Menschen haben Träume, Ängste und Wünsche. Und das sind auch die Ingredienzien für ein Abenteuer. Ein Wagnis, wo man noch nicht genau weiss, wie es herauskommt. Denis Wischniewski hat seinen „Lebenslauf“ angepackt: von München nach Istanbul – jeden Tag 50 Kilometer –  50 Tage lang  – laufenderweise. Es ging dabei nicht um Rekorde und Zeiten sondern um das pure Abenteuer – das Zusammenspiel von genau diesen Träumen, Ängesten und Wünschen.

Denis Wischniewski läuft in 50 Tage nach Istanbul

Q: Ganz kurz gesagt bist Du München nach Istanbul gelaufen – so zumindest der Plan. Was hast Du genau in den letzten zwei Monaten gemacht?

Denis: Das frag ich mich heute auch – was hab eigentlich fast 7 Wochen lang gemacht? Ich bin in München losgelaufen und war letztlich nach 41 Etappen an der Türkischen Grenze. Dort habe ich aufrgrund der Situation meinen Lauf beendet und bin nicht bis Istanbul gelaufen. Ich habe also auf die letzten 4 Etappen verzichtet. Ich bin heute zufrieden so entschieden zu haben.

Denis Wischniewski

Ein toller Sommer für ein grosses Abenteuer (Bild: Denis Wischniewski)

Q: Dir ging es weder um einen Rekord noch um eine menschliche Maximalleistung – Du bist für Dich gelaufen. Hat das geklappt? Was hat sich während und nach dem Lauf verändert?

Denis: Klar, das hat geklappt. Ich habe für mich persönlich mehrere Dinge erreicht. Sportlich habe ich mir bewiesen, dass ich läuferisch durchaus Dinge leisten kann, die ich bislang nur aus amerikanischen Magazinen kannte. Irgendwie glaube ich auch, dass ich mit diesem langen Lauf auch verstanden habe was „Laufen“ wirklich bedeutet. Also, für mich bedeutet. Es ist etwas wirklich Grosses in meinem Leben. Es ist jetzt eben viel mehr als Sport und Wettkampf, mehr als Fitnessprogramm oder Workout.

Ich glaube auch, dass ich mit diesem langen Lauf verstanden habe was „Laufen“ wirklich bedeutet – es ist etwas wirklich Grosses in meinem Leben.

„Laufen“, in dieser Form, ermöglicht mir komplette Länder zu durchlaufen, Menschen und Kulturen intensiv kennenzulernen und ist eine Plattform für viele Erlebnisse. Es ist faszinierend, wenn Alltag und Leben über so einen langen Zeitraum mit dem Laufen verschmelzen. Alles drehte sich in dieser Zeit rein um dieses Vorankommen. Im Rückblick total spannend.

Denis Wischniewski

So vielseitig wie die Kulturen auf dem Weg ist auch der Trail selber (Bild: Denis Wischniewski)

Q: Was waren die Höhe- und Tiefpunkte?

Denis: Ich habe es geschafft Tiefpunkte einfach „wegzuignorieren“. Ich wollte alles Komplizierte nicht an mich heranlassen. Trotzdem: ich habe mich ein paarmal verlaufen. Einmal am Mittagskogel sogar um satte 3 Stunden. Vor Wut zerschlug ich meinen Stöcke am Baum. Die waren dann hin und ich hätte sie noch gut gebrauchen können. Andere Tiefpunkte kamen dann mit der Länge des Abenteuers. Die Hitze im Balkan, im Juli, war enorm. Das macht den Kopf mürbe. Es war schwer zu begreifen, dass in einem EU-Land wie Bulgarien solche Armut herrscht. Ich bin durch echte Slums gelaufen und hatte geglaubt, dass es so etwas in dieser Form nur in Indien oder Afrika geben kann. Ich bin mir heute mehr als zuvor sicher, dass wir als Weltgemeinschaft einfach sehr versagen.

Denis Wischniewski

Ein Lauf der Gegensätze – Stillstand und Fortschritt (Bild: Denis Wischniewski)

Die Höhepunkte waren jeden Tag das Etappenziel zu erreichen. Jeden Abend unter der Dusche zu stehen. Ich habe mir ständig Zwischenziele gesteckt, denn nur so hat mein Kopf geglaubt, dass ich es schaffen kann.

Landschaftlich war die Überquerung des Balkangebirges sehr toll und auch die Begleitung eines Bulgarischen Läufers über 6 Etappen war klasse.

