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G2G LogoGrand to Grand Ultra (G2G), ein Lauf in 6 Etappen in Selbstversorgung über 273.7 km und 5‘599 Höhenmeter: vom Grand Canyon bis zum Grand Staircase. Der G2G ist auf dem Modell des Marathon des Sables aufgebaut, mit einem langen Lauf über 85 km Mitte der Woche, vorher und nachher je zwei Etappen ungefähr in der Länge eines Marathons. Dies alles mit Sand, Kakteen, kurzen Kletter- und Abseilpassagen sowie Flussüberquerungen garniert. Und ein Teilnehmerfeld bestehend aus 118 Athleten, darunter dieses Jahr die mehrmaligen Gewinner des Marathons des Sables Mohamad Ahansal und Laurence Klein. Die Organisatoren Tess und Colin Geddes sind erfahrene Trailläufer: Die Teilnehmer merken dies bei der herzlichen Detailpflege und spüren, dass jeder Läufer ernst genommen wird.

Autor: Roberto Rivola

Selbstversorgung

Solche Läufe stellen hohe Anforderungen an Ausrüstung und Vorbereitung. Selbstversorgung bedeutet, dass die Läufer eine Pflichtausrüstung mittragen müssen: von der Trillerpfeife oder der Spritze, um die Blasen an den Füssen zu leeren, über Schlafmatte, Schlafsack, Ersatzkleider bis zur Ernährung: 2‘000 Kalorien pro Tag sind Pflicht. Unerfahrene Läufer tragen 13 bis 14 kg am Rücken, die Erfahrenen wählen das Material für die ganze Woche nach Gewicht und Funktionalität sorgfältiger aus und ihr Rucksack bringt vor dem Start ca. 7 kg auf die Waage. Der Veranstalter stellt Zelte für bis zu 8 Personen und Wasser an den Checkpoints zur Verfügung.

Der erfahrene Trail-Läufer Peter Osterwalder hat mich zwei Jahre lang „bearbeitet“: ich sollte doch zum G2G mitkommen. Während den Sommerferien erinnere mich an seine Aufforderungen, fühle mich gut in Form und melde mich doch sehr spontan für den Lauf an. Ohne Training mit schwerem Rucksack, ohne speziell getestete Ausrüstung. Das Vertrauen auf die eigene Erfahrung an ähnlichen Anlässen musste reichen! Ziel: ankommen. Kurzfristig einen neuen Rucksack bestellt, die Asics Trabuco-Schuhe und die Gamaschen hervorgeholt, die mich bereits 250 Km in der Gobi-Wüste getragen haben; einige Läufe mit Vollpackung zur und von der Arbeit nach Hause bildeten die eigentliche Basis für dieses Abenteuer. Die Erfahrung hat mir immerhin geholfen, nur 6.9 Kg am Start dabei zu haben.

Nach dem Anflug auf Las Vegas und die vierstündige Bus-Verschiebung nach Kanab / Utah treffe ich mit grosser Freude mehrere Freunde aus Argentinien, Italien, Australien, Taiwan: die Szene ist ja überschaubar. Im Verlaufe der Woche haben sich zahlreiche weitere Freundschaften entwickelt, Social Media sei Dank wird man erfahrungsgemäss auch von zu Hause aus etliche Ratschläge und Ideen austauschen sowie Einladungen zu anderen Trailgebieten nachgehen.

Start am Rande des Grand Canyon

Die Veranstalter haben bisher sehr gut für unseren Wohl gesorgt: Welcome Party, Verschiebung bis zum Grand Canyon, Dinner Buffet am Abend vor dem Lauf. Und Sie haben ein wunderbares Startgelände am Rande des Grand Canyons ausgewählt. Nun sind wir gefordert, die 270 km und 5‘600 Höhenmeter unter die Füsse zu nehmen. Nach dem obligaten Photo-Shooting mit Peter lassen wir uns auf das Abenteuer ein. Peter mit der Aussicht auf einen Spitzenplatz, ich erstens mit dem Ziel ankommen, zweitens mit der Hoffnung auf eine Platzierung im ersten Drittel des Feldes, wenn die Form wirklich stimmt.

