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Der Ultra Trail Serra de Tramuntana UMSDT zieht jedes Jahr im Frühling eine Vielzahl von Läufern nach Mallorca um wahlweise 107km von Andratx nach Pollença (4200hm D+) oder die kürzere Strecke von 64km mit 2400hm D+ unter die Füsse zu nehmen. Wenn es zuhause noch regnet, wird auf den Schotterpfaden des Tramuntana Gebirges schon ordentlich geschwitzt. Hier der Rennbericht:

Höhenprofil

Höhenprofil

Strecke, Material und das Drum-Herum

Dieses Jahr bin ich Wiederholungstäter. Schon im 2013 habe ich die Chance genutzt den ersten langen Trail der Saison bereits im April anzupacken. Die Anreise und Unterkunft ist dementsprechend schnell und einfach organisiert – Flug von Zürich nach Palma, dann mit dem Bus ins offizielle Hotel in Alcudia (Hotel Viva Tropic, ein nettes **** Sporthotel). Ich bin am Donnerstagabend angereist und nutze den Freitag zur Erholung und mache mich auf 21 Uhr ready, wo uns auch pünktlich der Bus zur Fahrt ins Startgelände abholt. Nach einer Stunde Landstrassen-gegondel erreichen wir Andratx, wo in einer grossen Turnhalle die letzten Anmeldemodalitäten vollzogen werden. Die Startnummer hatte ich bereits im Hotel bezogen und musste lediglich zum Pflichtmaterialcheck und zum Log-in. Das ist schnell gemacht und ich nutze die verbleibende Zeit um mich auf das Rennen einzustimmen.

Material für die 109km Strecke

Material für die 107km Strecke

Dieses Jahr habe ich neues Material getestet: Ich laufe nun mit dem neuen Salomon S-LAB Advanced Hydro 12L Rucksack mit zwei 500ml Softflasks für die Flüssigkeit. An den Füssen trage ich Salomon SLAB XT 6 Schuhe mit Gaiters. Das hat sich bewährt. Stöcke lasse ich dieses Jahr zuhause. Neben Kompressionstrümpfen von Compresssport verzichte ich auf eine lange Schicht – sollte mit 14°Grad in der Nacht kein Problem sein. Am Tag wird es sowieso heiss. Ich laufe mit einer Petzl Nao Stirnlampe. Ernährungstechnisch will ich erneut auf die Kombination von Sponser Longenergy Pulver (total 480g) und Longenergy Gel (8x 78g) setzten (ergibt total etwa 220kcal pro Stunde). Da die Softflasks unterwegs schlecht zu befüllen sind, habe ich ingesamt 4 Softflask mit Pulver (120g pro Flasche) und eine Flasche mit Wasser dabei. Mehr dazu später.

Andratx – Estellencs – Port des Canonge

Um Schlag 12 Uhr Mitternacht geht es im Hof der Burg in Andratx los. Die ersten Kilometer schlängeln sich sachte auf einem teils unbefestigten Strässchen die Hügel hoch. Das Tempo ist relativ hoch und ich lasse mich bewusst nicht mitziehen. Nach etwa 5km geht es auf einem Singletrail dann deutlich steiler nach oben und die Einreihüberholmanöver nehmen ab. Ich laufe in Sichtweite der ersten Frau. Zahlreiche verbrannte Bäume zeugen vom verheerenden Waldbrand, den Andratx im letzten Sommer heimgesucht hat. Nach einem kurzen Downhill geht es entlang einer Strasse in den zweiten Teil des ersten Aufstiegs von insgesamt 1000 Höhenmetern. Die letzten 200 Höhnmeter sind ziemlich technisch und erinnern mehr an Klippenkletterei als an Traillauf. Der Wind geht da auch ganz ordentlich und es im T-Shirt relativ kalt. Vom letzten Jahr weiss ich aber, dass es nur etwa 15 Minuten Windexponiert ist und dass es danach geschützt wieder runter geht. Der Downhill ist geschmeidig und lädt zum überzocken ein. Wieder nehme ich mich zurück und lasse andere Läufer ziehen. Bei einem Ausrutscher lasse ich es mir nicht nehmen mich mit meiner Hand in einem Kaktus abzustützen – Aua. Ich muss stehen bleiben und unter dem Licht der Lampe erst einmal die abgebrochenen Stacheln aus meiner Hand puhlen bevor ich weiter kann… Nach etwa 600hm Downhill, der hälftig auf Singletrail und auf Forststrasse gelaufen wird, erreiche ich Estellencs (20km) und verpflege mich kurz.