Q: Dein Vater hat Dich als Supporter begleitet – wie war das?

Denis: Das war gut und wichtig. Bei der Hitze konnte er mich mit Getränken versorgen. Aber es war auch spannend und unter Spannung. Ich bin 43. Mein Vater 67. Wir hatten seit mehr als 25 Jahren nicht wirklich so einen intensiven Kontakt. Plötzlich dann wieder diese klassische Vater-Sohn-Beziehung und dann noch in so einer extremen Situation mit einer klaren Rollenverteilung. Es gab Ärger, es gab Freude. Es ist das Leben!

Wir sind beide froh, es gewagt zu haben und beide froh wieder zu Hause zu sein.

Denis Wischniewski

Ohne Support geht’s nicht – sei es mental oder aus dem Kofferraum (Bild: Denis Wischniewski)

Q: Trail Running steht privat wie auch beruflich im Mittelpunkt Deines Lebens. Wie hast Du und die Szene sich in den letzten Jahren verändert? Was bedeutet Trail Running für Dich?

Denis: Es ist schwer zu sagen, was und wie sich die Szene verändert hat. Zweifellos ist das Ganze grösser geworden. Es gibt Dinge die mir nicht gefallen und die ich nicht nachvollziehen kann. Wer glaubt, dass man in und mit diesem Sport das grosse Geld machen kann, ist schief gewickelt. Es mag schon sein, dass aktuell ein paar Franzosen um den UTMB ein Geschäft wittern und damit auch etwas einfahren, aber ganz allgemein ist Trail-Running als Sport längst nicht etabliert. Beim UTMB wollen zig Tausende starten, bei fast allen anderen Ultra-Trails erreichen die Veranstalter kaum Teilnehmerzahlen, die den Event finanzieren.

Es gibt zwei grosse Trends: Ultra-Trail und Skyrace. Beide Formate sind – da muss man ehrlich sein – keine Dinge für normale Läufer. Wer kann bitte 50 km und mehr laufen? Wer kann über einer Höhe von 3’000 oder 4’000 Meter in alpinem Gelände  laufen? Trail-Running ist der beste Sport, muss aber noch viel Basisarbeit leisten. Aktuell versucht das vornehmlich noch die Industrie und das sollte so nicht sein.

Denis Wischniewski

Ein bisschen Trail für’s Gemüt (Bild: Denis Wischniewski)

Es ist am Ende des Tages ganz einfach: Egal wie oder was dieser Sport auf Facebook und im Internet darstellt, es muss uns nicht interessieren. Der Sport ist heute nicht besser und schlechter als vor 10 Jahren. Man muss kreativ sein, schöne Strecken finden, ein paar gute Freunde haben und dann loslaufen. Die Ausrüstungen sind heute toll, die Informationen sind vielfältig. Ich denke, man muss nur das „Drumherum“ öfter mal ausblenden.

Man muss kreativ sein, schöne Strecken finden, ein paar gute Freunde haben und dann loslaufen.

Trail-Running ist heute für mich Leidenschaft, Beruf und ein sehr kreatives Spielfeld. Ich bin mir sicher, dass ich mit dem Magazin in den kommenden Jahren noch guten Output geben kann und sich der Sport weiter als schönes Lebensgefühl entwickelt.

Q: Dein Lebenslauf ist absolviert. Gibt es neue Projekte?

Denis: Nein. Ich sollte mich vermutlich jetzt wieder mehr um mein Heft kümmern. Ich plane lange Laufprojekte künftig alle 2 Jahre. Ich mag die Idee das „Laufen“ mit dem Erleben von Menschen und Kulturen zu verbinden.

Denis Wischniewski

Der „Lebenslauf“ ist abgeschlossen – der Weg aber geht weiter (Bild: Denis Wischniewski)

Q: Wie wird sich Dein „Lebenslauf“ auf die Inhalte des Trail Magazin auswirken? Wer ist eigentlich der typische Leser?

Denis: Kann schon sein, dass sich dieser Lauf auch längerfristig auf Inhalte auswirkt. Ich denke grundsätzlich, dass „selbstentwickelte“ Läufe und private „Laufabenteuer“ eine eigene Rubrik im Heft bekommen sollten.

Der typische Leser ist nicht mehr zu erkennen. Ich sehe das bei unseren Leserevents, Lesercamps und Revierguides. Da sind Leute von 18 bis 65 mit unterschiedlichster Bildung und sozialer Stellung. Das ist schon genial, dass Trail-Running auch hier keine Regeln kennt und braucht.