Die erste Etappe geht über 49.6 km mit +504 m / – 414 m Höhenunterschied auf einer Höhe von ca. 1600 m über Meer. Während des ganzen Laufs sehen wir auf der rechten Seite die Vermillion Cliffs, tiefrote Felsen, wo der California Kondor nistet. Mehr als die Hälfte der Etappe verläuft etwas langweilig auf staubigen Strassen, die andere Hälfte auf Weideland mit vielen kleinen Kakteen am Boden. Die Veranstalter hatten uns vorgewarnt: auf dem unwegsamen Gelände gut auf den Boden schauen, sonst haben wir bald kleinere und grössere Stacheln in den Füssen. Und so sehe ich immer wieder Läufer, die anhalten müssen und ihre Schuhe und Füsse von den Stacheln befreien müssen. Obwohl ich langsam gestartet bin, spüre ich bereits am ersten Tag die Hitze und muss auf den letzten Kilometern etwas büssen. Ich bin mit meinem 19. Rang in 6 Stunden und 14 Minuten zufrieden.

Zweite Etappe: Navajo Trail

Nachdem Peter und ich am Ankunftstag den Squaw Trail in Kanab gelaufen sind, um die Beine zu lockern, befinden wir uns heute auf dem Navajo Trail. Alles Namen, die den Far West und die Tex Willer-Comics aus der Kindheit in Erinnerung rufen. Die heutige Etappe ist etwas kürzer (!): 43.3 km, +718 m / -928 m. Diesmal gehen wir etwas in die Höhe, auf fast 2‘220 m. Eine Etappe, die meiner Höhenakklimatisierung entspricht, da ich im Engadin lebe und trainiere. Tatsächlich erreiche ich heute den 12. Rang in 6:22 Stunden und geniesse die steilen Steigungen sowie die etwas kühlere Luft in den Wäldern und in der Höhe. Etwas gebremst wurden wir bei der Suche nach den Markierungen, den kleine rosarote Fähnchen und Bändeli, die manchmal etwas „fies“ von den Streckensetzern angebracht wurden. Montezuma’s Gold, das nach einer Legende im 16. Jahrhundert in dieser Gegend versteckt wurde, hat keiner von uns gefunden.

Dritte Etappe: The Long Stage

84.7 km, + 1698 m / – 1304 m, die Schlüsseletappe. Die Schnellsten starten heute um 10 Uhr, die anderen um 8 Uhr. Ich hatte spekuliert: wenn ich nicht zu schnell auf den beiden ersten Etappen laufe, kann ich bereits um 8 Uhr mit kühlerer Luft starten. Leider war ich zu schnell …: 17. Gesamtrang nach zwei Etappen und deshalb gezwungen, um 10 Uhr zu starten. Wir sogenannte „Top Runners“ schauen etwas neidisch dem Frühstart zu und verbringen die Wartezeit mit Tipps und Tratsch über andere schöne Läufe. Die ersten 30 km verlaufen sehr schnell. Zuerst zusammen mit der mehrmaligen Gewinnerin des Marathon des Sables: sie ist total demotiviert nachdem sie sich am Vortag verlaufen hatte und hat bereits entschieden, am ersten Checkpoint auszusteigen. Dann nach einer ersten Kletterpassage schliesse ich auf zwei andere Läufer und die erste Frau auf, plaudernd erreichen wir den dritten Checkpoint.

