Das Monte Rosa Massif ist eine Ikone in den Alpen. Ein anspruchsvoller Ultra Trail mit dem Ziel, die Dufourspitze zu umrunden, ist fast eine logische Konsequenz. Die Trail Legende Lizzy Hawker hat sich persönlich dieser Vision angenommen und die Ultra Tour Monte Rosa UTMR ins Leben gerufen. Nach einem Etappenrennen im 2015 stand dieses Jahr das erste Mal auch eine non-stop Ultra Variante über 116km mit satten 8300hm D+ auf dem Programm. Im 2017 wird dann neben dem Etappenlauf auch eine 160km Variante mit der Vollumrundung des Monte Rosa Massifs angeboten werden. Lizzy Hawker macht alles richtig und wir sind sicher, dass mit dem Ultra Tour Monte Rosa UTMR ein neuer Höhepunkt im Trailkalender steht. Thomas Weideli war für uns dieses Jahr dabei. Hier sein Bericht.

Ultra Tour Monte Rosa 2016 – Rennbericht

Autor: Thomas Weideli

Für die Registrierung reisen wir bereits am Donnerstagnachmittag nach Cervina in Italien. Neben der Startnummernausgabe wird auch eine eingehende Materialkontrolle vorgenommen. In Zweifelsfällen wird die Organisatorin und Spitzenläuferin Lizzy Hawker als letzte Entscheidungsinstanz herbeigerufen. Man hätte es ihr nicht zugetraut, aber mit ruhiger und bestimmter Stimme weist sie einige Regenjacken als ungenügend zurück. Dementsprechend laufen einige Läufer bereits am Vorabend des Starts wie aufgescheuchte Hühner im Dorf herum, um ihre Ausrüstung noch zu komplettieren. Die Ausgangslage ist klar; nicht wasserfeste Jacke und Hose sind gefordert, sondern wasserdichte. Genauso streng wird mit Ersatzbatterien für die Stirnlampen umgegangen. Ersatzbatterien für beide Lampen sind gefordert, ansonsten gibt es keine Starterlaubnis. Aus meiner Sicht und im Namen der Sicherheit absolut korrekt! Neben dem Zeitmesschip wird uns auch ein Höhenprofil als Tattoo abgegeben. Wie es sich später herausstellen solle ein sehr dienliches Hilfsmittel, kann man nun doch immer wieder die Distanz und kommenden Höhenmeter am Arm ablesen. Dies ist nur ein Beispiel an dem man die Handschrift von Lizzy Hawker erkennen kann.

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Aufgrund der späten Startzeit um 10 Uhr morgens, wird es ein eher gemütlicher Abendausklang mit einem leckeren Nachtessen. Auch am Morgen vor dem Start besteht kein Zeitdruck. Es ist schon fast ein gemütliches Wochenendfrühstück. Diese Lockerheit scheint sich auf alle die circa 160 Starter zu übertragen. Entsprechend gelöst und heiter ist dann auch die Startzeremonie. Letzte Anweisungen kommen von einem Balkon über dem Starterfeld und Lizzys Ansprache endet mit dem treffenden Satz „I wish you a great journey“.

Cervinia – Cimes Blanches (2’981m) – Rifugio Ferraro

Kurz darauf setzt sich das überschaubare Läuferfeld in Bewegung – das Abenteuer Ultra Tour Monte Rosa kann beginnen. 119km und 8’300 Höhenmeter liegen vor uns. Nach wenigen Metern durchs Dorf geht es in den Wald und kurz darauf auf die ersten Singletrails. Da die Waldgrenze schon kurz nach dem Start überwunden ist, laufen wir die ersten 17km bis zum ersten Verpflegungsposten, beim Rifugio Ferraro, auf wunderschönen, teils felsigen Singletrails. Bei schönstem Wetter geht es vorbei an kleineren und grösseren Bergseen. Auch die Gletscher auf der Südseite des Monte Rosa Massivs sind immer wieder ein Blickfang. Mit diesen Eindrücken erklimmen wir die ersten 1’000 Höhenmeter wie von selbst. Dasselbe Bild auf dem Weg hinunter. Eine Traumlandschaft mit fetzigen Trails macht richtig Spass. Immer wieder muss ich mich selbst bremsen, da noch mehr als 90km vor uns liegen.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

Mountain Ultra Trail pur (Bild: Ultra Tour Monte Rosa UTMR)

Rifugio Ferraro – Saleroforko (2’689m) – Gressoney

Beim Rifugio Ferraro werden wir mit grossem Applaus empfangen. Das Angebot des Verpflegungsposten lässt keine Wünsche offen. Von einfachem Weissbrot, über Käse, geräuchertem Fleisch, Früchten bis zu Nüssen wird hier alles, was ein Trailläufer-Herz verlangt, angeboten. Sogar die Trinkflaschen werden uns von den Helfern aufgefüllt.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

Knackige Trails durch unberührte Bergwelten (Bild: Giacomo Meneghello)

Danach geht es wiederum auf fetzigen Trails hinauf zur Saleroforko. Eindrückliche Felswege begleiten uns auch auf dem Weg hinunter nach Gressoney. Eine sehr abwechslungsreiche und schöne Trailstrecke. Speziell die Felspartien verleihen diesem Streckenabschnitt einen abenteuerlichen Charakter.

