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Es gibt wenig Abkürzungen, die im Ausdauersport ungeliebter sind als DNF: Did-Not-Finish. Man ist zwar ins Rennen gestartet, die Ziellinie aber wurde nie überschritten. Gründe und Erklärungen mag es viele geben, doch die sind der Rangliste egal. Da steht bloss DNF. Ein nüchterner Statusbeschrieb: Versucht und gescheitert.

Man kann sich sicher denken, warum ich diesen Artikel schreibe. Richtig, ich habe meine DNF Freikarte eingezogen. Mist. Und glaubt mir, es gab mir schon ein bisschen zu knabbern (eigentlich wurmt es mich immer noch gewaltig). Aber egal, das soll hier nicht das Thema sein. Wer sich für meinen DNF interessiert, der kann das hier nachlesen. Da ich mich aber zwangsläufig mit dem Thema befassen musste, versuche ich hier meine Gedanken wiederzugeben.

Seb Chaigneau hat es gerade nicht einfach: nach dem DNF beim UTMB hat es in vor kurzem am UTMF wieder erwischt

Seb Chaigneau kann es nicht fassen: nach dem DNF beim UTMB hat es in vor kurzem am Transvulcania und am UTMF wieder erwischt

Das Ziel als Ziel?

Warum laufen wir eigentlich? Und warum laufen wir einen Wettkampf? Leidenschaft, Liebe zur Bewegung, Freude, Freunde, Abenteuerlust und Ehrgeiz mögen Gründe sein warum wir laufen, sicherlich gibt es noch eine Vielzahl mehr. Warum wir uns aber eine Startnummer an die Brust heften hat andere Beweggründe. Der Wettkampf am Tag X spornt viele Läufer zum täglichen Training an, verleiht Motivation weit über den Sport selber hinaus und stärkt das Selbstvertrauen im Erfolgsfall. Gerade im Ultra Trail Running hat der Wettkampf, insbesondere der lange Trail, eine magische Anziehung. Sehr viele Trainings haben wir auf einen ganz spezifischen Tag hin ausgerichtet. Wenn dann der Tag X kommt und wir im Wettkampffieber aufgehen, dann werden Helden gemacht und Geschichte geschrieben – im Grossen wie im Kleinen. Die Strecke, das Wetter, die Euphorie, das Leiden, die Kameradschaft und das Überschreiten der Ziellinie – alles wird zur Erinnerung und zum Gesprächsstoff beim Bier danach. Doch was bedeutet es, wenn man die Ziellinie einmal nicht überschreiten kann? Hätten man sich dann das ganze Training sparen können? Ist das Ziel überhaupt das Ziel?

Anton Krupicka - Trient war 2013 UTMB Endstation

Anton Krupicka – Trient war im 2013 beim UTMB Endstation

Finisher – Jeder ist ein Sieger?!

Es gibt viele Möglichkeiten wie man einen Ultra Trail angehen kann. Vom Ankommen im Ziel bis zum Siegerpodest – die Zielsetzungen in einem Rennen sind denkbar breit gestreut. Persönlich gefallen mir die Motive der Genuss-Läufer mit dem Anspruch die Strecke zu meistern genauso gut wie die der Spitze, die eine schnelle Zeit oder einen guten Rang herauslaufen wollen. Je schneller man läuft und umso mehr man dabei seine eigenen Grenzen sucht, desto grösser ist auch die Möglichkeit, dass man überzockt und den Ultra schlecht oder gar nicht zu Ende bringt. In gewissem Masse steht also ein Zeitziel in einem Gegensatz zum „blossen“ finishen. Adrian Brennwald hat in seiner Vorbereitung zum Tor de Géants gesagt, dass der TdG Sieger ein ganz anderes Rennen laufen muss als der TdG Finisher. Wo der Genussläufer Tempo raus nimmt und sich für Kommendes schont, muss der Spitzenläufer angreifen. Je grösser die Distanzen werden, desto schwieriger sind anspruchsvolle Zeitziele mit dem Finisher Gedanken in Einklang zu bringen. Ein weiteres anschauliches Beispiel hierfür ist der UTMB. Für die Spitze zählt hier nur der Sieg, dementsprechend horrend ist das Tempo. Die Drop-out Quote in der Spitzengruppe ist folglich auch sehr hoch. Die DNFs von Anton Krupicka und Seb Chaigneau sind nur ein paar Anschauungsbeispiele die diese Problematik verdeutlichen.

Abbruch des Nolan 14' FKT im 2013 - Anton Krupicka hat es nicht einfach

Abbruch des Nolan 14′ FKT im 2013 – Anton Krupicka muss das Handtuch werfen

Go Hard or Go Home?!

Es ist nachvollziehbar, dass Läufer nach dem x-ten Ultra nicht mehr nur den Finish suchen, sondern auch ein Zeitziel vor dem inneren Auge sehen. Dementsprechend kann der Wettkampferfolg für viele der Läufer nur noch individuell bestimmt werden. Ist das gut? In gewissem Masse ja: jeder Läufer ist frei sein eigenes Glück zu suchen, sei es das Überschreiten der Ziellinie oder das Erreichen einer bestimmten Rangierung. Auf der anderen Seite gibt es die Binsenwahrheit, dass das beste Rennen immer das nächste sein wird. Ein kompetitiver Läufer wird selten zufrieden sein – ein Ziel wird meist nämlich nicht mit Freude erreicht sondern bloss abgehakt und als Basis für neue höhere Ziele genommen. Diese Einstellung ist oft zu erkennen – schade. Natürlich bin selber davor auch nicht gefeit. Aber man muss sich immer wieder vor Augen führen warum man läuft. Und mit etwas Abstand betrachtet ist es sehr wahrscheinlich nicht wegen einer Rangierung, einer Zeit oder einem Wettkampf-Finish. Sondern weil man den Laufsport liebt. Ob Sieger, Finisher oder Did-Not-Finisher – die Leidenschaft soll im Vordergrund stehen. Und zwar nicht die Leidenschaft und Freude an einem einzigen Tag, sondern im ganzen Läuferleben. Dieses ist nämlich auch ein Ultra. Und eins habe ich beim Ultralauf gelernt: egal ob ich mich bei Kilometer 70 auf einem 100 Meilen Wettkamp gut oder schlecht fühle, es wird sich bis zum Ziel noch viele Male ändern. In dem Sinne: get out and run and enjoy what you love!

Autor: Alex Brennwald
Bilder: Seb Chaigneau und Anton Krupicka

 

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