Estellences - Nächtliches Kilometer sammeln

Estellences – Nächtliches Kilometer sammeln

Die nächsten 16km bis Port des Canonge sind relativ einfach zu laufen. Neben längeren Strassenpassagen gibt es immer wieder schönen Sektionen mit knackigem Singletrail. Kurz vor dem Verpflegungsposten schlängelt sich der Trail abenteuerlich den Klippen entlang bis an den Strand hinunter. Von da sind es nur noch ein paar Minuten bis zum Verpflegungsposten bei Kilometer 36. Ich bin auf die Minute gleich schnell wie das Jahr zuvor, aber ich bin deutlich entspannter unterwegs als noch im Vorjahr. Das Training scheint sich zu lohnen. Von Rang 120 habe ich mich in dem Abschnitt langsam auf Platz 50 vorgearbeitet. Alles läuft gut, nur mein Cola-farbener Urin macht mir sorgen. Da ich mich aber gut fühle, mache ich ernährungstechnisch weiter wie gehabt.

Valdemossa – Deià – Sóller

Nach dem Verpflegungsposten geht es steil die erste Rampe hoch nach Valdemossa, wo am Morgen der kürzere Trail über 64km und 2400hm D+ starten wird. Ich nehme es locker und laufe mit Toni, einem Mallorquini der den Trail gut kennt. Nach knapp 500hm erreichen wir erneut eine Strasse auf der wir flache 5km bis zum Verpflegungsposten Valdemossa abspulen. Ich muss das erste Mal ein bisschen beissen, da das Tempo geradeaus auf der Strasse jetzt deutlich höher ist. In Valdemossa füllen wir unsere Speicher und machen uns für den nächsten 500hm Anstieg bereit. Die Durchgangszeit ist wieder etwa auf die Minute gleich wie im Vorjahr. Gut. Nach dem Verpflegungsposten geht es auf der Strasse weiter. Diese wird im steiler und an laufen ist bei diesem Gradient schon lange nicht mehr zu denken (ich habe noch nirgends sonst eine solch steile Strasse gesehen).

Steil nach oben (Bild vom letzten Jahr)

Steil nach oben (Bild vom letzten Jahr)

Gehen ist mir recht, denn ich will so fit wie möglich in den bevorstehenden Downhill steigen. Bevor es soweit ist, müssen wir aber noch ganz nach oben. Auf den letzten Höhenmetern endet die Strasse und der Singletrail wird entlang verschiedener Hügelkuppeln in der Morgendämmerung erkennbar. Kurz vor dem höchsten Punkt ist es hell genug und ich verstaue meine Lampe im Rucksack. Jetzt geht es knackige 1000 Höhenmeter nach unten. Es gilt die Kräfte zu schonen. Ich muss ein paar Läufer an mir vorbeiziehen lassen. Der Abstieg ist nicht ganz einfach – steil und mit viel losen Kies und Sand versehen. Ich komme gut voran und baue fleissig Höhenmeter ab. Auf den letzten 200 Höhenmeter ist der Trail stark mit Schilf und hohen Gräsern überwachsen. Eigentlich cool zu laufen, aber ich kämpfe. Beim Verpflegungsposten Deià angekommen sind 52km durch und dementsprechend fühlen sich meine Beine auch nicht mehr ganz frisch an. Ich setze mich kurz hin und trinke einen Becher Iso. Ich will schnell weiter, da 10km weiter in Sóller ein grosser Posten wartet. Bis dahin sind es noch einmal 250 Höhenmeter über Trail der Küste entlang. Hier geht es auch durch die erste Naturpflastersteinsektion, welche wir in der zweiten Rennhälfte noch sehr oft sehen werden. Nach einem Orientierungslauf durch das Städtchen Sóller finde ich den Verpflegungsposten und muss mich hinsetzten und richtig essen. 63.5km sind durch.

