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Den Elbrus und sein Skyrace kennt man spätestens seit Kilian Jornets Film „Déjame Vivir“. Dass im Kaukasus Trail Running – technisch einiges im Tun ist, hat dieses Jahr Pascal Egli ebenfalls live mitgekommen. Pascal war im 2015 als Ultra Runner of the Year nominiert und hat sich vorallem auf den technischen Trails einen Namen gemacht. Jetzt nimmt er uns mit seinem Rennbericht vom Elbrus Skyrace und VK mit auf eine Reise in den Kaukasus.

Autor: Pascal Egli (Dynafit Suisse / Swiss Athletics)

Die Idee

Ich weiss nicht mehr genau, wo ich das erste Mal vom Mount Elbrus Race gehört hatte. Auf jeden Fall haben mich als Bergläufer mit starkem Bergsteiger-Background solche Rennen auf grosse, ‚richtige‘ Berge schon immer fasziniert. Um ehrlich zu sein fragte ich mich schon lange, warum es in den Schweizer Alpen zur Zeit kein Rennen auf einen Dreienhalb- oder gar Viertausender gab. Vielleicht sind die rechtlichen Risiken einfach zu gross, und die sichere Durchführung eines solchen Rennens wäre sicher eine Herausforderung. Wie dem auch sei, die Russen organisieren solche Rennen schon seit Jahrzehnten.

Elbrus 5642m – Dominanz 2500km! (Bild: Veranstalter)

Das Rennen

In der Zeit der Sowjetunion wurden mittels Wettläufe auf hohe Berge die besten Bergsteiger für die grossen Expeditionen ins Tien-Shan Gebirge und ins Himalaya selektioniert. Heute wird das ‚Red Fox Elbrus Race‘ grösstenteils von der Firma ‚Red Fox‘ gesponsort und organisiert, eine Marke für Alpinismus-Hardware und Bekleidung, gegründet von einigen der besten russischen Bergsteigern in der späten Sowjetunion. Ihre Firmenidee entstand aus reiner Not, da sie dringend Material und Kleider für ihre Expeditionen brauchten, welche aber in Russland zu jener Zeit nicht in ausreichender Qualität hergestellt geschweige denn importiert werden konnte.

Das ‚Race Festival‘ besteht aus drei Rennen:

  1. Ein Skitourenrennen mit 2200 Hm, welches bis auf 4000 m.ü.M. führt,
  2. das Elbrus Vertical Race, welches zu Fuss auf der Skipiste von 2400 m.ü.M. bis auf 3450 m.ü.M. führt und als Qualifikation für das eigentliche Rennen auf den Gipfel dient :
  3. Das Mt. Elbrus Race führt zu Fuss vom Dorf Azau (2350 m.ü.M.) über die Skipiste und dann über vergletscherte Berghänge bis auf den Gipfel des Elbrus (5642 m.ü.M.), wobei ca. 14 km zurückgelegt werden.

Der Berg

Der Elbrus ist ein Vulkan mitten im Kaukasus-Gebirge und überragt mit seinen 5642 m alle anderen Berge im Kaukasus um mindestens 300 m, womit er auch der höchste Berg Europas ist. Alle Besteigungsrouten sind technisch einfach und können im Frühling oder Frühsommer gut mit Skis begangen werden. Nur im oberen Teil gibt es einige ‚technische‘ Passagen. Im zweiten Weltkrieg wurde der Westgipfel zeitenweise von den Deutschen besetzt und dann wieder von den Russen zurückerobert. Früher führte eine Seilbahn bis ganz auf den Ostgipfel (5620 m!). Heute führt das Skigebiet auf der Südseite „nur“ noch vom Dorf Azau (2350 m) bis auf 3850 m.

Das Zwischenlager Barrels auf 3750m (Bild: Veranstalter)

Der Trip

Mein Bergsteiger- und Wettkampfkollege Christoph Moser war sofort begeistert von der Idee, zusammen in den Kaukasus zu reisen, den Elbrus mit Skis zu befahren und dann einen grossen Wettkampf zu bestreiten. Also kämpften wir uns durch die Prozedur zur Visumsbeschaffung und besorgten uns noch das fehlende Material für dieses Rennen auf grosser Höhe.

