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Der Grand Raid Réunion, auch „La Diagonale des Fous“ genannt, ist eines der Prestige-trächtigsten Rennen überhaupt. Über 100 Meilen lang mit 10’000Hm D+ über anspruchsvollstest Gelände, 3 Klimazonen inklusive. Patrik Zeder ist 2013 mitgelaufen und hat das Biest nach über 45 Stunden bezwungen. Hier sein Bericht.

Wie verrückt ist die „Diagonale des fous“ wirklich?

Anfangs 2013, als ich mit meiner Anmeldung beim UTMB (Ultra Trail Mont Blanc) leider kein Losglück hatte, erinnerte ich mich wieder an diesen verrückten Lauf irgendwo im Indischen Ozean. Im Zeitalter von Internet hat man solche Läufe schnell ausfindig gemacht und noch schneller ist man angemeldet. 150€ Startgeld sind ja auch ganz ok. Die Strecke war anfangs Jahres zwar noch nicht genau definiert aber so schlimm kann’s ja nicht sein.

IMG_0172Die Tage zogen ins Land, mein Training richtete sich nun mehrheitlich aufs Abwärtslaufen aus, da hier meine grösste Schwäche liegt. Nach und nach klärten sich auch die einzelnen Streckenabschnitte (Der Startort wurde aus politischen Gründen verlegt). Und siehe da, 165km und knapp 10‘000hm sollen es werden. Okay…

Eine Woche vor dem Rennen, als ich den Flieger in Richtung La Reunion bestieg, wusste ich bereits einiges mehr über diese Insel. Und die Erwartungen waren hoch, sehr hoch sogar. Angekommen in St. Denis entdeckte ich als erstes das lokale Oktoberfest. Na dann Prost. Die erste Woche benutzte ich für Akklimatisierung (Tagestemp. 30°) und Erkundung der Bergwelt. Wow, die Wege hier haben es in sich. Technisch anspruchsvoll, feucht vom Tau und steil, super steil.

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Donnerstag 17.10 23:00 endlich fiel der Startschuss. Endlich, weil die Tage vor dem Lauf die Nervosität doch ziemlich anstieg und auch ein paar Zweifel diesem Vorhaben gegenüber aufkamen. Mit dem Startschuss fällt aber sämtlicher Vorwettkampfstress ab, denn nun gibt es nur eine Richtung und die heisst St. Denis. Umgeben von tausenden von Zuschauern schwebt man die ersten paar Kilometer nur so dahin. Der Gänsehaut-Faktor ist perfekt als bei der ersten Steigung die Leute am Strassenrand eine enge Gasse à la Tour de France bilden und die einzelnen Läufer abklatschen.

Nach 6km werden wir entlassen aus der Menge, entlassen in die Wildnis der Tropenwälder. Und prompt bilden sich vor den ersten Rutschpassagen Staus als ob es etwas zu gewinnen gäbe. Mit dem ersten Tageslicht erreiche ich den ersten Berg und werde überwältigt von der Aussicht und der Stimmung. Solche Momente sind es, die mich in die Berge zurückkehren lassen und die Strapazen langer Läufe vergessen machen.

Wetter und Klima: Die klimatischen Bedingungen waren dieses Jahr optimal. Der leichte Nieselregen am Start lies die überhitzten Gemüter etwas abkühlen. Und das war auch gleich alles Nass was von Oben kam. Die restlichen Tropfen waren der eigene Schweiss der auf den Boden fiel. Die enorme Trockenheit missfiel den einheimischen Bauern, wir Läufer aber profitierten von einem fast schlammfreien Trail. So konnten dieses Jahr alle Teilnehmer selbst das Mare à Boue (Schlamm-Meer) durchqueren ohne einen Schuh zu verlieren. War es am Meer noch gute 30° (in der Sonne gefühlte 100°) kühlen die Nächte auf der Insel doch merklich ab. Bodenfrost zu frühen Morgenstunden war keine Seltenheit und die vorgeschriebene Jacke schützt nicht nur vor allfälligem Regen sondern ist auch ein willkommener Kälteschutz (gute Atmungsaktivität von Vorteil).

Die Landschaft ähnelt nun eher dem Jura als einer tropischen Insel. Saftige Weisen und grasende Kühe machen das Bild perfekt. Der erste Marathon ist in den Knochen. Noch läuft es sich aber locker und gelassen. Die Stimmung im Umfeld ist fröhlich, nehme ich jedenfalls an, denn die lokale Sprache – Kreolisch ist für mich unentzifferbar. Gegen 08:00 erreiche ich den ersten grösseren Verpflegungsposten. Da bis anhin nur Brot, Käse und Schokolade angeboten wurde, freue ich mich nun auf etwas Nahrhafteres. Und tatsächlich, stehen da doch zwei Frauen am Grillen und braten Hähnchen. Nicht etwa für die Zuschauer (die wollen um diese Uhrzeit eher Kaffee und Gipfeli) nein, es sind die Läufer die herzhaft zugreifen. Für mich doch ein etwas zu gewagtes Experiment (lernt man doch jedem Neuling nichts Neues im Wettkampf auszutesten).

