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Das Skyrace Lodrino Lavertezzo ist ein gleichermassen ein Juwel wie auch ein Geheimtipp. 21 Kilometer Tessiner Trails fordern über 2190 positiven und 1860 negativen Höhenmetern den Läufern jeweils im Juni alles ab. Auch dieses Jahr wieder war die Swiss Ultra Trail Community gut vertreten und hat es auf dem technischen Terrain richtig krachen lassen.

Berechtigterweise kann man sich fragen, warum eine Ultra Trail Website einen Rennbericht über ein 21km Skyrace veröffentlicht – ich bin sicher, dass die Gründe bei der Lektüre klar werden. Erst einmal die harten Fakten: Gestartet wird im kleinen Dörfchen Lodrino (in der Nähe von Biasca) wo auf brachialen Tessiner Trails erst über 12 Kilometer 2190 Höhenmeter im Aufstieg erklettert und dann über 9 Kilometer 1860 Höhenmeter im Abstieg vernichtet werden.

Skyrace pur: 21m mit 2190hm D+ und 1860hm D-

Skyrace pur: 21m mit 2190hm D+ und 1860hm D-

Nach total 21 Kilometer erreicht man mit schlotternden Knien das Ziel im malerischen Lavertezzo im Verzasca Tal. Das Skyrace LoLa, wie es unter den Tessinern liebevoll genannt wird, bietet alles, was man von einem solchen Lauf erwarten darf: Wahnsinns Aussicht, eine Mischung aus super technischem Trail und noch technischerem weglosem Querfeldein (sprich „Querberg-hoch und -runter“) sowie einer familiären Stimmung unter allen Beteiligten. Wie Stephan Hugenschmidt es Ausdrückt:

Sehr geil, weil sehr steil!

Aufstieg zur Forcarella di Lodrino

Trailrunner im Tessin stehen früh auf. Der Start ist demnach auch auf 8.00 angesetzt, was angesichts des strahlenden Frühsommertages mit Temperaturen jenseits der 30° Marke durchaus Sinn macht. Die Situation bei der Startnummernausgabe ist sehr familiär – jeder scheint jeden zu kennen. Überall wird gequatscht und gescherzt. Neben ein paar wenigen Auswärtigen sind die Locals in der Überzahl. Ich kenne mittlerweile bei meinem dritten Start auch schon einige Gesichter. Nach dem Einlaufen reihe ich mich hinter Nico Schefer (→ Rennbericht Transvulcania) und dem Salomon Athlet Stephan Hugenschmidt ein.

Stephan: Ich wollte mal wieder was kurzes, hartes machen. Nicht nur Ultra, weil man dann langsam wird, rostet. Und natürlich die Strecke, vor allem die Bilder vom finalen Gekraxel zur Forcarella di Lodrino, haben mich gereizt.

Um 8.03 geht es los. Der erste Kilometer geht flach durch Lodrino. Das soll auch das letzte flache Stück des heutigen Tages ein. Das Tempo ist zügig, aber nicht übertrieben. Der Einstieg in den Singletrail gibt gleich mal den Takt für die nächsten 2 Stunden Aufstieg vor – volle Pulle nach oben. Natursteintreppen, Felsen- und Wurzeltrails wechseln sich ab. Das Gelände ist steil und wild, der Blick nach vorne gibt nur wenige Meter Trail preis bevor er sich hinter dem nächsten Felsblock verliert. Mit den Händen auf den Oberschenkeln und Schweiss in den Augen geht es über verschiedene kleine Lichtungen und Alpen nach oben. In angemessenen Abständen werden Wasser und Bananen gereicht.

Quizfrage: Wo sind die Läufer?

Quizfrage: Wo sind die Läufer?

Der erste Teil des Aufstieges führt die Läufer in stetiger Steigung mit satten 1200 Höhenmetern auf 5 Kilometern zur Alpe Alva. Die Aussicht ist grossartig. Von da an steigt man in einem abwechslungsreichen Auf und Ab weitere 700 Höhenmeter auf teilweise ausgesetzten Pfaden, die knapp die Qualität eines Wildwechsels haben. Der Trail macht einfach nur Spass – über sprudelnde Schmelzwasserbäche und durch wilde Einschnitte quert man hoch zur Schlüssstelle des LoLa.