Der Flug über Moskau nach Mineralnye Vody war ein Genuss, sogar unsere Skis kamen rechtzeitig an und wir wurden am Flughafen um 23h30 direkt von einem von der Rennorganisation bestellten Fahrer abgeholt. Dieser fuhr uns in höllischem Tempo durch die Nacht nach Azau – wir benötigten 2h für eine Strecke, welche andere in ‚zivilisiertem‘ Tempo in 3.5-4h zurücklegten…

Top-Läufer unter sich (Bild: Pascal Egli)

Morgens um 2 bezogen wir unser gepflegtes kleines Zimmer, und freuten uns auf den ersten Tag im russischen Kaukasus. Beim Frühstück war ich beinahe froh, dass die Wirtin kein Wort Englisch sprach – ‚toll, nicht wie befürchtet ein gewöhnliches Touristennest wie in den Alpen, sondern schon ziemlich russisch..‘. Ein paar Eier, Speck, viel Porridge und Brot später und nach erfolglosen Versuchen, ein paar Infos über das Rennen zu erhalten (’no English !‘), fuhren wir in einer modernen Gondelbahn dem Berg entgegen. Auf 3850 m zogen wir unsere Skis an und liefen bis auf 4700 m.ü.M., um unsere Körper so früh wie möglich an die grosse Höhe zu gewöhnen. Wir fühlten uns gut und freudig fuhren wir die 2400 Hm bis ins Dorf ab.

Am Folgetag (Montag) entschieden wir uns, bereits einen Gipfelversuch zu starten, da bis zum Vertical Race am Donnerstag nicht viel Zeit zum Erholen blieb. Gleichzeitig hiess das, dass wir auf das Skitourenrennen am Dienstag verzichteten, da wir von der Gipfelbesteigung nicht genug erholt sein würden.

Nach einer späten Entscheidung zum Start verliessen wir das ‚Barrels‘ camp auf 3750 m.ü.M. erst um 11:45 Uhr. Wir stiegen in mässigem Tempo los und bekamen die Höhe ab 4800 m.ü.M. zunehmend zu spüren. Bei nun starkem Wind, Sonnenschein und trotz fortgeschrittenem Tag stiegen wir weiter und weiter.

Akklimatisierungstour auf den Gipfel (Bild: Pascal Egli)

Bald tauschten wir die Skis mit Steigeisen aus und stiegen mit den Skis auf dem Rücken weiter. Um zirka 16:30 Uhr erreichten wir endlich den Gipfel – die Aussicht war atemberaubend! Vor uns breitete sich der ganze Bogen des Kaukasus aus, mit unzähligen 3000, 4000 und 5000 Meter hohen Gipfeln. Vom Bergsteigen in Georgien kannte ich nur drei derer: Kazbek (5050 m), Tetnuldi (4900 m) und der eindrückliche Ushba (4700 m), welcher von der georgischen Seite her dem Matterhorn ähnelt. Wegen des eiskalten Windes und aufziehender Wolken hielten wir uns nur fünf Minuten auf dem Gipfel auf und machten uns sofort an die lange Skiabfahrt: Ohne die Skis einmal auszuziehen fuhren wir vom Gipfel ab bis ins Tal. Über kurze technische Stellen rutschten wir seitlich ab, während wir uns an einem Fixseil hielten.

Nach der Besteigung verbrachte ich eine Nacht in den ‚Barrels‘ auf 3750 m, um noch besser akklimatisiert zu sein. Die Rennorganisation stellte ein üppiges Nachtessen bereit, während welchem ich unter anderem den Chef von ‚Red Fox‘ kennen lernte, der extra für das Rennen von St.Petersburg her angereist war und sich auch in dieses Höhenlager gesellte.