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Mit der Mittagszeit kommt die Hitze. Habe ich bei der Startnummerausgabe die abgegebene Mütze mit Nackenschutz noch belächelt, bin ich nun froh um den Sonnenschutz. 12:30 erreiche ich das Stadion von Cilaos und habe somit 1/3 der Strecke bewältigt. Nicht ganz so schnell wie geplant, aber doch froh hier zu sein. Organisiert vom Veranstalter habe ich mir ein Sack mit Verpflegung, frischer Kleider und einem Paar Schuhe zum Wechseln hier deponieren lassen. Die Frage ob Schuhe tauschen oder doch nicht hat mich die letzten 10km begleite. Eigentlich fühle ich mich wohl doch wie sieht es nach über 100km in den gleichen Laufschuhen aus? Zudem hatte ich ein leichtes Brennen an der Fusssohle gleich nach dem Start. Ich entscheide die Schuhe zu tauschen.

Den ersten Teil der Strecke kannte ich teils von meiner Erkundungstour, teils vom Studieren der Strecke. Von dem nun folgenden Abschnitt wusste ich aber so gut wie nichts. Dass es ein Fehler ist die Strecke und vor allem das Höhenprofil nicht besser zu kennen wurde mir beim Anstieg in den nächsten Pass so richtig bewusst als dieser nicht enden wollte. Die Landschaft nun in Nebel gehüllt glaubte man dem Himmel entgegen zu laufen.

Ausrüstung: Gelaufen bin ich den ersten Teil des Trails im Ultra Raptor von La Sportiva. Ein Schuh mit sattem Sitz, griffiger Sohle und moderatem Gewicht. Es ist der erste Teil des Rennens, welcher mit Schlammpassagen und rutschigen Abhängen aufwartet. Ab Cilaos kann man eine etwas moderate Sohle wählen. Ich wechselte hier auf den Fuji Sensor 2 von Asics. Auch dies eine passende Waffe für ultralange Strecken. Der Sohlenaufbau ist weniger aggressiv als beim La Sportiva was im flacheren Gelände ab dem  Piton Maïdo angenehmer zu laufen war.

 Shorts und Shirt stammen aus der laufenden Trailkollektion von Compressport. Die Tights sind sehr durchdacht und warten mit angenehmen Features auf. Solche sind die griffige Oberfläche auf den Schenkeln zum Abstützen im steilen Aufstieg und der hochgezogene Bund welcher die Lenden vorm Auskühlen schützt.

Als Rucksack wählte ich den Advanced Skin von Salomon. Regenjacke begleitete mich meine Bitihorn dri1 von Norrona. Warme Nächte und trockene Tage sind zu haben für ein Minimum an Gewicht und Platz. Die Ausleuchtung der Trails besorgte meine Solite von Light & Motion. Der Akku liegt etwas schwer am Hinterkopf, jedoch ist das Gewicht gut ausbalanciert so dass die Stirnlampe nicht verrutscht (hier hilft auch das breite Stirnband). Helligkeit und Betriebsdauer sind mehr als ausreichend auch für 3 Nächte.

Vom himmlischen Gefühl verlassen plagten mich im darauffolgenden Abstieg auftretende Knieschmerzen. Gerade mal Halbzeit, na bravo. Aber die vielen Stufen im Auf- sowie Abstieg haben Spuren hinterlassen. Nicht gerade das Terrain welches wir in den Alpen kennen. Auf den folgenden flacheren Passagen versuchte ich meinen Laufstiel so schonend wie nur möglich zu halten.

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Mit der Dunkelheit wurde das Gelände wieder zunehmend schwieriger. An manchen Stellen sah man im Kegel der Stirnlampe gerade noch den Weg und zu jeder Seite klaffend, schwarze Abgründe. Nicht auszumahlen wenn man hier von der Strecke abkommt. Und schon wieder sollte sich meine Unkenntnis der Strecke bezahlt machen. So glaubte ich mich bereits in Reichweite des zweiten Materialdepots (Halte-La, 120km) musste mir aber vom Streckenposten sagen lassen, dass dieses noch gut 40km entfernt ist.

Am nächsten Verpflegungsposten lasse ich mein Knie von einem Kinesiologen tapen. Irgendwie habe ich die Relationen für die Zeit verloren. Wie weit geht es noch? Wie viele Höhenmeter liegen schon hinter mir? Ich weiss es nicht, interessiert mich aber auch nicht. Ankommen oder besser Überleben ist alles was zählt. In diesen Momenten ist eine einfache Unterhalten, ein Schulterklopfen oder ein Lachen am Verpflegungsposten mehr wert als alles Geld auf Erden.