Cúber – Lluc

Nach Sóller geht es durch die Terrassenlandschaft, die als Weltkulturerbe geschützt wird, steil auf Naturpflastersteinen nach oben. 800 Höhenmeter stehen auf diesem Abschnitt im Roadbook.

Toni und ich kurz nach dem Pflichtmaterial Check

Toni und ich kurz nach dem Pflichtmaterial Check

Letztes Jahr hat es mich hier vollständig aus den Socken gehauen. Umso mehr freue ich mich, dass ich heute stetig und gut steige. Mein Magen ist ruhig und ich fühle mich in der Kraft. So soll‘s sein. Ich laufe immer noch zusammen mit Toni. Meine Strategie ist es, hier noch einmal konservativ zu bleiben und dann oben am Stausee Cúber etwas aufzudrehen. Der Anstieg dauert relativ lange und geht zum Schluss doch ein bisschen an die Substanz. Ich bin froh, als sich der Passübergang das erste Mal abzeichnet. Nach einem kurzen Downhill runter zum Stausee geht es diesem entlang zum Verpflegungsposten Cúber. Diese 5km geradeaus sind gut zu laufen.

Einsamer Lauf nach Cuber

Einsamer Lauf nach Cúber

Obwohl ich gut Tempo machen kann, muss ich auf den letzten Metern bis zum Posten die Zähne zusammenbeissen. Mitten im Tief erreiche ich den Posten. Ich versuche Reis zu essen, was aber nicht wirklich klappt. Cola und Orangen gehen besser. Ich sitze kurz und mach mich dann auf die Socken. Ich will keine Zeit auf meine Vordermänner verlieren. Es geht weiter dem Aquadukt entlang etwa 5km geradeaus. Laufen ist angesagt. Ich laufe auch, aber es ist hart. Das Tief hat sich noch nicht verzogen und ich halte den Laufschritt auf die Zähne beissend weiter, im Wissen dass bald wieder eine Aufstieg kommt auf welchem ich gehen und erholen kann. Ich bin froh, als der Trail dann den Aquadukt verlässt und es im Wald wieder hoch geht. Die letzten 500hm des UMSDT stehen an. Ich esse eine mitgenommene Kartoffel und versuche mich im letzten Anstieg noch einmal im Gehen zu verpflegen. Ich komme nur noch harzig voran und steige langsam. Das Tief wird nicht besser sondern immer schlimmer. Der Schlussanstieg gelingt und gibt nach den technisch schwierigen Abschnitten den Blick auf die Doppelgipfel frei. Ab jetzt geht es nur noch nach unten. Mit Schrecken stelle ich fest, dass ich mein Wasservorrat fast leer ist und der Verpflegungsposten Lluc ist 700 Höhenmeter unter mir im Tal zu sehen. Ein Schluck verbleibt. Mist. Der Downhill will auch nicht gelingen. Ich fühle mich schlecht und der Trail ist für meine momentane Verfassung zu schwierig. Ich verliere nur langsam an Höhe. Mittlerweilen ziehen viele Läufer von der kurzen Distanz an mir vorbei. Jedes Mal Platz zu machen demoralisiert. Egal, weiter. Ich trinke den letzten Schluck und hoffe, dass Lluc schnell kommt. Leider ist dem nicht so. Ich kann zwar wieder laufen, aber ich muss immer wieder Gehpausen machen, weil es mir schlecht wird und weil ich den Effekt der Dehydration merke. Es zieht sich. Und ich fühle mich körperlich immer schlechter und es wird klar, dass ich in Lluc aufhören muss. Schleppend bewege ich mich die Schotterpisten Richtung Verpflegungsposten. Ich bin total am Ende, wütend und enttäuscht. Ich merke aber auch deutlich, dass Labung am Verpflegungsposten keine schnelle Linderung bringen wird. Auch entnehme ich den Reaktionen und Äusserungen der Zuschauer, dass ich etwa so schei**e ausschaue, wie ich mich fühle. Endlich erreiche ich das Kloster Lluc und versuche Cola zu trinken. Brechreiz, Schüttelfrost und Krämpfe machen klar, dass ich nach 90km und knapp 14 Stunden Laufzeit das Handtuch werfen muss. DNF.

