote, Joghurt, Suppen, Nüsse bis zu Zitronentee (mein Favorit).

Leider ist die Strecke nicht mit reflektierenden Fanions ausgestattet, was die Orientierung etwas erschwert. Diese sind erst ab dem Penserjoch eingesetzt. Derzeit sind jedoch noch genügend Leute in Sichtweite und so folge ich einfach dem Pulk. Ich komme gut voran und spüre in der Nacht keine mentale Müdigkeit. Tolle Singletrails wechseln sich mit Forststrassen ab. Nieselregen aus dem Nebel hält die Feuchtigkeit hoch.  Langsam erwacht ein neuer Tag und um 06.00 Uhr treffe ich bei der Blaserhütte  zum Frühstück ein. Gestrichene Brote mit Erdbeerkonfitüre und warmer Tee kommen jetzt genau richtig. Frisch gestärkt fliege ich einen knackigen Downhill runter.

Alpen X

Blaserhütte (Bild: Kurt Nadler)

Steinach und die neuen Weggefährten

Kurz nach halb acht Uhr treffe ich in Steinach ein. Hier warten bereits nervöse 100 km Läufer auf den bevorstehenden Start. So ist es nicht verwunderlich, dass ich kurz darauf freundlich von Adrian Brennwald begrüsst und überholt werde. Es ist jetzt wieder viel mehr Leben auf der Strecke und einige Läufer mit frischen Kräften ziehen locker an mir vorbei. Trotz der Helligkeit werde ich mental immer müder. Am liebsten würde ich mich hinlegen und eine Stunde schlummern aber die anhaltende Nässe hält mich davon ab und ich nehme etwas Koffein ein.

Es klart jetzt langsam auf und ich nehme die wundervolle Umgebung allmählich besser wahr. Immer wieder treffe ich jetzt auf Läufer, welche die erste Streckenhälfte zu forsch angegangen sind und dafür Tribut zollen. Weiterhin in gut gefühlter Form erreiche ich Gossensass, wo mich ein Arzt kritisch prüft und weiterziehen lässt.

Ich habe gut 90 km in 15,5 Std geschafft. Ich bin optimistisch, dass ich es in meiner anvisierten Zeit von 32 Std bis ins Ziel schaffen werde. Alleine ziehe ich weiter, alleine bin ich auch 1 Stunde später noch. Bin ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Einsam spule ich km um km ab und erblicke erfreut die nächste Verpflegungsstation.

Alpen X

Wipptal (Bild: Kurt Nadler)

Beim folgenden Downhill macht sich die Müdigkeit meiner Beine immer mehr bemerkbar und durch die Schmerzen in den Kniekehlen werde ich noch langsamer. Ich beschliesse gewisse Streckenabschnitte langsam zu gehen um mich etwas zu schonen. Selbst dabei überhole ich einen Konkurrenten, welcher sich entschlossen hat, beim nächsten Posten aufzuhören. Meine Überredungskunst fruchtet bei ihm nicht, seine Schmerzen sind einfach zu gross. Unten im Tal angekommen gelingt es mir wieder leicht, bis nach Gasteig zu joggen; noch 55 km liegen vor mir.

Alpen X

Bergsommer am Oberbergernsee?! Naja, es regnet wenigstens nicht (Bild: Kurt Nadler)

Penserjoch – rau und technisch

Auf einem längeren Asphaltabschnitt höre ich hinter mir das klassische Geräusch von Walkern. Die Gruppe besteht aus vier 100-km Läufern, welche mich rasch überholt. Ich entschliesse mich, ihnen zu folgen und „erhöhe“ mein Tempo. Gemeinsam erklimmen wir in der Folge den Weg zum Penserjoch. Die Strecke ist ein Wanderweg wie man ihn in Italien oft antrifft, d.h. überwuchert, schlecht beschildert und deshalb schwierig zu laufen. Es ist zum Glück noch hell und ich kann mir die Schwierigkeiten in der Nacht gut ausmalen.

Alpen X

Schlüsselstelle Penserjoch (Bild: Kurt Nadler)

Auf der Passhöhe peitscht ein eisiger Wind. Die Labestelle befindet sich im Freien und ich kann meinen Becher voll Cola nicht mehr ruhig halten, so stark zittern mein Hände. Es ist inzwischen 21.00 Uhr und ich ziehe mir sämtliche mir zur Verfügung stehenden Kleider über und nehme die Nacht gemeinsam mit meinen neuen Kollegen in Angriff. Abwechselnd übernehmen wir die Führung und helfen uns bei der Orientierung. Das Gelände wird jetzt immer schroffer und anspruchsvoller. Ich merke jedoch rasch, dass ich der Einzige bin, der sich über diese raue Gegend freut. Erinnerungen an frühere Läufe werden bei mir wach und ich strahle über das ganze Gesicht. Während teilweise über die Streckenwahl geschimpft wird, empfinde ich die zwischenzeitlichen Kletterpartien trotz der Kälte als willkommene Abwechslung. Stunden vergehen, ohne dass wir grosse Distanzen zurücklegen können. In der Marburger Hütte werden wir mit einer herrlichen Suppe verwöhnt und können uns wieder etwas aufwärmen. Unterwegs wird die Kameradschaft gross geschrieben, es wird bei Bedarf langsamer gelaufen, Pause gemacht, Essen und sogar Stirnlampen geteilt.

Dem Morgen entgegen ins Ziel

Erst um 04.00 Uhr morgens erreichen wir die nächste Labestelle. 20 km trennen uns noch vom Ziel und die Zuversicht anzukommen, steigt immer mehr, zumal der Weg nicht mehr so steinig sein sollte. Die Müdigkeit in der Gruppe ist sehr unterschiedlich, so dass wir uns entscheiden, den letzten Teil wieder getrennt zurückzulegen.

Alpen X

Blick in die Dolomiten (Bild: Kurt Nadler)

Langsam erwacht ein neuer Tag. Es ist wolkenlos, der Wind bläst jedoch unvermindert kühle Luft an meine Wangen. Ich fange die ersten Sonnenstrahlen auf und erblicke das Ziel tief unten im Tal. Ein grosses Glücksgefühl umfängt mich, denn ich werde mir bewusst, dass mein Traum von einem Zieleinlauf in Brixen Tatsache werden wird.

Eine Stunde später werde ich nach 34:15 Std und als 4. meiner Kategorie, von meiner Frau im Ziel herzlich empfangen.

Alpen X

Nach 34h15min und 100 Meilen glücklich im Ziel (Bild: Kurt Nadler)

Rückblickend kann ich der Organisation und jedem Finisher (61) zu diesem Event nur gratulieren. Die Strecke ist sehr schön, aber auch hart und bei schlechten Wetterbedingungen bisweilen sogar brutal. Der Organisation deswegen einen Vorwurf zu machen finde ich persönlich ungerechtfertigt. Jeder Teilnehmer muss sich beim Start dessen bewusst sein und seine Grenzen persönlich richtig einschätzen können, d.h. er muss sich auch bei nicht optimaler Wegmarkierung zurechtfinden können (GPS-Gerät).

Hier der Trailer, der den Alpen X bei schönem Wetter zeigt.

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