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Jasmin Nunige ist eine Ausnahme-Erscheinung: Egal ob Berglauf, Ultra Trail oder Strassenmarathon – sie ist vorne mit dabei. 5 Siege beim Swiss Alpine Marathon K78, eine Olympia-Teilnahme als Skilangläuferin und eine Marathon Bestzeit von 2h39min sind nur kleine Auszüge Ihrer Leistungen. Auch als Mensch wurde die Spitzenathletin gefordert – nach der MS Diagnose 2011 hat Sie sich als Frau, als Mutter zweier Kinder und als Spitzenläuferin weiterentwickelt und sich zurück gekämpft. Zu Recht wurde sie nun für den EM Marathon 2014 in Zürich in den Schweizer Kader nominiert. Vielen Dank, Jasmin, für dieses Interview mit viel Tiefgang.

Q: Du wurdest letzte Woche für den EM Marathon selektioniert. Was bedeutet das für Dich? Wie sehen die nächsten 16 Wochen trainingstechnisch aus?

Nunige 5Jasmin: Es ist super an der Heim-EM in Zürich  den Marathon zu laufen. Ich freue mich über die Selektion in den Schweizer Kader. Ein Flachmarathon auf der Strasse als grosses Jahresziel ist für mich etwas Neues. Natürlich habe ich den Saison- respektive den Sommeraufbau mit dem Augenmerk auf den EM Marathon am 16. August ausgerichtet. Im Besonderen bedeutet das weniger Arbeit in meiner medizinischen Massage-Praxis und mehr Fokus auf Spitzensport. Ich bin gerade aus dem Trainingslager zurück gekommen. Es ist gut, wenn man sich eine Zeit lang auf Training, Ernährung und Erholung fokussieren kann.

Trainingstechnisch ist die EM Vorbereitung nicht sehr anders als eine andere Saison. Die Long Jogs sind zurzeit aber vermehrt flach und nicht wie sonst coupiert. Es gilt vermehrt auch längere Strecken in der Zielpace von 3.40 – 3.45 Minute pro Kilometer zu laufen um den Körper gut an die gleichförmige Marathonbelastung auf der Strasse zu gewöhnen. Eine Verlagerung der Trainingsreize von den Bergen in die Fläche ist bewusst in meinem Trainingsplan reflektiert.

Laufen im Gelände ist wichtig um die Beweglichkeit und Flexibilität aufzubauen – nicht nur körperlich sondern auch im Kopf.

Ich werde in den nächsten Wochen auch vermehrt für ein paar Tage ins Engadin reisen um da zusammen mit anderen Athleten zusammen zu trainieren. Das gemeinsame Training hilft, um Rhythmus und Pace ideal auf die Belastung am EM Marathon zu trainieren.

Q: Der Spagat zwischen flachem Strassenlauf und steilem (Ultra) Trail ist nicht einfach zu meistern. Was heisst das für Dich in Deinem Trainingsalltag?

Jasmin: Es ist schon so, dass es einen grossen Unterschied macht mit einem reinen Zeitziel vor Augen zu trainieren. Im Gegensatz dazu hat sich das Training in den Jahren zuvor mit den damaligen (Ultra) Trail Fokus doch vielseitiger gestaltet: Für mich hat aber beides seinen Reiz. Insgesamt ist die Belastung für den Körper auf der Strasse sehr hart. Eine Abwechslung auf Trails kommt mir jeweils mental, wie aber auch physisch sehr gelegen. Laufen im Gelände ist wichtig um die Beweglichkeit und Flexibilität aufzubauen – nicht nur körperlich sondern auch im Kopf.

Swiss Alpine K78 Panorama Trail

Swiss Alpine K78 Panorama Trail

Im Grossen und Ganzen würde ich diese Saison mit Strassenmarathon-Fokus nicht als ein Spagat zum Ultra Training bezeichnen. Ich habe immer schon viel Speedwork im Gelände gemacht und auch Bahntraining ist ein konstanter Bestandteil meines Trainings – insbesondere 400er und 1000er Intervalle sowie Laufschule.

Q: Im 2011 hast Du die Diagnose Multiple Sklerose erhalten. Wie war das?

Jasmin: Im Ersten Moment war es natürlich ein Schock. Zum Zeitpunkt der Diagnose litt ich an körperlichen Beschwerden wie Sensitivitätsstörungen in den Beinen bis zum Rumpf. Ich hatte Angst vor der Zukunft, da ich nicht wusste, wie sich die Symptome weiterentwickeln werden. Die Situation 2011 war für mich neu und sehr stresserfüllt. Als Konsequenz der mentalen Verfassung wie aber auch der körperlichen Symptome habe ich den Sport stark runtergefahren.

Ein erfüllter Tag darf nicht nur über gelaufene Kilometer definiert werden, sondern an der Freude an der Bewegung!

