Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Den Swissalpine Marathon K78 dominiert Jasmin Nunige wie keine Zweite: 6x Siegerin und insgesamt 9x AK-Siegerin. Damit ist aber nicht Schluss – beim LGT Alpin Marathon gehört Sie genauso aufs Podest wie bei der Teamwertung der Berglauf-WM. Die vergangenen 15 Monate seit unserem letzten Gespräch waren aber nicht einfach – nach der Absage des Marathons der Leichtathletik EM wegen eines erneuten MS Schubes musste sich Jasmin viel Zeit für sich selbst nehmen. Umso mehr freuen wir uns, dass Sie im 2015 wieder voll da ist!

Für alle Interessierten, hier der Link zu Jasmin Nuniges Facebook Page.

Q: Jasmin, herzliche Gratulation zum erneuten Sieg am Swissalpine Marathon. Wie hat sich das Rennen entwickelt? Wie lief es?

Jasmin: Der Swissalpine Marathon K78 ist mein Heimrennen. Ich bin von Anfang an mein eigenes Rennen gelaufen und habe gut auf meinen Körper gehört. Das habe ich mir bereits im Vorfeld vorgenommen und habe darum auch bewusst keine der anderen Läuferinnen im Fokus gehabt. Ich erwartete vor allem von der Ungarin Simona Staicu, dass Sie mich fordern würde. Ich war dann aber bereits relativ früh alleine unterwegs. Ich habe schnell einen guten Rhythmus gefunden. In anderen Rennen in dieser Saison lief es die ersten 10 bis 20 km jeweils nicht so gut, hier aber schon. Ich bin, wie gesagt, bewusst locker gestartet und habe gut ins Rennen gefunden und mich wohl gefühlt.

Berglauf-Feeling pur von der Keschhütte zum Sertigpass

Berglauf-Feeling pur von der Keschhütte zum Sertigpass © swiss-image.ch/Photo Andy Mettler

Wie gross mein Vorsprung war, wusste ich in der ersten Rennhälfte aber nicht. Ich bin jeweils auf dem 6. oder 7. Gesamtrang gelaufen und hatte mit den Männern um mich herum eine gute Referenz. Erst in Sertig bei Kilometer 65 hat mir die Radbegleitung zugerufen, dass ich bei der Keschhütte (52km) bereits 30 Minuten Vorsprung gehabt hatte. Das beruhigte mich und ich wusste, dass ich ein gutes Polster herausgelaufen habe. In Clavadel, 4 Kilometer vor dem Ziel, habe ich dann doch noch einen Hungerast eingefangen, mit einem Gel ging‘s dann aber. Auf den letzten Kilometern habe ich nichts mehr forciert und den Lauf einfach genossen. Als Erste nach 6 Stunden und 52 Minuten über die Ziellinie zu laufen war der krönende Abschluss.

Sieg beim Swissalpine Marathon K78 in 6h52min © swiss-image.ch/Photo Urs Steger

Sieg beim Swissalpine Marathon K78 in 6h52min © swiss-image.ch/Photo Urs Steger

Ich war gut vorbereitet auf den diesjährigen Swissalpine und hatte viel Freude. So sollte es immer sein.

Q: In unserem letzten Gespräch (→ Interview 2014)hast Du mir gesagt, dass Du Deinen Körper und seine Signale in der Vordergrund stellst. Das hat mich sehr beeindruckt. Kurz darauf musstest Du genau dies tun und den EM Marathon in Zürich wegen eines MS Schubs absagen. Wie war das?

Jasmin: Im Mai und Juni 2014 hatte ich schon kein gutes Gefühl. Ich hatte Schmerzen und war müde. Der LGT Alpin Marathon sass mir noch lange in den Knochen – es war ein sehr hartes Rennen. Ich wusste nicht genau, was los ist und habe mich gefragt, ob der Grund wohl eher mentaler oder körperlicher Natur ist. Mein Gefühl war nicht gut und ich wollte sicher sein, ob es sich bei den Symptomen um Einbildung oder Wirklichkeit handelte. Ich hatte solche Konstellationen auch schön früher und konnte diese jeweils entschärfen, in dem ich den Druck etwas rausgenommen habe. Dies war aber angesichts des nahenden EM Marathons nicht möglich. Darum bin ich dann zum Arzt um Gewissheit zu haben. Erneut wurden Entzündungen im Hirn und Rückenmark festgestellt. Ich habe dann die Entscheidung gefällt und die EM abgesagt. Die medizinische Abklärung war wichtig. Ich musste eine klare Realität schaffen.

