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Es sollte ein episches Abenteuer werden: von Brig nach Bellinzona – fünf Tage Trailrunning pur! Insgesammt haben Enrico Bieri und Timon Abegglen 170 Kilometer in 29h 52min zurückgelegt. Neben 8400 Höhenmetern auf knackigen Alpentrails haben die Beiden zahlreiche Eindrücke und inspirierende Erfahrungen gesammelt. Vielen Dank für den spannenden Erlebnisbericht!

Von Brig nach Bellinzona in fünf Tagen. Hier die Eckdaten:

1. Tag: Brig – Simplonpass – Gondoschlucht – Gondo: 37km; 1700m+; 1500m
2. Tag: Gondo – Passo di Monscera – Graniga: 26km; 2000m+; 1800m-
3. Tag: Graniga – Domodossola – Biwak Craveggio: 40km; 1700m+; 1800m-
4. Tag: Craveggio – Càmedo – Ascona – Locarno: 41km; 2100m+; 2900m-
5. Tag: Locarno – Bellinzona: 24km; 60m+; 20m-

170 Kilometer Abenteuertrails

170 Kilometer Abenteuertrails

Insgesamt haben Enrico und Timon in den 5 Tagen 170km in einer reinen Laufzeit von 29h 52min hinter sich gebracht. 8388 positive und 8717 negative Höhenmeter wurden dabei überwunden.

Tag 0 – Lagerfeuer zum Einstimmen

Warm-Up-BBQ ob Sigriswil am Thunersee

Zur Einstimmung unseres fünftägigen Abenteuers beschliessen Enrico und ich, den Vorabend mit einem gemütlichen Lagerfeuerabend oberhalb von Sigriswil am Thunersee zu verbringen. Eine gute Gelegenheit, ein paar eingerostete Survival-Skills wieder aufzufrischen und für einmal wieder ein Feuer ohne Streichholz und Feuerzeug in Gang zu bringen. In überraschend kurzen zwanzig Minuten loderte es bereits und bald schon können wir den gelungenen Auftakt mit Blick über den Thunersee geniessen. Die Stimmung bei untergehender Sonne, die letzten Strahlen durch einige schwarze Regenwolken brechend, ist traumhaft.

Blick über den Thunersee

Blick über den Thunersee

Tag 1 – Schneefreie Trails im Wallis

Brig – Simplonpass – Gondoschlucht – Gondo
37km; 1700m+; 1500m-

Endlich. Es geht los. Die Ausrüstung bereits am Vorabend gecheckt, verlassen wir den Thunersee frühzeitig und machen uns per Zug auf zum Ausgangsort unserer der Tour in Brig zu erreichen. Da wir uns unsicher sind, wie die Witterungsbedingungen und insbesondere die Schneesituation am Simplonpass sein wird (ein lokaler Wander-Guide sprach von viel Schnee und Schneeschuhen oberhalb von 1800 Metern), wollen wir rasch vorankommen und schnell Kilometer gut machen. Direkt ab Brig führt die Route auf netten Waldtrails nach oben. Von Beginn an öffnen sich immer wieder tolle Ausblicke auf verschneite Gipfel und mystische Bergwälder. Ein stets wechselndes, aber immer atemberaubendes Panorama soll uns für die gesamten fünf Tage begleiten.

Brig Trails

Schöne Trails oberhalb von Brig

Der gut laufbare Weg führt uns konstant nach oben. Die ersten kleinen Schneefelder queren wir problemlos auf ca. 1400 Meter. Soviel vorneweg: Die Schneebedingungen sollen uns an diesem Tag absolut keine Probleme machen. Über malerische Holzbrückchen und durch eine äusserst abwechslungsreiche Pflanzenwelt führt der Weg über einige Hochmoore weiter. Man möchte am liebsten immer wieder stehen bleiben, so schön ist die Aussicht.

Schneefrei

Schneefreie Wege mit Blick auf verzuckerte Gipfel

Überraschend schnell erreichen wir den Simplonpass und folgen nun unfassbar flowigen Trails hinunter in Richtung Simplon-Dorf. Die Zeit verfliegt viel zu schnell. In Simplon-Dorf decken wir uns in einer kleinen, aber sehr feinen Bäckerei mit selbstgemachten Nussriegeln und einer Nusstorte für später ein.