Gressoney – Passa di Salati (2’881m) – Alagna

Vom malerischen Dörfchen Gressoney geht es hinauf auf den Passa di Salati. Mit 2’922m der höchste Punkt der Tour. Entsprechend zeichnen sich die letzten Meter dann auch durch die dünne Luft aus und sind auf einer Geröllhalde sowie Passagen auf planierten Skipisten eher langweilig zu laufen. Einzig die aufkommenden Wolkenschwaden vermögen etwas gute Laune zu versprühen, da es doch markant abkühlt und so den strengen Aufstieg etwas angenehmer erscheinen lässt. Der Downhill ist dann dafür wieder einzigartig. Es geht erst durch Felspassagen und anschliessend über grüne Wiesenlandschaften talwärts, meist recht steil und ein guter Tritt ist von Vorteil. So sind wir rasch wieder im Tal und kommen kurz darauf in Alagna an. Es ist inzwischen etwa 20.00 Uhr und ich verspüre doch schon einen rechten Hunger. So habe ich doch bis zu diesem Zeitpunkt nur kleine Häppchen, Riegel und Gels verdrückt.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

(Bild: Giacomo Meneghello)

Alagna – Colle del Turlo (2’783m) – Macugnaga

Nach einer kurzen Verpflegungspause und dem Umrüsten auf Nachtbetrieb, setze ich mich alleine in Bewegung. Ein deftiger Anstieg im Dunkeln mit 1’500Hm auf rund 10km stehen vor mir. Wie schon den ganzen Tag geht es aufwärts ganz flott. Bis circa 1km unter die Passhöhe des Colle del Turlo. Die serpentinenähnlichen Pfade im Fels werden immer steiler und steiler. Praktisch alle Läufer legen nach nur wenigen Metern wieder eine Pause ein. So kämpfen wir uns regelrecht die letzten Meter hoch zum Pass. Glücklicherweise gibt es auf der Passhöhe Getränkenachschub, denn meine Trinkblase und beide Flaschen sind bis auf den letzten Tropfen leer.

Wo’s steil rauf geht, geht’s meist auch wieder steil runter. Genauso ist es denn auch. Langsam machen sich meine Knie bemerkbar und ich habe hinunter nach Quarazza schwer zu kämpfen. Zumal wir uns auf Wegen befinden die von diversen Bachläufen gequert werden. Dadurch artet der Downhill zu einer regelrechten Rutschpartie aus. Teilweise ist an rennen nicht mehr zu denken und wir marschieren in einer kleinen Gruppe von 5 Läufern hintereinander her. Die Bollensteine auf engen und steilen Wegen verlangen gute Nerven und nicht wenige von uns küssen mindestens einmal den Boden.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

Schwieriges Geläuf bei Tag – und erst in der Nacht? (Bild: Stefan Sigron)

Wie bei jedem Checkpoint werden wir auch bei einem der zwei grossen Verpflegungsposten in Macugnaga mit tobendem Applaus empfangen.

Macugnaga – Monte Moro Pass (2’853m) – Saas Fee

Nach einer vorzüglichen Suppe mit diversen Bohnen und Kartoffeln, serviert von der Salomon Spitzenläuferin Mira Rai, genehmige ich mir noch ein Stück Pizza obendrauf. Die tolle Stimmung hier ist richtig ansteckend und so lasse ich mir etwas mehr Zeit und schliesse meine den Verpflegungsstop mit einen Kaffee mit einem Stück Kuchen ab. Frische Kleider, neuer Akku und los geht es Richtung letzter grosser Anstieg. Schliesslich wartet die „stairway to heaven“ am Monte Moro Pass, dem Grenzübergang in die Schweiz, auf mich. Nach wenigen Metern durch Marcugnaga kommt mir ein verzweifelter italienischer Läufer entgegen. Just auf der Kreuzung die leicht verwirrend markiert ist. Er suche offenbar schon länger den richtigen Weg und zeigt mir die „falschen“ Markierungspfeile auf der Strasse die mit „sky“ angeschrieben sind. Bisher haben wir jeweils Bezeichnungen mit UTMR gesehen. Nach zweimaligem Ablaufen der möglichen Wege entschliesse ich mich beim Checkpoint nachzufragen. Auf dem Retourweg begegnete ich einigen Läufern die sich nicht gross dafür interessierten. Mira Rai packte ihren Markierungsrucksack und läuft mit mir nochmals die Strecke ab. Von den anderen Läufern ist weit und breit nichts mehr zu sehen…. (hier noch ein nachträgliches Dankeschön L) Ziemlich verärgert nehme ich zur Kenntnis, dass mein Weg der richtige gewesen wäre und die „lieben“ Laufkollegen nicht mehr gewartet haben. Entsprechend mit Wut im Bauch stürme ich den Hang hinauf Richtung Monte Moro Pass. Immerhin 1’560Hm auf 9.5km. So schliesse ich schon nach kurzer Zeit auf die ersten „Abtrünigen“ auf und lasse sie kommentarlos links liegen. So überhole ich alle bis ich schlussendlich weit und breit allein auf weiter Flur die letzten Felswege erklimme. Der Himmel wird langsam heller und das Monte Rosa Massiv zeigt sich in einem wunderschönen Morgenrot. Als ich beim Checkpoint ankomme und kurz inne halte um den traumhaften Sonnenaufgang zu bestaunen, merke ich wie kalt es da oben, auf knapp 2’900m ist. Schnell verziehe ich mich in die Hütte und schlürfe einige Becher heissen Tee.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

