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logo2014Ultraks steht mittlerweile für Trailrunning auf höchstem Niveau. Die Erstausführung des Engadin Ultraks kann sofort an diese Tradition anknüpfen. 300 Trail Runner standen in Pontresina am Start. Die Ultra Distanz führt die Läufer über 46.4km mit 3019hm D+/- über Roseg und Fuorcla Surley nach St.Moritz, zurück nach Pontresina und von dort aus in einer zweiten Schlaufe auf der anderen Talseite noch hinauf zur Segantinihütte. Hier der Rennbericht von Stefan Sigron.

Engadin Ultraks

Engadin Ultraks: 46.4 km mit 3019hm D+/-

Freitag, 3. Juli 2015 – Warm Up

Wie immer reise ich eher früh an. Ich mag es, mich langsam vor Ort hier in Pontresina auf einen Lauf einzustimmen, Zeit für Begegnungen mit anderen Läufern zu haben und in Ruhe meine Ausrüstung vorzubereiten. Nur anreisen, laufen, abreisen… das würde mir nicht gefallen. Am Abend treffe ich die Anderen von alpinrunner.ch. Wir sind mit 14 Teilnehmenden sicher die grösste Gruppe, wie fast überall, wo wir auftauchen. Ein Weizenbier (nicht alkoholfrei, Genuss muss ja auch noch sein), Salat, Teigwaren mit Poulet. Alles perfekt organisiert von Marco Jäger, dem eigentlichen Treiber hinter alpinrunner.ch. Um 22 Uhr schon im Tiefschlaf. Aber alles liegt bereit. Bei diesem stabilen warmen Wetter sind auch keine kurzfristigen, hektischen Änderungen bei der Ausrüstung zu befürchten. Abgesehen davon, dass ja gar keine vorgeschrieben ist…aber dazu später mehr.

Samstag, 4. Juli 2015 – Das Rennen

Start ist um 08.15. So richtig zum Ausschlafen. Nicht wie am Transalpine Run, wo man nach dem x-ten Tag um 5 Uhr mit verschlafenen Augen vor einem gefüllten Teller sitzt und keine Ahnung hat, wie man das runterbekommen soll… Es ist schon warm. Die Atmosphäre ist gelöst. Wie sollte das auch anders sein, bei so einem Tag in den Bergen, der uns hier bevorsteht. Etwas befremdend sind die Teilnehmer, die nichts dabei haben. Das Reglement schreibt tatsächlich keine Pflichtausrüstung vor; dass man anderen Läufern helfen soll jedoch schon. Ich habe Schnellverband, Desinfektionsmittel, Rettungsdecke, Windjacke und 2 Gels für den Notfall dabei. Und Salztabletten. Und von Anfang an 2 x 0.5 Liter Getränke. Und wie sich noch zeigen wird, werde ich diese auch brauchen. Und mehrmals wieder auffüllen. Leider denkt nicht jeder Läufer soweit, dafür hört man dann nach dem Rennen, die Posten seien zu weit auseinander gewesen. Eigentlich finde ich es gut, dass die Veranstalter uns Läufern nicht jedes Detail vorschreiben und damit unsere Eigenverantwortung in den Vordergrund stellen. Trailrunning soll ja auch diese Freiräume zulassen. Aber funktioniert das mit der Eigenverantwortung wirklich?

Alpine Trails soweit das Auge reicht

Alpine Trails soweit das Auge reicht

Der erste Teil der Strecke ist „gefährlich“. Nicht wegen Wölfen oder Bären… Ins Val Roseg hinein führt ein schöner, schmaler Weg, leicht coupiert, durch den Wald und verleitet dazu, schnell zu laufen. Aber eigentlich ein idealer Einstieg, der allen die Möglichkeit gibt, sich leistungsmässig einzuordnen. Nach einem ersten Getränkeposten bei rund 7 km geht es steil hinauf auf zur Fuorcla Surlej auf rund 2‘700müM. Ich habe fast schon ein schlechtes Gewissen gegenüber der Natur, dass ich mich nicht einfach irgendwo hinsetze und das geniesse, was sie mir hier anbietet. Dafür nutze ich schon auf diesem ersten Anstieg ein Naturprodukt: kühles Bachwasser. Von der Fuorcla Surlej aus blickt man wohl in eines der spektakulärsten Panoramen der Alpen. Eine Arena aus Berggipfeln, Schnee und Eis, mit unter anderem dem Piz Bernina mit dem Biancograt, Piz Morteratsch, Piz Roseg, der Sella-Gruppe. Sinnvollerweise befindet sich hier auch einer der Fotografen des Wettkampfes. Rund um die Fuorcla Surlej haben sich in den von der letzten Eiszeit gezeichneten Felsen kleine Seen gebildet. Von hier aus geht es in rund 15 Minuten auf einem gut laufbaren Weg und über ein paar kleine Schneefelder zuerst leicht abwärts, dann mit einem kurzen Anstieg hinüber zur Verpflegungsstation Murtél, der Zwischenstation der Corvatschbahn. Zu meinen Füssen liegen jetzt die Engadiner Seen, blaugrün leuchtend.