Verspielte Trails

Verspielte Pfade schlängeln sich durch die Alpenlandschaft

Weiter geht’s. Wir biegen scharf links ab und folgen der Gondo-Schlucht zu unserem heutigen Tagesziel Gondo. Aufgrund eines Felssturzes müssen wir auf Höhe Fort Gondo kurz auf die Strasse ausweichen, dürfen diese aber bald wieder auf die geliebten Trails verlassen. In Gondo checken wir im Stockalperturm als einzige Gäste eines 20-Bett-Massenlagers ein. Nach dem schrecklichen Felssturz, den das Dorf im Jahre 2000 fast vernichtet hätte, wurde hier mit grossem Aufwand und viel architektonischer Kreativität alles wieder hergerichtet. Die Kombination aus Alt und Modern ist reizvoll und wir geniessen den Ausklang des ersten Tages.

Traditionelle Zwischenverpflegung

Traditionelle Zwischenverpflegung erfreut das Trail Runner Herz

Tag 2 – Auf den Spuren des Winters

Gondo – Schlaufe Zwischbergental hoch – Passo di Monscera – Graniga
26km; 2000m+; 1800m-

Am zweiten Tag sind wir etwas später dran. Von Gondo aus gehts direkt zur Sache. Vorbei an einem ansehnlichen Wasserfall steigt der Trail direkt über die erste Kante und folgt danach dem Zwischbergental nach oben. Wir entscheiden uns zu einer verlängerten Route und lassen die Abzweigung zum Passo di Monscera erst mal links liegen und folgen dem Tal weiter nach oben. Hier liegt der Schnee in deutlich grösseren Schneezungen um einiges weiter ins Tal hinab. Ab 1200 Meter queren wir bereits die ersten dieser gefrorenen Monster. Hier im Süden war der Winter dieses Jahr sichtbar härter als im Norden.

Spuren des Winters

Spuren des Winters

Die Spuren sind noch überall deutlich zu sehen. Einige „Brücken“ über Bergbäche verdienen den Namen nicht mehr und wir improvisieren ein bisschen, kommen aber überall weiter.

Abenteuerliches Queren der Schmelzwasserbäche

Abenteuerliches Queren der Schmelzwasserbäche

Nach 3,5km drehen wir und folgen dem Tal auf der anderen Seite wieder nach unten. Wir zweigen nun rechts ab und nehmen den steilen Anstieg zum Passo di Monscera in Angriff. Wir sind seit Stunden mutterseelenallein und geniessen die Einsamkeit hier oben. Die Luft wird klarer und kälter. Nach ein paar nun schon zur Gewohnheit gewordenen Schneefeldern versperrt uns nun auf ca. 1900 Meter ein richtiges Biest von einer Schneezunge den Weg. Das Gelände ist steil, sehr steil. Und wenige Meter unter uns befindet sich eine senkrechte Abbruchkante. Wir müssen wieder improvisieren und basteln uns flugs je zwei „Eispickel“. Damit geht’s problemlos und wir sind froh, dass die Temperaturen hier oben noch so tief sind. Der härtere, gefrorene Schnee ist zwar schwieriger zu bezwingen, aber deutlich sicherer. Eine Woche später hätten wir hier wohl aufgrund zu gefährlicher und zu warmen Bedingungen umkehren müssen.

Improvisierte Steighilfen

Improvisierte Steighilfen

Das Wetter beginnt nun umzuschlagen. Dunkle Wolken hüllen den Pass in ein düsteres Gewand. Zum Glück haben wir die schwierigsten Abschnitte nun hinter uns und steigen rasch die letzten 100 Höhenmeter zum Passo di Monscera hoch. Keine Sekunde zu früh, beginnt es nun doch sehr ungemütlich zu werden und erste grosse, schwere Tropfen fallen. Kurze Zeit später schüttet es aus Kübeln. Wir machen uns zügig auf den Weg nach unten. Unsere geplante Route passen wir an und weichen den hier im offenen Gelände gut erkennbaren Schneefeldern aus. Schnell verlieren wir an Höhe, es schüttet, aber es wird warm. Fast schon zu warm. Wir verstauen die Regensachen, nass sind wir sowieso, und bringen die letzten paar Kilometer bis hinunter nach Graniga hinter uns.