Schlussetappe nach Pollença

Leider war mir der Schluss dieses Jahr nicht vergönnt, aber da ich diesen Teil im 2013 gelaufen bin, möchte ich der Vollständigkeit halber hier diesen Abschnitt auch beschreiben. Nach dem Kloster Lluc geht es einen Gegenanstieg von etwa 200 Höhenmetern hoch und dann langsam Richtung Pollença talwärts. Gelaufen wird auf der Strasse und Kieswegen. Dieser letzte Abschnitt zieht sich noch etwas und ist sicher einer der Schwachpunkte der Strecke. Da es auf dem Schlussabschnitt fast nur noch Strasse gibt, durchqueren die Läufer ein paar Mal ein Flussbett, was eher etwas gesucht erscheint. Der Zieleinlauf in Pollença ist hingegen sehr schön gemacht und jeder Finisher wird gebühren gefeiert.

Was ist passiert?

Nach über 70 erfolgreichen Rennen ist das nun mein zweiter DNF (did-not-finish). Warum das passiert ist, kann ich nur schwer sagen. Ich glaube, dass ich auf der Strecke zwischen Cúber und Lluc zu wenig getrunken habe, respektive da hat sich das Problem von zu wenig Flüssigkeit vollends bemerkbar gemacht. Wie schon beschrieben, bin ich mit 500ml Softflasks gelaufen. Eine Flasche hatte ich jeweils mit 120g/500ml Sponser Longenergy angemischt. Das ist ziemlich genau das Doppelte der maximalen Verzehrempfehlung. Ich habe dann jeweils einen Schluck Konzentrats und dann einen Schluck Wasser aus der anderen zweiten Flasche genommen, um das Ganze im Magen zu verdünnen. Ob das so geklappt hat wie ich wollte, ist fraglich. Auf dem letzten Abschnitt waren 500ml Wasser dann auf jeden Fall zu wenig und das Konzentrat konnte ich alleine ohne Wasser nicht trinken.

Warum habe ich das Konzentrat so stark angemischt? Die Grund ist einfach: ich musste irgendwie das Pulver in 4 Flaschen unterbringen. Nachfüllen klappt bei den kleinen Öffnungen der Salomon Softflask nicht (oder ich weiss nicht wie) und mehr als 4 Flaschen wollte ich nicht mitführen. Da es keinen Dropbag in der Rennmitte gab, musste ich alles vom Start weg mitnehmen. Bis anhin war ich mit dem halb so konzentrierten Mischverhältnis 120g/1000ml gut gefahren und werde das Longenergy in Zukunft wieder so anmischen.

Sponser Longenergy Pulver Panscherei

Sponser Longenergy Pulver Panscherei

Ein weiterer Punkt ist wahrscheinlich, dass ich das erste Mal etwas aggressiver auf Zeit gelaufen bin. Ich fühlte mich bis Cúber gut und wollte angreifen. Ich wollte irgendwie nicht glauben, dass dann nach dem Posten Cúber so ein Tief kam und habe ein bisschen gehadert anstatt einfach wie gewohnt weiter zu machen. Schade. Das ist sicher nicht der Hauptpunkt, aber hat bestimmt mit dem Wassermangel zum Grounding beigetragen. Es ist kein gutes Gefühl, wenn man auf der Strecke seine Startnummer abgeben muss/will. Aber es ging diesmal nicht anders. Ich werde daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Betreffend Ernährung und Renntaktik gibt es also noch Optimierungspotential.

Autor: Alex Brennwald
Bilder: Ultra Trail Serra de Tramuntana,

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