Nico: Der erste Teil der Strecke kennt nur eine Richtung: steil nach oben. Der Trail ist durchwegs schmal und immer wieder sind hüfthohe Stufen zu erklimmen. Zwischen den Serpentinen bleibt nur kurz Zeit für ein paar Augenblicke Aussicht – diese ist jedoch phantastisch und es ist beeindruckend, wie hoch oben man schon nach wenigen Kilometern ist.

La Forcarella di Lodrino

Noch einmal Wasser trinken auf der Alpe Negeish – als LoLa Wiederholungstäter weiss ich nämlich, was jetzt kommt. Hier offenbart das Skyrace sein wahres Gesicht, oder besser gesagt, es wir einem schlagartig bewusst, warum es keinen offiziellen Übergang ins Verzasca Tal gibt. Bis zur Forcarella auf 2223 Metern geht es noch einmal nach oben: 400 Höhenmeter auf 0.8 Kilometer. Trail gibt es keinen mehr – die Markierungsflaggen sind einfach in den Hang gesteckt. Die Devise ist simpel – Direttissima nach oben. Kraxeln ist angesagt. Mal mit den Händen auf den Knien, mal mit den Händen auf dem Boden. Mir wird die Luft knapp und das Laktat schiesst in die Muskeln. Wie ein Adlerhorst klebt der Kontrollposten auf dem Grat der Forcarella. Nach 2h27min schlage ich an, 12 Kilometer sind durch und 2180 Höhenmeter liegen unter mir. Der Blick ist phantastisch.

Nico: Auf dem letzten Stück gibt es keinen Weg mehr, es geht mit 50° eine unglaublich steile Grashalde hoch. Rückwärts fallen ist keine Option. Um die Steigung zu meistern sind ungewohnte Verrenkungen und riesige Tritte notwendig, mit den Händen ziehe ich mich an Grasbüscheln hoch. Ich merke, wie sich kleine, kurze Krämpfe ankündigen.

What goes up must come down

So steil wie es zur Forcarella hoch ging, geht es jetzt wieder runter. Felsblöcke, Geröll und Schnee wechseln sich ab. Ich bin technisch überfordert und muss ein paar Läufer ziehen lassen, die ich eben im Auftieg noch überholt hatte. Es liegt noch ziemlich viel Schnee und wir müssen verschiedene Schneefelder passieren. Zum Glück geht es meist in der Falllinie nach unten und so können wir auf dem Hosenboden die Schneefelder runter rutschen. Einfach nur geil. Allzu tiefenentspannt sollte man bei der Rutschpartie aber nicht sein, sonst kriegt läuft man in die Gefahr ungewollte einen Schneeeinlauf verpasst zu bekommen. Über mehrere Schneefeldrutschen, -Querungen und sonstigen Kraxeleien wird das Geläuf nach etwa 400 Höhenmeter etwas weniger technisch. Etwas weniger technisch ist hier auf einer Tessiner Skala zu interpretieren, denn es trachtet immer noch jeder Tritt danach einem alle Gräte zu brechen. Zum Glück habe ich meine Knöchel getaped.

Stephan: Auch ich fand das Terrain extrem schwierig. So was laufe ich im Training nicht oft. Am Anfang bin ich noch kontrolliert gelaufen und es hat mir ungeheuren Spass gemacht, vor allem über die Schneefelder zu rutschen – Skifahr-Feeling! Als mich kurze Zeit später aber der Ex-Russe überholt hat, war dann Schluss mit lustig. Mir wurde klar, dass ich einen grossen Zacken zulegen musste, wenn ich dran bleiben wollte. Im extrem technischen Teil habe ich das zwar nicht geschafft, auch wenn ich wirklich an der Grenze des für mich Machbaren gerannt bin. Zum Teil sogar über der Grenze, ein Mal hat es mich nämlich gelegt. Erst auf den „etwas weniger technischen“ Passagen konnte ich wieder Boden gut machen. Hier ist nicht die Kraft oder die Ausdauer limitierend, sondern die Lauftechnik (oder wie gut man sein Hirn ausschalten kann)

