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Der Mont Blanc und seine Ausleger sind wohl sowas wie das Epizentrum des Trail Runnings in den Alpen. Wem der Rummel des UTMB in Chamonix zu viel ist, findet zwei Dörfer weiter in St Nicolas de Véroce eine Alternative – La Montagn’Hard. Der Name ist Program – 107km mit 8800hm D+ sind in der Hauptprüfung zu bewältigen. Kurt Nadler war für uns dabei. Hier sein Montagn’Hard Rennbericht.

Trailrunning in seiner ursprünglichen Form, regionale Produkte statt Gel und isotonische Produkte. Kameradschaft anstelle von Konkurrenzdenken. Helfer die Dich willkommen heissen und mit einem Lächeln und viel Herzblut bewirten. Ehrlichkeit statt Merchandising. Gibt es sowas heute wirklich noch? Ja, das gibt es tatsächlich, tief versteckt hinter dem Mont Blanc! Aber beginnen wir doch von vorne…

Die Fakten

Der Name ist ein Wortspiel aus dem französischen „montagnard“ (Personen die in den Bergen sesshaft sind). Neueinsteiger können den Begriff aber durchaus auch anders interpretieren.

Es können 3 verschiedene Distanzen absolviert werden:

  • Le Moins Hard        40 km und 3’000 Hm
  • La Montagn’Hard   60 km und 5’000 Hm
  • La Montagn’Hard 107 km und 8’800 Hm

Das Höhenprofil ist vielversprechend

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Der genaue Streckenverlauf ist nur für das geschulte Auge ersichtlich. Dank ausgezeichneten Wegmarkierungen finden unter normalen Meteoverhältnissen auch Personen mit Orientierungsschwierigkeiten den Weg ins Ziel.

Ankunft

Eine schmale Strasse führt zum beschaulichen Dörfchen Saint-Nicolas de Véroce, wo die Ausgabe der Startnummern am Freitag stattfindet. Aufgrund der engen Platzverhältnisse stellt sich das Parkieren eher schwierig heraus. Erfahrene Läufer stellen ihr Fahrzeug deshalb 1,5 km entfernt bei der Talstation des Skilifts Chattrix ab und legen die Distanz zu Fuss zurück. Bereits jetzt stelle ich einen Unterschied fest. Während ich an Turnhallen und andere öffentlichen Gebäude gewohnt bin, wurde hier kurzfristig ein Zelt auf einer Wiese aufgestellt.

Startnummernausgabe ( Bild: LaMontagn’Hard)

Vom Veranstalter werden sogenannte Navettes zur Verfügung gestellt, welche die Läufer am Freitag oder Samstagmorgen von St. Gervais nach Saint-Nicolas de Véroce transportieren. Da ich etwas ausserhalb logiere, erkundige ich mich nach dem Rücktransport nach Zielankunft. „Tja, da müssen sie wohl selber schauen“ werde ich freundlich informiert. Konkret bedeutet dies für mich: Anfahrt frühmorgens bis nach Chattrix, Auto parkieren und die Distanz zum Start zum Aufwärmen nutzen. Ich gewöhne mich schon mal an den Gedanken, dass ich am Sonntag früh nach dem Zieleinlauf nochmals ein paar Meter laufen darf…

Los geht’s

Nach einer unruhigen Nacht gebe ich am frühen Samstag morgen meinen Dropbag ab, welcher bei km 62 auf mich warten wird. Erste Regenwolken verheissen für den bevorstehenden Tag nichts Gutes. Es bleibt mir noch genügend Zeit, mir am Start einen Kaffee zu gönnen und die teilweise prominente Läuferschar zu begutachten.

Sangé Sherpa mit Luca Papi (Bild: LaMontagn’Hard)

Ich unterhalte mich noch kurz mit meiner Landesgenossin Julia Fatton (sie wird das Rennen bei den Frauen überlegen gewinnen) und kurz nach 05.00 nehmen 154 enthusiastische Läufer die 107 km Distanz in Angriff.

