Ein Passwort wird per E-Mail an Sie geschickt

Transvulcania logoDer Transvulcania auf La Palma ist eine fest Grösse im (Ultra) Sky Running Kalender. Nico Schefer hat die 73,3 km Ultra Distanz mit satten 4500hm D+ in technischem Gelände in starken 8h55min gemeistert. Alle Information zum Rennen, zur Insel und zu seiner Erfahrung gibt es hier im Rennbericht.

Bis zu seiner vierten Austragung 2012 war Transvulcania La Palma ein kleines Rennen mit vorwiegend spanischer Beteiligung. Nur wenige hundert Teilnehmer reisten auf die Insel im Atlantischen Ozean, um sich von deren Südspitze auf einem grandiosen Kamm gegen Norden zu kämpfen, den weltweit grössten Senkkrater zu umrunden und sich dann auf einem unerbittlichen Downhill 18 Kilometer lang in die Tiefe zu stürzen.

Transvulcania Ultra Distanz über 73,3 km mit 4500hm D+

Transvulcania Ultra Distanz über 73,3 km mit 4500hm D+

Die 2012 im Rahmen des Rennens von der International Skyrunning Federation (ISF) einberufene Konferenz “Less Cloud, More Sky“ änderte das Profil von Transvulcania grundlegend. Athleten und Journalisten diskutierten eine Woche lang über die Zukunft des Skyrunning und machten so das Rennen in kurzer Zeit bekannt. Dakota Jones und Anna Frost gewannen danach jeweils mit neuen Bestzeiten, die Insel feierte ihre Helden – eine Legende war geboren.

Seither gilt Transvulcania als die inoffizielle Weltmeisterschaft im Ultralauf: So tief und international wie hier ist das Feld nirgends, die Strecke ist schwer und wunderschön zugleich, das Klima verlässlich heiss und trocken. Die Insel lebt für das Rennen, die Tage im Mai sind die umsatzstärksten des ganzen Jahres. Den Läufern tritt ungebremste Sympathie entgegen, es wird geholfen, gelobt und angefeuert wo es nur geht.

Infos über das Rennen:

  • Distanz: 73km, 4500+, 4200m-
  • Terrain: 95% Trail, Sand und Steine. Schwer!
  • Wetter: Am Start oft kühl (~18°C), tagsüber heiss. Bis über 30°C am Nachmittag.
  • Pflichtausrüstung: Stirnlampe, rotes Rücklicht, Handy, Rettunsgdecke, Kapazität für min. 1l Flüssigkeit.

La Palma ist die jüngste der Kanarischen Inseln und wächst 4000 Meter zum Meeresspiegel, um sich nochmals 2400 Meter über das Meer zu erheben. Sie ist eine der steilsten Inseln weltweit, mit schroffen Felswänden und wilden Lavaküsten. Vom Pauschaltourismus weitgehend verschont, bietet sie authentische Städtchen und viel palmerisches Flair. Die Ostküste ist oft von Wolken überhangen und im Norden gibt es einen Regenwald – das zentrale Gebirge, der Süden und Westen sind jedoch sonnig.

Trail StartSonnig – ein gutes Stichwort, doch dieses Jahr kommt noch starker Wind dazu. Dieser empfängt mich mit kühlen Böen, als ich um morgens um vier Uhr dreissig beim Start aus dem Bus steige. Augenblicklich sind die Augen voller Sand, ich halte mir die Arme vors Gesicht. Der Wind peitscht, dürre Gestalten in leichter Funktionswäsche suchen hinter Mauern und Autos Schutz. Zum Glück habe ich meine Windjacke dabei und einen Pulli vom Brockenhaus. Ich verschanze mich hinter einem Lastwagen und versuche so dem Wind etwas zu entkommen – warten ist angezeigt. Ich verharre starr und gebe meine Tasche fürs Ziel im letztmöglichen Moment ab, um mich in Richtung Start zu begeben. Über 2000 Leute stehen schon bereit, die Stimmung ist gespannt. Tausende Stirnlampen leuchten und der Moderator Depa interviewt die Eliteläufer auf einer Bühne.

Noch zehn Minuten bis zum Start. Ich gehe ein letztes Mal aufs Outdoor-Klo und stelle mich etwa in der dritten Reihe ein. Hinter mir ein Meer von Stirnlampen, vor mir die Elite der Welt – Kilian Jornet, Emelie Forsberg, Anna Frost, Sage Canaday, Dakota Jones, Luis Alberto Hernando, Timothy Olson, Tom Owens, Xavier Thevenard, Krissy Moehl und viele mehr.
Die Minuten verfliegen rasant, plötzlich sind es noch 30 Sekunden – jetzt gehts los, denke ich. Auf diesen Moment habe ich lange gewartet, trainiert, den Uetliberg beackert, Schneeregen getrotzt, Krafttraining und Saunagänge mit Kniebeugen absolviert.