Seb Chaigneau und Tirtha Tamang mit frischen Beinen (Bild: Giacomo Meneghello)

Nach der kurzen Rast mache ich mich auf zum Highlight dieses Laufs, dem Grenzübergang in die Schweiz über die „stairway to heaven“. Holztreppen die auf einer steilen Felsplatte befestigt sind führen direkt zur Statue. Ein eindrücklicher Abschnitt, speziell in der morgendlichen Sonnenaufgangsstimmung. Danach geht es im Zick-zack über Felsplatten, eisige Schneefelder bis zum eigentlichen Weg, der uns wieder hinunter zum Mattmark-Stausee führt. Weiterhin bin ich ganz alleine unterwegs, bis mich ein freundliches „allez allez“ aus dem Mund von Seb Chaigneau und seinem engsten Verfolger, wachrüttelt. Motiviert durch diese überraschende Begegnung, will ich mich möglichst lange vor den nun auftauchenden Etappenläufern halten. Bei den Spitzenläufern natürlich ein Wunschtraum. So laufe ich weiter Richtung Saas Almagell und werde in unregelmässigen Abständen von den Etappenläufern überholt. An ein Anhängen ist nicht zu denken, deren Beine waren einfach viel frischer und von Müdigkeit natürlich keine Spur, da sie erst in Macugnaga gestartet sind. So verläut die Strecke bis Saas Fee recht abwechslungsreich und voller guter Zusprüche aller Etappenläufer. Dies macht richtig Freude und zeigt den Spirit der Trailszene.

Ultra Tour Monte Rosa UTMR

Stairway to Heaven (Bild: Ultra Tour Monte Rosa UTMR)

Saas Fee – Hannigalp – Grächen

Anhand des Streckenprofils haben wir das Gröbste eigentlich hinter uns. Doch weit gefehlt, denn was nun kommt ist technisch anspruchsvoll und erfordert trotz fortschreitender Müdigkeit höchste Konzentration. Auch hier laufen wir wieder auf atemberaubende Singletrails durch eine rauhe Landschaft.

Die schwindenden Kräfte und die nie enden wollenden Querungen in schwierigem Gelände, lassen die Zeit vergehen wie im Fluge. Nicht nur wegen der plötzlichen Hitze verliere ich auf dem Abschnitt zur Hannigalp mehr als zwei Stunden auf meinen ansonsten gut berechneten Zeitplan. Recht ausgemergelt komme ich dann beim letzten Checkpoint vor dem Ziel an. Schnell hechte ich unter den Sonnenschirm und öffne die Schleusen, kippe die letzten Getränke hinunter und rolle noch bis nach Grächen. Bis ins Ziel geht es einen staubigen Forstweg hinunter und der Staub hinterlässt auf meinem verschwitzten Körper noch richtige Kampfspuren. Glücklich und hundemüde trotte ich ins Ziel, wo jeder Läufer von Lizzy Hawker persönlich empfangen wird. Nach 29 Stunden und 32 Minuten ist das Abenteuer Ultra Tour Monte Rosa über 116 Kilometer und 8300 Höhenmeter vorbei. Mit Schal und Medaille ausgestatte setzte ich mich in den Brunnen und ließ meine Füsse bis zum „Kuhnagel“ abkühlen.

Fazit

Ein absolut gelungener Ultratrail mit atemberaubender Aussicht. Fetzigen Trails auf allen möglichen Untergründen, von Fels über schroffe Wanderwege bis hin zur grünen Wiesen. Dazu eine Herzlichkeit an den Verpflegungsposten, wie ich sie noch nie angetroffen habe. Die Ultra Tour Monte Rosa UTMR Organisation trägt eine klare Handschrift einer Läuferin. Viele Kleinigkeiten sind auf die Läufer abgestimmt und runden einen perfekten Anlass gelungen ab. Die Steilheit und schroffe Natur ist jedoch nicht zu unterschätzen. 8’300 Höhenmeter auf 116km verlangen eine seriöse Vorbereitung und Trittsicherheit in den Bergen.

Vielen Dank, Thomas Weideli, für den Bericht. Und herzliche Gratulation zur starken Leistung.

Bericht: Thomas Weideli
Bilder: Giacomo Meneghelle, Ultra Tour Monte Rosa UTMR Veranstalter, Stefan Sigron

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