Trotz des hohen technischen Anspruchs verliert man schnell an Höhe. Leider bin ich langsam. Dieses Rennen wird nicht über die Kraft und Ausdauer im Anstieg sondern über die technischen Fähigkeiten im Downhill entschieden. Nun gut, jetzt weiss ich einmal mehr, wo ich mich noch weiter verbessern muss. Je weiter man ins Tal runter kommt, desto weniger steil wird das Gelände. Die kurzen Gegenanstiege kommen mir sehr gelegen um noch einmal ein bisschen Gas zu geben. Der letzte Kilometer fällt noch einmal technisch steil durch alte Rustici hindurch nach Lavertezzo ab, wo auf dem Kirchplatz das Ziel aufgestellt ist. Ich schlage nach 3h43min an. Erst mal durchatmen…

–> Hier gibt es den Video Bericht vom Tessiner Fernsehen.

Malerischer Zieleinlauf in Lavertezzo

Malerischer Zieleinlauf in Lavertezzo

Tessiner Begeisterung

Im Zielgelände sieht man abgekämpfte, aber glückliche Gesichter. Der LoLa ist zwar kein Ultra, fordert aber dem Läufer einiges ab. Technisch wie auch konditionell. Leider standen dieses Jahr keine Duschen und keine Massagestände mehr zur Verfügung. Im strahlenden Sonnenschein war eine Katzenwäsche in der Verzasca aber kein Problem. Wie üblich trifft sich nach dem Zieleinlauf die ganze Läuferschar zum Pastaessen in der Festwirtschaft, die malerisch direkt neben der Verzasca unter alten Kastanienbäumen aufgestellt worden ist. Mein Fazit: Eines der besten Rennen die ich kenne – ein absoluter Geheimtipp!

Nico: 21 Kilometer – das klingt zwar kurz und einfach, ist es bei der Strecke aber beides nicht. Vom Zeitaufwand her über einem Marathon und sehr technisch zu laufen. Die Mühen werden jedoch durch die unglaublich schöne Bergwelt mehr als entlohnt. Das Rennen ist perfekt organisiert, Verpflegung und Markierung sind vorbildlich. Das Feld der Starter ist zwar klein, aber stark besetzt. Im Tessin ist LoLa bereits eine Legende – im Rest der Schweiz noch Geheimtipp. Fazit: Die Trofeo Kima des kleinen Mannes.

Stephan: Meine persönlichen Highlights:

  • geniale Strecke (besser geht nicht, höchstens anders)
  • Skyrace ist geil, es muss nicht immer Ultra sein
  • die Tessiner sind wahnsinnig herzlich und die Organisation war perfekt trotz dem familiären Eindruck
  • am Start, wenn man auf die senkrecht wirkende Wand blickt und man weiss, dass man da hochrennt und im Nachbartal wieder runter
  • der Killer-Anstieg zum höchsten Punkt
  • über Schneefelder rutschen
  • Zielverpflegung

Ingesamt war es ein super Tag in den Tessiner Bergen. Auch kann man mit den Resultaten der Swiss Ultra Trail Community Anhängern ganz zufrieden. Stephan kam mit 2h41min als „unglücklicher“ 4. ins Ziel. Trotzdem hat er mit dieser Zeit den alten Streckenrekord unterboten. Nico kam mit 3h23min auf Platz 18. und ich mit 3h43 auf Platz 27 ins Ziel. Resultate sind hier zu finden.

Podium Männer:
1. Walther Becerra 2h40 (Streckenrekord)
2. Mikhail Mamleev 2h41
3. Patrick Feuz: 2h41

Podium Frauen:
1. Michaela Mertova 3h56
2. Patrizia Pagnoncelli 3h58
3. Maria Gennari 4h01

Autor: Alex Brennwald
Interviewpartner: Nico Schefer und Stephan Hugenschmidt

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