Relativ schnell ist mir klar geworden, dass es weiter gehen muss. Als Frau, als Mutter aber auch als Athletin. Sport hat mir gefehlt. Anfänglich habe ich mich mit den Fahrrad und den Kindern in Schwung gehalten. Ich habe dann schnell gemerkt: Bewegung tut gut. In der Folge habe ich auch wieder zu laufen begonnen. Während diesem Wiedereinstieg ist eine wichtige Erkenntnis gereift: ein erfüllter Tag darf nicht nur über gelaufene Kilometer definiert werden, sondern an der Freude an der Bewegung.

Nunige 4Meine Leistungsfähigkeit blieb gut erhalten – warum also nicht wieder Wettkämpfe laufen?! Ich wollte es noch einmal probieren. Vielleicht würde es klappen, vielleicht wäre es aber auch mein Abschiedslauf geworden. Bevor ich dieses Ziel fassen wollte, war mir die medizinische Absicherung wichtig. Und zwar nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie und mein Umfeld. Ich wurde in der Zeit von Prof. Kesselring (Anmerkung:. damaliger Präsident der Schweizerischen MS Gesellschaft) begleitet und beraten. Ein MS Schub kann nicht durch sportliche Aktivität ausgelöst werden. Ich habe dann das Training wieder aufgenommen. Man muss trotzdem ehrlich sein mit sich selber – dem war ich mir selber sehr bewusst. Jeder muss auf seinen eigenen Körper achten und all seine Signale richtig interpretieren.

Q: Was bedeutet das heute für Dich im physischen und psychischen Trainings- und Wettkampfalltag?

Jasmin: Höre auf den Körper – was geht und was geht nicht. Nach der Diagnose im 2011 musste ich austesten, wie ich mein Training ausgestalten kann. Das muss jeder für sich selbst tun, das ist sehr individuell. Die Erfahrung aus dem Spitzensport hat mir aber geholfen die Signale meines Körpers wahrzunehmen und zu interpretieren. Und man muss aus den wahrgenommenen Signalen auch die richtige Handlung ableiten. So musste ich schweren Herzens im 2013 den Zürich Marathon und den Comrades Marathon in Südafrika absagen. Es ging gesundheitlich einfach nicht. Ich habe in der Folge meine Trainings- und Wettkampfplanung angepasst. Nach einem gesundheitlich schwierigen Winter bin ich im Frühjahr 2013 ziemlich verunsichert am LGT Alpin Marathon gestartet und konnte dennoch einen Sieg feiern. Trotz dem schlechten Start hat sich 2013 dann zu meiner besten Saison entwickelt. Es ist wichtig auch nach den Rückschlägen wie im Winter 2012/13 positiv eingestellt zu bleiben und weiter zu machen. Das Niveau muss man aber so anzupassen, dass es weiter gehen kann und man nicht zerbricht. Ich will kein Risiko eingehen. Das ist sehr konservativ; dafür kann einem aber dieser besonnene Ansatz unerwartet Erfolge bescheren.

Nunige 6Sensibilisierung und Ehrlichkeit sind Lehren, die ich aus der MS Erkrankung mitgenommen habe und die ich jetzt auch als Vorteil für mich einsetzen kann. Es geht um Mehr als nur den Wettkampf! Trotzdem, wenn ich starte, dann ich bin ich ready und will meine maximale Leistung abrufen. Eine gute Vorbereitung bildet hierzu die Basis. Ich setze in meiner Saison einige wenige Akzente an denen ich voll leistungsfähig sein will. In der Ultra Szene gibt es viele Läufer, die einen Wettkampf an den nächsten hängen. Das kann und will ich nicht. Wenn ich starte, dann will ich das Beste herausholen. Das bedeutet wiederum auch, dass ich in nach einem schlechten Start oder einem Tief das Rennen nicht abschreibe, aufgebe und mental die Leistung auf den nächsten Wettkampf verschiebe, sondern dass ich weitermache und das Beste aus dem Tag und meiner Form herausarbeite.

Q: Du hast Dich neben den Strassenläufen auf Trail Rennen spezialisiert. Bis anhin hat man Dich auf der Ultra Distanz jeweils beim Swiss Alpine Marathon auf dem Podest gesehen. Wirst Du in Zukunft auch andere Ultra Trails bestreiten?

Jasmin: Die Saisonplanung und das grosse Angebot an Wettkämpfen ist leider immer der limitierende Faktor. Der Swiss Alpine Marathon in Davos steht in meiner Planung meistens im Vordergrund (Anmerkung: 5fache Siegerin und 8mal Podest in der Haupt- und/oder Altersklasse). Natürlich ist es dieses Jahr mit dem EM Marathon anders. Nach der Europa Meisterschaft werde ich den Fokus wieder mehr auf Trails schwenken. Zum Beispiel starte ich am Festival des Templiers für das Team Europe. Der Zugspitz Ultra Trail oder der UTMB (→Rennbericht) würden mich ebenfalls reizen und sind weit oben auf meiner Wunschliste. Im Moment ist mein Training für Ultradistanzen um die 100 Kilometer optimiert. Für 100 Meilen würde ich mein Training und die Saisonplanung entsprechend anpassen.