Ernährung: Ein Grundstock an Riegel und Gels wird vom Veranstalter zur Bedingung gestellt. Unterwegs gibt es sehr wenig synthetischer Powerfood. Wer auf solchen angewiesen ist, tut gut daran sich selbst zu organisieren. Ansonsten gibt’s viel Käse, Brot, Schoggi, Bouillon mit Nudeln, Pasta, Reis, Linsen oder gar gerilltes Hähnchen. Mein Magen hat sich zum Glück bereits an die Belastung gewöhnt und so blieb ich von ernährungstechnischen Problemen verschont. 

IMG_0223Die Nacht zehrt nun an der Psyche. Zudem habe ich mühe mich auf den Weg zu konzentrieren und torkle wie ein Betrunkener über das unwegsame Gelände. Schnell wird mir bewusst, dass ich in diesem Zustand zu viel Energie verpuffe welche nicht dem Vortrieb dient. Viele Mitläufer schlafen eingehüllt in die Notfalldecke am Wegrand. Aber die Kälte der Nacht treibt mich weiter. Weiter hinauf zum Maïdo dem längsten Anstieg des Rennens (was ich auch erst oben erfahren sollte). Einmal auf dem Gipfel ist für mich der Moment gekommen meine Augen für 1h zu schliessen. Nicht die physische Müdigkeit bewegt mich dazu, hierfür ist die Zeit zu kurz. Einfach mal die Augen schliessen und dem Gehirn eine Pause gönnen. Mit der gewonnenen Erfahrung würde ich jedem raten, rechtzeitig eine kurze Auszeit zu nehmen (20‘) um die Gefahr der geistigen Müdigkeit und Konzentrationsschwäche zu umgehen.

Vom Gipfel des Maïdo geht es hinunter bis ans Meer. Die nun wieder auftretenden Knieschmerzen werden durch die Herrlichkeit der Landschaft und des erwachenden Tages merklich gelindert. Mit abnehmenden Höhenmetern steigt jedoch die Temperatur wieder. Hatten wir oben am Gipfel noch Morgenfrost, glüht die Sonne 3h später schon fast wieder 30°. Auch das eine zusätzliche Belastung für den Körper. Endlich erreiche ich den Posten Halte-La, wo wieder ein Materialsack bereitliegt. Diesmal wechsle ich jedoch nur die Socken und nehme die Energieriegel mit.

Noch ein Marathon mit ca. 2000hm, das sollte machbar sein. Aber auf La Reunion muss man mit allem rechnen. So wurden wir auf eine alte Pflastersteinstrasse geschickt, wo die grösste Herausforderung bestand sich den Fuss nicht zu verdrehen. An einen angenehmen Laufrythmus war also wieder nicht zu denken. Obschon wir die Vulkane verlassen haben, wurde das Terrain nicht einfacher. Ruppige, kurze Aufstiege und Abfahrten stahlen einem die Zeit.

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Um jeden Preis wollte ich eine dritte Nacht vermeiden. Weder geistig noch körperlich wäre ich in der Lage noch eine Nacht durchzulaufen. Und doch, das Gelände ist sehr unberechenbar und meine Unkenntnis zur Strecke helfen auch nicht gerade irgendwelche Annahmen zu treffen. Aber der Gedanke die Stirnlampe nochmals zu setzen verlieh meinen Beinen nochmals extra Energie.

Die Nacht fiel trotzdem. Auf der Insel wird es um 19:00 dunkel. Zu diesem Zeitpunkt stand ich jedoch bereits auf dem letzten Hügel und blickte hoffnungsvoll auf das beleuchtet Stadium von St. Denis weiter unten. Die letzten 4km geben aber nochmals alles was dieses Rennen verspricht. Das verblockte Gelände, die Müdigkeit und das schmerzende Knie lassen nochmals am Gelingen zweifeln, obschon man das Ziel bereits vor Augen hat. So nah liegen Erfolg und Misserfolg manchmal beisammen.

Zieleinlauf! Nach über 45h endlich nicht mehr weiter müssen. Es war der Gedanke an diesen Moment welcher mich die ganze Zeit antrieb. Nun bin ich aber emotionslos, leer, nur gesteuert von den Grundbedürfnissen, warm anziehen, essen, duschen, schlafen. Die Leute im Zielgelände jubelten einem zu, gratulierten, doch die meisten sahen die Anteilnahmslosigkeit in meinen Augen. Es bedurfte einer warmen Dusche, etwas zwischen die Zähne und einem weichen Bett bevor ich mich ob meiner Leistung bewusst wurde und mich darüber freuen konnte bei all den mentalen Hochs und Tiefs nicht aufgegeben zu haben.

Gleich nach dem Zieleinlauf fragte mich der Moderator, ob ich 2014 wieder am Start stehen würde. Noch zu gross waren die Schmerzen damals um eine positive Antwort zu geben. Doch auch nach 3 Wochen würde ich so eine Frage verneinen. Zu anspruchsvoll und ruppig ist das Gelände für mich. Lieber laufe ich in den Alpen, dem mir bekannten Terrain wo ich einen meinem Laufstil angepassten Rhythmus laufen kann.

Autor & Bilder: Patrik Zeder

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