Ich habe mir gemäss der neuen Lauf-Fibel von Jason Koop (Training Essentials for Ultrarunning) bewusst 3 Ziele für den heutigen Tag vorgenommen:

  1. Ich bedanke mich bei jedem Verlassen der Ravitos bei den Helfern (sollte zu schaffen sein)
  2. Ich nehme bewusst genügend Kalorien zu mir (sollte auch noch zu schaffen sein)
  3. Ich platziere mich auf der Rangliste in den Top 20 (dürfte schon schwieriger werden…)

Nach ein paar Hundert Metern beginnt bereits der 1. Anstieg. Ich halte mich zu Beginn bewusst zurück und laufe irgendwo im Mittelfeld mit. Es geht rauf und runter und nach bereits 12 km taucht die 1. Verpflegungsstelle auf. Das Angebot hier länger als notwendig zu verweilen, ist wie die Auswahl selbst, riesig. Ich gedenke mir meiner Ziele und haue schon mal tüchtig mit Trockenfleisch, Brot und Käse sowie „TUCs“ rein. War ein Laufen ohne Stirnlampe gerade noch sehr gut möglich, verdunkelt sich der Himmel plötzlich bedrohlich. Blitze zucken und heftiges Gewittergrollen ertönt beim nächsten Aufstieg. Ich montiere meine Regenjacke, welche den darauffolgenden heftigen Niederschlag etwas abhält. Dicker Nebel trübt die Aussicht, teilweise verziehen sich die Wolken jedoch wieder und es klart auf. Die Temperaturen sind tief, für mich persönlich ein Vorteil.

Prarion (Bild: Kurt Nadler)

Die Trails sind nicht allzu technisch und ich kann einige Läufer locker überholen. Unterwegs sind auch einige Wanderer, die den Fernwanderweg GR5 unter die Beine genommen haben. Mein vieles Essen war vielleicht doch nicht so eine gute Idee, mein Magen macht sich langsam mit Übelkeit bemerkbar. Na super, tolles Buch. Erstaunlicherweise war in diesem Buch auch die Rede von Massnahmen bei Magenproblemen. Also werfe ich schnell ein paar Mint TicTacs ein und geht es mir tatsächlich rasch wieder besser. Ich komme gut voran, während ich mich mit verschiedenen anderen Teilnehmer unterhalte. Das Wetter behält seine Launigkeit und alle 30  Minuten mache ich einen Tenüwechsel. Zwischendurch erkenne ich die Strecke wieder, führt doch der UTMB teilweise auf der gleichen Strecke durch.

Nach 45 km führt der Weg steil von Les Contamines zum Mont Joly. Mein Wettkampfgeist lässt langsam nach und ich werde von 2 Läufern überholt. Später gesellt sich ein weiterer Läufer mit schütterem Haar hinzu und lässt mich stehen. Dabei erwacht mein Ehrgeiz wieder und ich schalte vom Trödlermodus in den Wettkampfmodus. Es gelingt mir wieder einige Plätze gutzumachen und erklimme den Berg. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieser Teil der Streckenführung beim Retourweg wieder genau gleich ist und ich diesen Weg in umgekehrter Richtung nochmals absolvieren darf. Bei meinen Problemen bezüglich Höhenangst, ist es besser, wenn die Abgründe etwas vom Nebel verschwommen sind.