Meine Ausrüstung:

  • Salomon S-Lab Sense Ultra Schuhe, Salomon Gaiters
  • Salomon S-Lab Skin 2 Belt
  • 2x 500ml Softflask für Wasser
  • 1x 237ml Softflask mit 200g Honig, 1TL Salz und 2EL Wasser
  • 4x Sponser Liquid Energy Long (Gels à 40g)
  • 8x Succeed S!Caps (Salztabletten)
  • Petzl Zipka Stirnlampe + rotes Rücklich
  • Handy, Rettungsdecke

Das Startband wird in die Höhe gerissen und die Meute stürmt los. Der Weg führt eine Rampe hoch, dann um den Leuchtturm und schnurstracks in einen kaum zwei Meter breiten, sandigen Pfad mit etwa 15% Steigung – keiner will hinten anstehen und während der ersten hundert Meter herrscht grobes Gedränge. Wenige Meter vor mir läuft Emelie Forsberg und stürzt. Sie rappelt sich rasch wieder auf und rennt weiter. Dass sie 90 Minuten später mit einem aufgerissenen Unterarm aus dem Rennen geht, weiss ich da noch nicht.
Ich reihe mich an etwa fünfzigster Position ein, meine Herzfrequenz ist bereits im roten Bereich. Nach 1500 Meter wird der Weg etwas breiter und die Situation entspannt sich. Die Pace ist hoch, aber akzeptabel, etwa alle zehn Meter reiht sich Läufer an Läufer, eine lange Perlenkette, die sich bereits bis weit nach hinten zieht.

Los Canarios

Los Canarios

Nach gut 700 Höhenmeter und 45 Minuten erreiche ich die erste Verpflegungsstation, Los Canarios. Es ist stockdunkel, Samstagmorgen vor sechs, doch das ganze Dorf ist auf den Beinen. Hunderte Leute stehen mehrere Reihen tief, klatschen, schlagen an Töpfe und schreien „Vamos Chico“, „Anima!“. Gänsehautstimmung. Ich fülle meine 500ml Softflask auf, weiter geht es durch die Nacht berghoch.

Start - Sportograf

Nach etwas über einer Stunde setzt die Dämmerung ein. Der Sonnenaufgang färbt die Insel ein, tausend Meter unter mir das Meer, Pinienwald, ein paar Wolken. Die Farben sind intensiv, kräftiges rot und gelb bestrahlt den schwarzen Sand.

Der erste permanente Uphill ist 16km lang, vorwiegend auf Sand und überwindet 1860 Höhenmeter. Oben auf dem Doppelvulkan „Las Deseadas“ angekommen, folgt ein sandig-steiniger Downhill nach El Pilar, mit 26km das Ende das Halbmarathons und die erste Verpflegungsstation mit Esswaren für die Läufer des Ultras. Bei El Pilar warten wieder hunderte Zuschauer und feuern die Läufer an. Ich stopfe mir einen Bananenzipfel und einige Bissen Wassermelone in den Mund und laufe weiter. Kurz hinter mir folgen Robbie Britton von Inov-8 und ein Vibram-Athlet, ich will schnell weiter. Seit dem Start sind noch keine drei Stunden vergangen.

El Pilar

El Pilar

Die nächsten fünf Kilometer sind die einfachsten des Rennens. Es geht einer Forstrasse entlang leicht bergab, es ist neun Uhr und die Hitze der Sonne macht sich langsam bemerkbar. Nach der Forstrase folgt ein erneuter Anstieg auf den Kamm der Caldera. Nun wird es wieder technisch, die Serpentinen sind steil, sandig und mit kniehohen Felsen gespickt. Der Anstieg bis zum höchsten Punkt, dem Roque de los Muchachos auf 2400 Metern über Meer, wird noch drei bis vier Stunden dauern. Ich versuche, meine Kräfte einzuteilen und lasse ein paar Läufer hinter mir ziehen.

Der Anstieg dauert ewig. In der Ferne sind bereits die weissen Kuppeln der Sternwarte zu sehen, hinter jedem kleinen Gipfel geht es wieder bergab. Auf dem Kamm bläst ein starker Wind, ich muss meine Startnummer festhalten, damit sie nicht weggerissen wird. Ich versuche, oft zu trinken, denn der Wind und die Hitze sind tückisch – man merkt nicht, dass man schwitzt, weil augenblicklich alles wieder trocken ist.

Gut zu wissen:

  • Busse zum Start können kostenlos genutzt werden.  Die Busse fahren ab Los Llanos (3am), Los Cancajos (3am) und Hotel Princess (4am).
  • Offizielle Verpflegung: Powerade („Aquarius“), Wasser. Bananen, getrocknete Früchte, Riegel, Sandwiches, Pasta.
    Achtung: Es gibt keine Gels und wenig Salziges. Salztabletten sind zu empfehlen!
  • Anreise: von Zürich mit Air Berlin oder Iberia über Madrid nach Santa Cruz de La Palma (SPC).
  • An der Verpflegungsstelle Roque de los Muchachos (km 50) kann Material (z.B. Stöcke) zurückgelassen werden. Das Material muss beschriftet sein und kann ab 20 Uhr im Zielbereich abgeholt werden.
  • Die Stirnlampe muss immer mitgeführt werden.