Nun hiess es zwei Tage lang relaxen, ein wenig joggen zusammen mit anderen Athleten und die Zeit totschlagen. Wir lernten die zwei sympathischen ecuatorianischen Bergführer Karl Egloff und Nicolas Miranda kennen. Karl ist bekannt für seine up-&down Speedrekorde am Aconcagua und am Kilimanjaro. Sein Ziel war es natürlich, den Rekord am Elbrus zu brechen, und er hatte sich den ganzen Winter über darauf vorbereitet. Schon seit Wochen war er perfekt akklimatisiert. Auch eine grosse Gruppe katalanischer Skibergsteiger waren in unserem Hotel untergebracht, weshalb wir an unseren Tischen einen Mix aus Spanisch, Englisch und Schweizerdeutsch sprachen.

Leider fing ich mir am Tag vor dem Vertical Race eine starke Erkältung ein. Kein Wunder, denn der Körper war durch das viele Reisen, die abrupte Akklimatisation und die tiefen Temperaturen am Berg geschwächt.

Vertical KM Race (von 2400 m.ü.M. auf 3450 m.ü.M., 3.6 km)

Protagonisten : Vitaly Chernov (Rekordhalter, RUS), Karl Egloff (ECU), Oriol Cardona (CAT), Vitaly Shkhel (Rekordhalter Mt. Elbrus, RUS), Pascal Egli (CH).

Das Rennen startete gewohnt schnell, wir alle benutzten Trekking- oder Skistöcke, um im Schnee besser voran zu kommen. Ausserdem trugen die meisten Läufer Schuhe mit Spikes, ein erlaubtes Hilfsmittel. Ich entschied mich, meine Microcrampons nicht anzuziehen, da mir die Zacken für den weichen Schnee zu kurz erschienen und sie das Zusatzgewicht nicht wert waren.

Start des Vertical Kilometers (Bild: Veranstalter)

Beim Startschuss rannten 200 Leute wie wild den ersten Hang hinauf – Karl Egloff versuchte sich sogleich abzusetzen, doch ich, Oriol Cardona und Vitaly Chernov nahmen sofort die Verfolgung auf und überholten Karl nach ca. 100 Hm. Obwohl es steil war und ‚gehen‘ angesagt war, versuchte ich so viel wie möglich zu joggen, da ich so einen angenehmen Rhythmus behalten konnte. Die Strecke war mit Fahnen markiert, aber es gab nur eine ungenügende Fussspur vor uns. Deswegen versuchte ich, so lange es ging hinter Vitaly zu bleiben, um nicht ’spuren‘ zu müssen.

Spitzengruppe (Bild: Veranstalter)

Bald war mir aber sein Tempo zu langsam und ich musste überholen. So liefen und stiegen wir zusammen unter der brennenden Sonne weiter, bis auch Oriol überholte und mit mir davon zog. Meine Lunge begann zu brennen, und immer wieder rutschten meine Füsse wenn ich zu grosse Schritte machte. Ich liess Oriol vor, bis 200 Hm vor dem Ziel, wo ich ihn wieder überholte. Nun wurde unser Tempo schier unerträglich und ich spürte das Laktat in allen Gliedmassen. 50 m vor dem Ziel sprintete Oriol los, und ich hatte keine Chance zu folgen. Ich war glücklich, als Zweiter im Ziel zu sein und meinem Schnupfen und Husten freien Lauf zu lassen.

  1. Oriol Cardona
  2. Pascal Egli
  3. Vitaly Chernov
  4. Karl Egloff

Mt. Elbrus Skyrace (von 2350 m.ü.M. auf 5642 m.ü.M., 14 km)

Wir starteten zu vierzigst im Dorf Azau auf 2350 m.ü.M. um 6.30 Uhr. Karl Egloff und Vitaly Shkhel gaben ein hohes Tempo an, während ihnen Oriol Cardona, ich und ein weiterer Russe folgten. Schnell spaltete sich unsere ‚Spitzengruppe‘ vom Rest ab. Wir marschierten und joggten in hohem Tempo im frischen Neuschnee, so dass wir die ersten 1000 Hm in 49 Minuten zurücklegten. Bald erreichte unsere Fünfergruppe die ‚Barrels‘ auf 3750 m in der Morgensonne: Wechselzone.