Mont Joly (Bild: Kurt Nadler)

Der Wind bläst hier oben so stark, dass ich meine Mütze mit der Hand festhalten muss. Auf einem rutschigen Trail geht es wieder 1’200 Meter runter. So, der grösste Teil ist geschafft, denke ich zumindest, als ich unten bei der Verpflegungsstelle ankomme. Gemäss offiziellem Profil sind es „nur“ noch 2 Steigungen und dann runter ins Ziel. Dumm nur, wenn die Wirklichkeit anders aussieht. Ich genehmige mir erstmals einen Teller Teigwaren und fülle meine Reserven aus dem Dropbag auf. Die Angebote für Massage und Kinesiologie lehne ich dankend ab. Es geht ja nicht mehr weit…

Und wieder geht’s rauf. Der Anstieg erscheint mir länger und länger. Gleich müsste die Berspitze kommen, zu sehen ist sie im Nebel noch nicht. Und auch jetzt nicht und noch länger nicht. Stunden später erreiche ich endlich den Col de la Fenêtre. Es ist trüb und neblig aber es geht immerhin runter zum nächsten Ravito. Hier ist eine geniale Stimmung und ich werde mit Tröten empfangen. Ich setze mich hin und lasse mich einmal mehr bedienen, welche Wohltat!

Le Bolchu (Bild: Kurt Nadler)

Mittlerweile ist kein anderer Läufer in Sichtweise und ich befinde mich alleine in einer mir unbekannten Gegend im Nebel auf 2’600 Metern Höhe. Langsam breitet sich die Nacht aus; nur nicht die Nerven verlieren. Plötzlich erkenne ich keine weitere Wegmarkierung mehr. Ich überprüfe die Route auf meiner Uhr und stelle fest, dass ich richtig bin. Offensichtlich wurde kurzfristig noch eine Streckenänderung vorgenommen. Dies beruhigt meine Nerven nicht wirklich. Also zurück zum letzten Fanion und nochmals Aussicht halten. Mitten in einem Schneefeld rechts unter mir, sehe ich die nächste Wegmarkierung schwach reflektieren. Ich rutsche und rutsche, probiere aber immer die Geschwindigkeit zu drosseln. Keine Ahnung was mich am Ende dieses riesigen Schneefeldes erwartet! Endlich sehe ich eine weitere Stirnlampe vor mir und schliesse langsam auf. Nach einem kurzen Gespräch zieht es mich mehr als ihn Richtung Ziel.

Zwei Suchende (Bild: La Montagn’Hard)

Das Finden des Weges verkommt nun vollends zur Lotterie, da man von einer Markierung die Nächste unmöglich sehen kann. Ich erinnere mich an meine Pfadfinderzeit und beachte umgeknicktes Gras und alle möglichen Spuren. Freudig sehe ich jemanden, der mir mit seiner Lampe entgegen kommt und folglich den Weg weist. Dummerweise flucht er gerade und erzählt mir, dass in diese Richtung keine weitere Markierung vorhanden ist. Ich konsultiere erneut meine Uhr und finde glücklicherweise den richtigen Pfad. Zeitweise klart es jetzt auf und die Berge zeigen sich mir im Sternenhimmel. Was für ein Gefühl! Ich gelange zum letzten Checkpoint und verpflege mich nochmals.

Le Monument Stunden später (Bild: Nicolas Guèrin)

Mir wird mitgeteilt, dass ich auf dem 15. Platz liege. Mit diesem Wissen gelange ich nun zu der mir bereits bekannten Retourstrecke und gebe nochmals Alles. Im Ziel herrscht um 03:00 ziemliche Stille. Wer also Trubel sucht, der muss sich länger Zeit nehmen. Glücklich und zufrieden nehme ich die zusätzlichen Meter zum Auto in Angriff…

Im Ziel (Bild: Kurt Nadler)

Für mich bleibt es ein unvergessliches Abenteuer. Ein Teilnehmen an dieser tollen Veranstaltung kann ich jedem ambitionierten Trailläufer ans Herz legen!

Mehr Informationen unter http://lamontagnhard.com/?page_id=1774&lang=en

Epilog

Unglaublich aber wahr: In der Nacht wurde ein Läufer vermisst, was eine grosse Rettungsaktion mit Helikoptern, Polizei und Bergwacht auslöste. Schlussendlich wurde er in einem Hotelzimmer; friedlich schlafend mit ausgeschaltetem Handy, gefunden. Er befand es als nicht notwendig, seine Aufgabe der Rennleitung zu kommunizieren.

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