Im ersten Moment war ich traurig und enttäuscht – auch wegen meinem Mann Guy. Wir haben gemeinsam viel in die Vorbereitung gesteckt. Erst im Nachhinein kam dann der zweite Schock, als ich realisiert habe, dass die MS Erkrankung noch immer da ist. Die EM ist weg, okay, aber MS ist da. Das war psychisch sehr hart und eine neue Hürde. Ich musste dann an meiner Gesundheit arbeiten – die EM ist automatisch in den Hintergrund gerückt.

Hartes Training gehört zum Alltag © Patrick Badie

Hartes Training gehört zum Alltag © Patrick Badie

Ich bin aber trotzdem zuschauen gegangen. Sogar meine Familie und Freunde, die mich eigentlich beim Lauf hätten unterstützen sollen, sind mit mir mit nach Zürich gekommen. Wir haben uns trotz der Umstände einen schönen Tag gemacht. Es war nicht einfach, aber gut. Ich will nicht abstreiten, dass ich Tränen in den Augen hatte – aber es hat mir auch gezeigt, dass ich wieder an die Spitze zurück will.

Q: Du bist im 2013 am Berlin Marathon Bestzeit gelaufen und musstest trotz Training den EM Marathon in 2014 streichen. Im Frühjahr 2015 hast du beim LGT Alpin Marathon einen starken 2. Platz herausgelaufen. Was hat Dir das bedeutet?

Jasmin: Ich war lange nicht mehr so unsicher vor einem Lauf wie biem LGT Alpin Marathon 2015. Ich war gut trainiert, hatte aber grossen Respekt. Bin ich mental und körperlich bereit? Ich hab‘s dann aber versucht. Die ersten 10-15km waren ein bisschen verkrampft und ich habe mich nicht super gefühlt. Ich konnte am Anfang einfach nicht loslassen. Mit der Zeit konnte ich mich dann besser auf mein Rennen fokussieren. Dann lief es – der Körper wollte. Ich bin zwar „nur“ Zweite geworden, für mich war es aber ein Sieg. Ich hatte Freude – mental wie aber auch von der Leistung und Zeit her. Der Lauf war ein Befreiungsschlag.

Starkes Comeback beim LGT Alpinmarathon © Wendy Widmer

Starkes Comeback beim LGT Alpin Marathon © Wendy Widmer

Q: Wie konntest Du mit dem letzten MS Schub umgehen? Hat sich etwas verändert?

Jasmin: Es war kein Unterschied zur Vergangenheit. Ich wusste ja, dass irgendwann wieder was kommen wird. Und ich hatte gedacht, ich sei gewappnet. Aber ich war genauso hilflos wie beim vorherigen Mal. Man kann nicht vorbereitet sein.

Was sich verändert hat? Strassenmarathon werde ich nicht mehr laufen. Ich habe mein Körper bis zum Maximum gefordert. Das muss und will ich nicht mehr tun. Das passt nicht mehr. Trail Running ist in dieser Hinsicht besser. Im Training braucht es weniger der super-harten anaeroben Einheiten auf der Strasse wie beim Marathon.

Q: Du bist im 2014 spät in der Saison noch beim Grande Course des Templiers mitgelaufen. Wird man Dich nun öfters auf den langen Distanzen sehen?

Jasmin: Es war sehr speziell. Ich hatte schon seit langem eine Einladung von der Organisation. So wie sich die Saison 2014 entwickelt hat, habe ich aber nicht mehr mit einem Start gerechnet. Das OK hat mich dann aber sanft überredet und ich bin doch hin. Ich war ein bisschen im Clinch – ich hatte noch immer leichte Schmerzen und war nicht vorbereitet.