Die Sicht an die Steilwände ist atemberaubend, auch die Höhe über Meer macht sich bemerkbar. Die Lunge brennt vom Staub, ich bin erschöpft und konzentriere mich aufs Weiterkommen. Im letzten Anstieg vor dem Roque de los Muchachos sitzen Leute und rufen mir gut zu. Endlich kommt das Verpflegungszelt, eine Art Tunnel. Angeblich soll es dort einen klimatisierten Raum geben, in dem Pasta serviert wird. Aber dazu bleibt für mich keine Zeit.

Ich schütte meine Schuhe aus, trotz Gaiters haben sich Steine und einiges an Sand festgesetzt. Die neuen Socken haben bereits Löcher an den Zehen, doch die Füsse scheinen in Ordnung zu sein. Ich gebe meine Stöcke ab und stürze mich in den Downhill.

Die nächsten 18km sind gnadenlos. Es gilt, 2400 Meter an Höhe zu verlieren und die Strecke macht das den Läufern nicht einfach: Rutschige Sandpassagen, Lavasteine, enge Serpentinen, Piniennadeln auf Steinen. Technisch gute Läufer kommen hier auf ihre Kosten, für viele endet das Rennen in diesem letzten Viertel. Ich komme jedoch gut voran und hole immer wieder Läufer ein.

Technische Trails fordern dem Läufer alles ab

Technische Trails fordern dem Läufer alles ab (c) A.Martin

Nach etwa einer Stunde erreiche ich die einzige Verpflegungsstation auf dem Downhill, El Time. Helfer duschen mich mit Wasser ab, es gibt etwas Melone und was zu trinken. Mit zwei frisch gefüllten Softflasks mache ich mich auf den Weg. Die Hitze wird nun unerträglich, ich merke, wie meine Kerntemperatur steigt. Um Krämpfen vorzubeugen, werfe ich zwei Salztabletten nach und versuche, zu entspannen.

Hitze

Die Hitze ist eine grosse Herausforderung für alle Teilnehmer (c) A.Martin

Nun sind es noch wenige hundert Höhenmeter. Bereits kann ich die Musik und den Sprecher unten in Tazacorte hören. Steinige Serpentinen winden sich eine Felswand hinunter, die man vom Meer aus als unpassierbar einstufen würde.

Bei der letzten Verpflegungsstation laufe ich durch und nehme mir nur eine Flasche Gatorade mit. Nun sind es noch fünf Kilometer zum Ziel. Zuerst führt der Weg durch ein ausgetrocknetes Flussbett, ich versuche, so gut wie möglich zu rennen und überhohle Emma Rocca, die an vierter Position bei den Frauen läuft und mit den hohen Steinen kämpft. Nach gut 1300 Metern ist die Flussbett-Passage zu Ende und ich nehme die letzten 350 Höhenmeter nach Los Llanos in Angriff.

Schwieriger Untergrund gehört beim Transvulcania dazu

Schwieriger Untergrund gehört beim Transvulcania dazu (c) A.Martin

Oben in Los Llanos ist das Ziel dann nicht mehr weit. Auf der einzigen, längeren Asphaltstrecke gilt es, hunderte Hände abzuklatschen, Leute offerieren Wasser und Bier. Beides lehne ich dankend ab und versuche, die relativ flache Passage in einem anständigen Tempo zu rennen. Nach zwei Kilometern Asphalt und einer Rechtskurve kann ich bereits Depa hören, seine markante Stimme füllt den Zielbereich. Der Zieleinlauf ist grandios, eine schmale Gasse, links und rechts hunderte Leute. Ich strecke beide Hände aus und klatsche die Zuschauer ab. Ein geniales Gefühl! Mit einem Sprung rette ich mich ins Ziel und kann es noch gar nicht ganz glauben, dass ich bereits angekommen bin.

Zieleinlauf

Zieleinlauf nach 8h55min auf Platz 44

Im Zielbereich gibt es ein paar Kinderplanschbecken, wo ich mich zum Österreichischen Marathon-Ass Peter Fankhäuser setze, der kurz vor mir im Ziel angekommen ist. Einen Beutel Eis auf die Beine, entspannen, über das Erlebte plaudern. Fazit: Es war hart, ich habe mich verflucht, die Zähne zusammengebissen und im Ziel die Ernte für all die Strapazen eingefahren. Eine Ernte, die viel länger hält als nur 8 Stunden und 55 Minuten.

Ergebnis: 8:55h / 44er MEN Overall. Total über 2000 Starter und 1721 Finisher.

 

Podium 2014:

1. Luis Alberto Hernando 6:55, 2. Kilian Jornet 7:01, 3. Sage Canaday 7:11

1. Anna Frost 8:10, 2. Maite Mayora Elizondo 8:20, 3. Uxue Fraile 8:48

 

Autor: Nico Schefer
Photos: Alexis Martín (written consent), Sportograf und Nico Schefer

Werbung
Follow us on Facebookschliessen
oeffnen