Wenn ich starte, dann will ich das Beste herausholen. In einem Tief schreibe ich ein Rennen nicht ab, sondern mache weiter und hole das Beste aus dem Tag und meiner Form heraus.

Ich werde also weitere Trail Ultras laufen. Grundsätzliche empfinde ich Ultra Trails einfacher verdaubar als Strassenmarathon. Insbesondere die Vorbereitung und das Training für einen Ultra in Bergen ist weniger traumatisch als ein Strassenmarathon. Die Belastung im Wettkampf ist zwar auf der Strasse wie auch auf dem Trail sehr hart, aber der Renntag ist insgesamt nicht so massgebend. Das Training und die damit einhergehende Belastung stehen viel mehr im Vordergrund. Das Laufen im Gelände ist für mich mehr eine Gefühlssache und weniger traumatisch. Körperlich und auch mental ist ein Ultra Wettkampf hart. Die Tiefs empfinde ich mental als sehr herausfordernd und zehrend. Da ich jeweils wie schon gesagt meine Wettkämpfe sehr selektiv und hart laufe, brauche ich im Anschluss etwas Zeit, bis ich wieder einen Fokus setzen kann.

Q: Die weibliche Beteiligung an (Ultra) Trails ist immer noch relativ gering. An was liegt das? Wie kann man das ändern? Was gibst Du weiblichen Athleten, die sich auf die Trails wagen, mit auf den Weg?

Jasmin: Im Moment steigt das Niveau im Leistungssport bei den Frauen stark an. Auf den Trails sind die professionellen Teams wie Salomon massgebend an dieser Entwicklung beteiligt. Es ist aber dennoch so, dass viele Frauen keinen Wettkampfsport betreiben wollen. Ich glaube, das liegt weder an der Distanz der Ultra Wettkämpfe noch am Zeitaufwand fürs Training. Es gibt viele Beispiele an denen man sehen kann, dass die Trainingsethik bei den Frauen genauso da ist wie bei den Männern, der Selbstbestätigungsdrang scheint aber zu fehlen. Es ist schade, dass die weibliche Beteiligung relativ tief ist. Das Gefühl mit weichen Knien am Start zu stehen und dann einen trotzdem einen guten Wettkampf zu absolvieren ist ein tolles Erlebnis. Zu dieser Erfahrung würde ich gerne mehr Frauen animieren.

Nunige 1Insgesamt sollte der Frauensport mehr in den Vordergrund gestellt werden. Bei Berichterstattungen in den Medien wird oft nur der erste Mann genannt. Das ist schade. Veranstaltungen wie der Frauenlauf in Bern funktionieren gut. Der Wettkampf-Sport soll trendiger werden und Frauen ebenfalls in den Vordergrund rücken. Die Mode im Laufsport hat sich in den letzten Jahren gut entwickelt, die Wettkampf-Veranstalter haben aber noch Potential. Frauenstarts wären gut, ansonsten gehen Frauen im Feld unter. Zudem sollten Frauen im Wettkampfsport alleine laufen ohne die Unterstützung von männlichen Pacemakern. bei gemischten Starts geht die Frauen-Spitze unter. Das ist schon deprimierend, wenn man ein Rennen gewinnt und vom Publikum im Ziel gar nicht richtig wahrgenommen wird. Wettkämpfe oder separate Starts nur für Frauen sind aber für die breite Masse auch schwierig und tragen nur bedingt zur Popularität bei, obwohl dies für Spitzenläuferinnen fair und spannend wäre.

Meint Rat an Trail-interessierte Frauen? Einfach mal ausprobieren. Man sollte den Trail als eine Herausforderung sehen. Man muss sich mehr zutrauen und Mut haben – einfach einen Schritt nach vorne machen. Nicht nur die Leistung zählt sondern auch das Abenteuer und Erlebnis.

Q: Was ist Deine Lieblingstrainingseinheit?

Jasmin: Ich habe verschiedene Lieblingseinheiten. Eine Art Hass-Liebe verbindet mich mit den schnellen Intervallen wie 10 x 1000m (Anmerkung: 3.30 bis 3.35 min/km), weil diese super hart sind. Zwar sind diese Intervalle unangenehm zu laufen, danach bin ich aber immer sehr zufrieden. Lange Trainings im Gelände sind aber auch super. Zwei bis drei Stunden Traillauf gibt mit sehr viel positive Energie. Einfach dem Gelände folgen, ohne Druck. Mal schneller, mal langsamer. Das ist super.

Vielen Dank, Jasmin, für dieses Interview mit viel Tiefgang und Hintergrund-informationen. Wir wünschen Dir für die kommenden Läufe viel Erfolg und insbesondere am 16. August am EM Marathon gute Beine.

Interview: Alex Brennwald

Links:
Jasmins Facebook Fanpage: http://www.facebook.com/pages/Jasmin-Nunige
Jasmins Blog: http://jasminnunige.blogspot.ch

Bilder: Jasmin Nunige

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