Wetterumschlag auf dem Passo di Monscera

Wetterumschlag auf dem Passo di Monscera

Wir checken im Hotel Da Cecilia in Graniga ein. Ein steil in den Hang gebautes Dorf. Dominiert von einer in Serpentinen verlaufenden „Dorfstrasse“ und im Dorfkern alte, im regionalen Stil erbaute Steinhäusschen. Wir sind am oberen Ende und haben einen atemberaubenden Ausblick aus unserem kleinen, aber einwandfreien Zimmer. Frisch geduscht machen wir uns auf, die Mama des Hauses zu suchen und finden sie beim Giro d’Italia-Radrennen am TV gucken und dabei die Wäsche bügeln. Wir setzen uns dazu, sprechen kein Wort italienisch und umgekehrt sie kein deutsch, verstehen uns aber ausgezeichnet und fühlen uns wie in die Familie aufgenommen. Später geniessen wir die Kochkünste, lokale norditalienische Hausmannskost. Sehr gehaltvoll, sehr lecker und genau das richtige für hungrige Trailrunner. Bezahlt haben wir 35 EUR pro Person und Nacht im Zweibettzimmer und jeweils 6.50 EUR für die Vorspeisen und 8.50 EUR für die üppigen Hauptgänge. Danach noch etwas Käse und wir platzen beinahe. So lässt es sich leben! Wir beschliessen, die Region Graniga, das Valle di Bognanco und die zahlreichen Pässe in der Umgebung zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu besuchen. Natürlich wieder vom Da Cecilia aus.

Tag 3 – Doppeletappe nach Italien

Graniga – Domodossola – Biwak oberhalb Craveggio (1000m.ü.M)
40km; 1700m+; 1800m-

Aufbruch zur Doppeletappe. Heute würde am Abend kein Hotelbett auf uns warten. Wir haben vor, an geeigneter Stelle zu biwakieren und freuen uns auf weitere zwei Tage Trails. Doch bereits kurze Zeit nach dem Aufbruch ahnen wir Übles. Wir kommen nicht vom Fleck. Kein Weg, dichtes Unterholz und -gewächs und das steile, schroffe Gelände machen uns zu schaffen, begeistern uns allerdings auch in gleichem Masse. Nun wird aus Trailrunning echtes Adventurerunning und Orientierungslaufen! Mit einiger Verzögerung auf unseren Zeitplan erreichen wir Domodossola, dem ersten grösseren Ort seit Brig. Wir decken uns am Markt mit frischen Früchten ein und lassen die Socken qualmen. Weiter geht’s! Nachdem wir die Ebene (mit mittlerweile doch unangenehm warmen Temperaturen) hinter uns gelassen haben geht’s direkt wieder steil nach oben. Allerdings wird es nun echt knifflig. Wo eigentlich ein Pfad sein sollte ist nichts. Ausser in Abständen im Wald verstreute Ruinen von ehemaligen Ziegen- und Schafshirten-Bergdörfchen. Manchmal ein oder zwei, manchmal fünf bis zehn Steinruinen – komplett verlassen. Lost places. Unheimlich, aber auch perfekt, um seinen Gedanken nach zu hängen.

Verlassene Rustici

Verlassene Rustici

Verlassene Rustici

Unwegsames Gelände führt zu Zeitverzögerungen

Doch dies ist hier gefährlich. So verfallen die Dörfer sind, die ehemaligen Verbindungspfade sind es noch viel mehr. Beziehungsweise sie sind mittlerweile an vielen Stellen komplett von der Natur zurückerobert. Der Tag geht in diesem Stile viel zu rasch vorbei und aus geplanten 37km wurden trotz brutalem Routenanpassen und abkürzen am Ende 40km.

Wilde Tessiner Trails

Wilde Trails durch unberührte Landschaften

Im letzten Ort, an dem wir an diesem Tag vorbei kommen, decken wir uns mit ein bisschen Gemüse, Würstchen, Speck und allerlei „Zuckerwasser“ ein und nehmen nochmals einige letzte Höhenmeter unter die Füsse, bis wir auf ca. 1000 Metern einen geeigneten Platz zum Errichten eines einfachen Biwaks finden. Flugs basteln wir uns zwei Schlafstellen, etwas vom Boden abgehoben, und bringen ein Feuer in Gang, welches uns die Stechmücken vom Leib hält. Es wird sehr gemütlich, friedlich und wir geniessen die Stille, das Rauschen des Flusses tief unten im Tal und die Sterne über uns.

Lagerfeuer

Lagerfeuer

Tag 4 – Biwak und Abenteuerlauf

Biwak oberhalb Craveggio – Càmedo – Ascona – Locarno
41km; 2100m+; 2900m-

6 Uhr. Wir sind wach. Es wurde kühl, doch unser Feuer, die Bettstellen und Schlafsäcke haben ihren Zweck erfüllt. Frieren mussten wir nicht.

Kuscheliges Biwak

Kuscheliges Biwak

Trotzdem halten wir uns nicht allzu lange auf. Uns geht nämlich langsam das Wasser aus und wir haben als erstes gute 400m Anstieg vor uns, auf welchen wir nicht mit Wasserquellen rechnen. So kommt es dann auch.