Wir befinden uns mitten in der Mittagshitze und wie bereits am Sahara Race beginnt mein Magen zu streiken, so lasse ich meine Abenteuerkollegen ziehen. Enge Canyons, ausgetrocknete Flussläufe und grüne Täler lenken mich etwas ab. Am Checkpoint 5 bleibe ich 45 Minuten stehen, um mich genügend zu hydrieren und doch etwas zu essen. Mittlerweile wird es Nacht, zwei langsamere Läufer aus den USA und Hong-Kong schliessen sich mir an. Ich ziehe sie auf sandigen Wegen bis zum nächsten Checkpoint mit, wo sie eine längere Rast eingeplant hatten, um etwas Warmes zu essen. Ich nehme nur etwas warmes Wasser und ziehe durch, Richtung … Dünen. Auf dem Gipfel von gefühlten 50 Dünen (gemäss Streckensetzern waren es nur etwa 20), die bis zu 50 Meter hoch sind, blinkt jeweils eine Led-Lampe, die es zu erreichen gilt, bis man die nächste Lampe etwas weiter hinten entdeckt. Nach diesen 7 „Dünen-Kilometer“ folgt ein Nacht-Orientierungslauf mitten im Gestrüpp. Das Gewitter, das ein paar Stunden vorher gewütet hatte, hat einige Markierungen weggeweht oder verschoben. So zusammen mit zwei Franzosen halte ich die Augen weit offen (es ist mittlerweile 3 Uhr in der Früh) und erreiche das Ziel nach 18 Stunden und 31 Minuten an 20. Stelle. Der Leistungsunterschied zwischen den Teilnehmern ist sehr gross: brauchte der Gewinner 12 Stunden 28 Minuten, trafen die beiden Letzten nach 30 Stunden und 41 Minuten ein. So sind für diese Etappe zwei Tage vorgesehen, was mir erlaubt, mehr als einen ganzen Tag Erholung zu geniessen.

Vierte Etappe: viel Sand

Die vierte Etappe führt über 41.9 km mit +892 m / -970 m, ein sehr dunkler Tunnel und eine kurze Kletterpartie an einem Seil inbegriffen. Bis zur Mittagshitze läuft es mir gut, dann macht wieder der Magen zu. Dies heisst: meistens schnell wandern auf einer sehr sandigen und coupierten Strecke mit dem Ziel „ankommen“, um dann am 5. und 6. Tag noch genügend Kraft zu haben. 23. Platz heute in 6 Stunden und 25 Minuten.

Fünfte Etappe: in die Höhe

Wieder 41.9 km, +851m / -596 m. Es lohnt sich immer, das von den Veranstaltern mitgelieferte „Road Book“ genau zu studieren. Ich sehe, dass es heute wieder in die Höhe auf über 2‘000 m geht, diesmal mit kontinuierlichen Steigungen. Dementsprechend plane ich die Etappe und erreiche den 15. Platz in 5 Stunden und 40 Minuten mit viel Spass in engen Canyons und auf einer never ending Staubstrasse auf den letzten 15 Km, die viel Kopfarbeit abverlangt.

Sechste Etappe: Ziel

Als Nachtisch 12.3 km, +836 m / -265 m, bis auf eine Höhe von 2682m, ich befinde mich wieder auf meinem Terrain mit engen, teilweise exponierten Wegen. Marie-Eve, die Kanadierin unmittelbar vor mir im Gesamtklassement fordert mich heraus. Nachdem ich mich kurz verlaufen habe, holt sie mich ein und zündet den Turbo. Ich mache mit, vergesse meine Höhenangst und fliege als Etappen-Elfter ins Ziel, wo endlich „richtiges Essen“ in Form von Pizza und Cola auf uns warten. Dies führt mich zum 15. Gesamtrang in 45:39 Stunden bei den Männern in einem sehr starken Teilnehmerfeld. Peter Osterwalder hat übrigens wie erwartet ganz vorne mitgemischt und wird Gesamtdritter. Gratulation auch an dieser Stelle.

Fazit

Der Grand to Grand ist der härteste Lauf, den ich bisher gelaufen bin: Beweis dafür ist der Umstand, dass von den 118 Gestarteten nur 91 ins Ziel gelaufen sind. Hitze tagsüber, Kälte in der Nacht, der ständig wechselnde Boden, die Höhe und die lange Etappe mitten in der Woche haben Opfer gefordert. Nichtsdestotrotz herrschte immer eine ausgezeichnete Stimmung sowohl auf der Strecke wie auch im Camp. Tess und Colin sowie die freiwilligen Helfer haben sehr viel dazu beigetragen, dass eine sehr familiäre Stimmung in dieser kurzen Zeitspanne entstanden ist. Geboren sind weitere Freundschaften fürs Leben. Eine Rückkehr in diese sehr schöne Gegend und auf den fordernden Trails schliesse ich nicht aus …

Autor: Roberto Rivola
Bilder: Roberto Rivola private und G2G Ultra Race Organization

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