Alles in Allem war es ein bisschen verrückt, aber ich wollte alles einmal ansehen. Beim Rennen selber habe ich dann auch entsprechend gelitten, hauptsächlich weil mein Trainingsstand nicht da war. Ich bin für diese 4 Tage mit Guy alleine gereist. Das war sehr wichtig – es war für mich der Abschluss dieser schlechten Phase und ein frischer Start in eine bessere Zeit.

Soul-Running in den Bergen © Guy Nunige

Soul-Running in den Bergen © Guy Nunige

Wenn die Form stimmt, will ich unbedingt noch einmal hin gehen – Vielleicht schon dieses Jahr. Ich möchte auch sonst noch einige Ultra Trails laufen. Als nächstes steht der Ultravasan in Schweden und die Tour de Tirol auf dem Programm.

Grundsätzlich taugen mir die Läufe am besten, die nicht zu technisch sind und wo ich meine Geschwindigkeit ausspielen kann. Ich kann mir vorstellen in Zukunft auch bei längeren Trails wie dem Zugspitz Ultra Trail (→ Rennbericht 2014) oder dem Lavaredo Ultra Trail (→ Rennbericht 2014) am Start zu sein. Ich möchte gerne auch im Ausland schöne Trail laufen. Ich möchte als aktive Läuferin noch etwas sehen.

Q: 9mal bist Du nun schon beim Swissalpine Marathon mitgelaufen. 6mal hast Du das Frauenfeld gewonnen und die anderen 3mal warst Du schnellste Deiner Altersklasse. Wie hat sich der K78 über Jahre verändert?

Jasmin: Es gibt sehr viele Kategorien und andere Distanzen, das verwässert den Hauptevent ein bisschen. Aber Grundsätzlich hänge ich sehr am Swissalpine Marathon. Ich durfte hier viele Erfolge feiern – ich bin am und mit dem K78 gewachsen.

Auf der K78 Strecke kennt Jasmin jeden Stein und jeden Busch © swiss-image.ch/Photo Andy Mettler

Auf der K78 Strecke kennt Jasmin jeden Stein und jeden Busch © swiss-image.ch/Photo Andy Mettler

Den Lauf an sich könnte man wieder etwas aufwerten. Die Konkurrenz mit anderen Laufveranstaltungen ist gross. Neben dem Hauptfeld muss man auch der Spitze etwas bieten, die ziehen dann auch wieder Leute nach. Schweden ist zum Beispiel als Nation stark vertreten, was sind Jonas Buud zu verdanken ist. Andere Nationen aber fehlen.

Q: Jetzt ist Erholung angesagt. Auf was freust Du Dich am meisten?

Jasmin: Die Erholungsphase ist fast schon abgeschlossen. Die ersten Trainings habe ich bereits schon gemacht. Jetzt geht es weiter. Das Wetter ist gut und ich freue mich auf den Aufbau für Schweden. Dieses Jahr bin ich erst an Ostern von den Skiern in die Laufschuhe gewechselt und bin darum etwas später in der Saison in Schwung gekommen. Die Form ist jetzt da, darum freue ich mich auf die kommenden Rennen. Andere sind jetzt fast schon ein etwas ausgebrannt, aber ich denke, meine Form kommt erst jetzt so richtig in Fahrt.

Auf dem Trail zum Sertigpass © swiss-image.ch/Photo Andy Mettler

Auf dem Trail zum Sertigpass © swiss-image.ch/Photo Urs Steger

Vielen Dank, Jasmin, für das einmal mehr sehr offene und inspirierende Gespräch! Wir wünschen Dir viel Erfolg, gute Gesundheit und hoffen, dass wir noch einige Male zusammen sprechen können. Happy trails!

Interview: Alex Brennwald

Links:
Interview mit Jasmin Nunige 2014
Blog von Jasmin Nunige
Facebook Page von Jasmin Nunige

Fotos: Jasmin Nunige, Wendy Widmer, swiss-image.ch/Photo: Urs Steger & Andy Mettler, Patrick Badie und Guy Nunige

Werbung
Follow us on Facebookschliessen
oeffnen