So fallen wir durstig über den ersten Brunnen her. Ab da ist das Wasserproblem keines mehr. Funktionierende Trinkwasserbrunnen finden sich bei jeder Dorfruine. Wir haben ca. 10km vor uns, bis wir die Schweizer Grenze in Camedo erreichen werden. Aber nach den Erfahrungen des gestrigen Tages wissen wir: Das wird weiter und deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als geplant.
Dass wir dann allerdings den gesamten Vormittag brauchen würden, um die Grenze nach 13km zu erreichen, damit hätten wir dann doch nicht gerechnet. Das Gelände hat noch eine letzte Prüfung für uns bereit und wir müssen noch einmal alles geben. Von Zecken und Mücken zerstochen, zerkratzt und mit kleinen Schnittwunden sowie blauen Flecken übersät erreichen wir dann aber glücklich den Grenzübergang, den Kopf immer noch voll mit den gewaltigen Eindrücken der norditalienischen „Trails“.

Unwegsamer Trail

Unwegsamer Trail fordert alles ab

Nun wird es leichter. In der Schweiz sind die Pfade wieder gepflegter. Ausser einiger umgestürzter Bäume und Flüsschen mit Schmelzwasser hält uns nichts mehr auf und wir klettern über den letzten Hügel des Centovalli. Oben angekommen verschlägt uns der Ausblick die Sprache. Der Blick öffnet sich unerwartet über den gesamten Lago Maggiore. Umwerfend! Der Weg folgt nun der Kante und zu unserer Rechten begleitet uns dieser grandiose Ausblick bis wir kurz vor dem Ziel immer noch 600 Höhenmeter abzubauen haben. Über steinige und mit Wurzeln übersäte Pfade sind diese allerdings blitzschnell abgearbeitet und wir erreichen Ascona. Aus geplanten 35 wurden heute 41km. Unsere nächste Übernachtung ist in Locarno und so laufen wir die letzten Meter über Asphalt zum Hotel. Fühlt sich dies nach zwei Tagen im Gelände leicht an! Aber irgendwie auch widerlich.

Ausblick auf den Lago Maggiore

Ausblick auf den Lago Maggiore

Tag 5 – Auslaufen und geniessen

Locarno – Bellinzona
24km; 60m+; 20m-

Wir müssen die Route anpassen. Enricos Füssen geht’s nach den letzten Tagen nicht sonderlich gut und ein Blick in die Berge oberhalb von Locarno zeigt tiefdunkle Gewitterwolken bereits zu dieser frühen Stunde. Geplant wären nochmals 35km mit 2000m im Anstieg, vielleicht sechs Stunden anspruchsvolles Laufen. Wir entscheiden, dass dies nicht mehr ratsam ist und wählen den Weg über die Magadino-Ebene. Dadurch wird die Strecke ein lockeres zweistündiges Auslaufen und wir beeilen uns nicht sonderlich vom Hotel aufzubrechen.
Dies rächt sich dann allerdings insofern, als dass es hier im Süden auf 200 Metern schnell sehr warm wird. Feuchte 28°C dürften es sein, der Schweiss fliesst in Strömen, aber einige schattenspendende Bäume entlang des weich-flowigen Singletrails neben dem Ticino und ein steter, leichter Wind verschaffen etwas Erleichterung. Wir erreichen den Bahnhof in Bellinzona.

Fazit: 170km in den Beinen – 1000 Erinnerungen im Herzen

Ein tolles Abenteuer geht zu Ende. Unfassbar schöne fünf Tage, in denen wir zu Zweit viel erleben durften und neue Eindrücke sammeln konnten, die uns noch lange begleiten werden.
Die von uns gelaufene Route ist knackig. Die Zahlen, 170km und 8000Hm in fünf Tagen, sehen nicht sehr beeindruckend aus, sind aber gerade im italienischen Teil anspruchsvoll und erfordern mehr als nur läuferische Skills. Trotzdem – oder gerade deswegen – möchten wir jedem erfahrenen Trailrunner, der ein paar Tage weg von allem will, sich selbst neu finden möchte und viel Raum und Zeit für eigene Gedanken sucht die Region sehr ans Herz legen. Absolut abwechslungsreich, Fotosujets alle paar hundert Meter, ein richtiggehendes „re-booten“ des Kopfes. Ein Traum!

Panorama

Locarno und Ascona

Umfangreiche Bildergalerie mit weiteren Eindrücken: Facebook

Text: Timon Abegglen
Fotos: Enrico Bieri und Timon Abegglen

Detail-Infos, GPS-Tracks und Tipps für eigene Unternehmungen in der Region: direkt über Enrico Bieri und Timon Abegglen

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