Los geht’s (Bild: Veranstalter)

Karl und Vitaly nahmen je einen kleinen Rucksack und gingen weiter. Ich und Oriol wechselten unsere Laufschuhe durch wärmere (Berg-)schuhe aus – meine hatten bereits die im oberen Teil obligatorischen Steigeisen dran. Dann zog ich meinen Rucksack mit Zusatzkleidern an, ass etwas und weiter ging‘s.

Zirka 1.5h nach der Wechselzone erreichten wir die ‚kritische‘ Höhe von 5000 m.ü.M. Nun hatte sich Karl schon klar abgesetzt, und Vitaly war ihm auf den Fersen. Ich konnte Vitaly noch relativ gut folgen, aber Oriol schien die Höhe und die lange Rennzeit zu spüren und begann zurück zu fallen. Als kalter Wind aufkam, stoppte ich kurz und zog meine Primaloftjacke und Fausthandschuhe an. Ich versuchte, etwas Schokolade zu essen und Elektrolyt zu trinken. Die Schokolade wurde im Mund nur langsam weich, und so half ich noch mit etwas Energy Smoothie nach.

Angriff auf den Gipfel (Bild: Veranstalter)

Seit einer Stunde stiegen wir Eliteläufer an einer nicht enden wollenden Schlange von Bergsteigern vorbei. Viele von ihnen waren bei den ‚Barrels‘ auf 3750 m in der Kategorie ‚Amateur‘ gestartet. Das Überholen im weichen Schnee war nicht immer einfach, aber ich rief einfach immer  « скажйте пожалуйста! » (Entschuldigen Sie, bitte!) und die Leute traten höflich zur Seite und feuerten mich an.

Das eigentliche Rennen begann oberhalb 5000 m: Dort kam nun aus, wer besser akklimatisiert war und wessen Körper die Anstrengung auf grosser Höhe besser ertrug. Zum Glück war das Wetter gar nicht so kalt. Die Temperatur betrug ca. -8°C und manchmal lichteten sich die Wolken sogar ein wenig. Ich fühlte mich erstaunlich gut und versuchte weiterhin Vitaly zu folgen. Am Pass auf 5350 m gab es nochmals Tee und nach dem kurzen Halt wurde mir etwas schwindlig, als ich in die steile Gipfelflanke attackierte. Nach zwei kurzen technischen Passagen mit Fixseilen (die ich aber wegen der vielen Bergsteiger nicht benutzen konnte) erreichte ich bereits das Gipfelplateau. Kurz vor dem Gipfel kam mir Karl Egloff entgegen, euphorisch, und begleitete mich unter Anfeuerungsrufen den kurzen Grat hinauf. Das Gefühl beim Überqueren der Ziellinie war vielleicht besser als bei jedem Rennen zuvor: Elbrus summit! 5642 m!

Zieleinlauf auf dem Elbrus auf 5642m (Bild: Veranstalter)

Im dritten Rang hinter zwei der grössten ‚Maschinen‘, die dieser Sport kennt. Erleichterung und Freude folgten. Zusammen mit Nicolas Miranda (Ecuador, 4. Rang) und Karl Egloff (Ecuador, 1. Rang) feierte ich den Gipfel. Dann traten wir den langen Abstieg an, um uns unten bei feinem russischem Essen feiern zu lassen.

Nicolas Miranda, Pascal Egli und Karl Egloff (Bild: Veranstalter)

Rangliste Skyrace:

  1. Karl Egloff 3h44min
  2. Vitaly Shkel 3h51min
  3. Pascal Egli 3h56min

Karl Egloff konnte den Rekord von Vital Shkel nicht brechen. Im 2015 lief Shkel 3h29min04

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