Panorama

Alpen Panorama

Auf einem zuerst technisch anspruchsvollen und steilen Trail geht es hinunter in den Wald und dann der Talflanke entlang Richtung St. Moritz Bad zu einem weiteren Getränkeposten. Ein schöner Trail im Wald führt uns dann nach rund 20 km von St. Moritz Bad aus über den Muottas de Schlarigna nochmals 400 Höhenmeter hinauf, bevor es zurück nach Pontresina geht. Auf einem der wenigen Asphaltstücke dieses Laufs hinein in den Backofen. Engadin??? Von hier aus geht es auf der anderen Talseite nochmals hinauf, denn der Lauf ist in Form einer grossen 8 angelegt. Rund 2/3 der Distanz und der Höhenmeter sind auf der ersten Schlaufe zu bewältigen. Psychologisch ist das eine echte Herausforderung, durch das Zielgelände zu laufen und trotzdem noch weiter zu müssen. Viele Leute sitzen hier bereits bei einem kühlen Bier. Die Stimmung ist toll. Der Speaker gibt alles. Die Hitze, die Aussicht auf ein kühles Blondes und der Blick hinauf auf das, was noch bevorsteht, verleitet dann auch einige dazu, hier auszusteigen. Dabei sieht man den höchsten Punkt noch nicht einmal… Die Aussteiger verpassen einen wunderschönen Trail hinauf zur Alp Languard. Zuerst im Wald, dann über eine sich immer mehr öffnende weite Alp. Zum Restaurant führt ein Sessellift. Ideal für Betreuer, die auch noch etwas von der Bergwelt mitbekommen wollen. Unter anderem sieht man von hier aus den Piz Palü und das Berninamassiv. Danach geht es leicht absteigend auf einem schönen und gut laufbaren Panoramaweg und sogar durch einen kurzen Schutztunnel den Hang entlang zurück in Richtung Unterer Schafberg. Der Tunnel sollte in der Mitte eine leichte Erhöhung zum Laufen haben, aber im Dunkeln stehe ich nur irgendwo seitlich in Wasserlachen… Nach dem Tunnel kommt mir in den Sinn, dass ich ja die Sonnenbrille mal kurz hätte abziehen können…

Ein bisschen Abenteuer darf schon sein...

Ein bisschen Abenteuer darf schon sein…

Im Restaurant Unterer Schafberg haben wir mal mit ein paar Alpinrunnern auf einer Trainingsrunde Rast gemacht, eine Käse- und Fleischplatte gegessen und Weizenbier getrunken. Und sind dann weiter… Aber daraus wird heute nichts, denn bereits bevor wir zum Restaurant kommen, geht’s steil hinauf zur Segantinihütte. Wir überschreiten die Baumgrenze, lassen den schattigen Wald hinter uns. Der Pfad ist steil und führt an zahlreichen massiven Lawinenverbauungen vorbei. Hier brennt die Sonne so richtig und trotzdem stehen dunkle Wolken drohend am Himmel. Ein Spektakel, egal wohin man schaut.

Perfektes Bergwetter

Perfektes Bergwetter

Seit Pontresina laufe ich praktisch alleine –ich muss diese Eindrücke aber mal mit jemandem teilen… ich halte an und mache ein paar Fotos mit dem iPhone, die ich gleich per Whatsapp nach Hause schicke. Bei der Segantinihütte auf 2731 Meter über Meer nehme ich mir Zeit, noch ein paar Worte mit den Helfern zu wechseln. Und schon wieder so ein Wahnsinnstrail, um den Schafberg herum. Nicht einfach zu laufen mit müden Beinen. Steil, teilweise grobe Steine, dann wieder eher sandig und rutschig. Und ein langes Stück mit grossen, flachen Steinplatten mitten durch ein Felssturzgebiet. So muss ein Trail in den Bergen sein. Fast bereue ich es, dass ich nur den leichten, aber dafür weniger stabilen Schuh angezogen habe. Der letzte Teil zieht sich dann den Hang entlang auf einer Fahrstrasse zurück bis oberhalb von Pontresina, an knorrigen Arven und Legföhren vorbei, bevor es dann grösstenteils steil durch den Wald hinunter ins Ziel geht, welches 1000 Höhenmeter weiter unten in Pontresina liegt. Nach 6h15min überquere ich auf dem 4. Platz die Ziellinie und freue mich neben dem wunderbaren Trailerlebnis über einen Sieg in meiner Altersklasse.

Fazit? Die Läufe spriessen aus dem Boden wie bei mir zu Hause der Löwenzahn im Rasen. Für viele ist es schwierig, sich zu positionieren. Einfach ein Berg und ein Trail genügen nicht mehr. Aber der Ultraks Engdin in dieser einmalig schönen Gegend hat definitiv noch gefehlt. Der Lauf beinhaltet grösstenteils wirklich schöne Trails in allen Variationen, ein paar Wald- und Fahrwege und nur gerade beim Start, bei der ersten Rückkehr nach Pontresina und auf dem letzten Stück vor dem Ziel etwas Asphalt. Die Abwärtstrails oberhalb der Waldgrenze sind teilweise nicht ganz einfach zu laufen. Vor allem, wenn man etwas Gas gibt, muss man sich immer wieder konzentrieren. Und die Aussicht… beschreiben kann man das nicht. Wenn immer möglich: Macht die lange Variante. Es lohnt sich!

Autor: Stefan Sigron
Bilder: Stefan Sigron & Engadin Ultraks

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