Ultra Trail Running steht seit je her für Abenteuer, ausserordentliche körperliche Leistung und unbezahlbare Erfahrungen. Eine Läuferin, die sich diesem Ultra Trail Kerngedanken verschrieben hat wie fast keine andere, ist Julia Böttger. Die bald 40ig jährige Deutsche aus Lüneburg hat fast alle Trails dieser Welt schon einmal begangen und brennt immer noch für die „bergweise Bewegung“, dem Motto Ihrer Trainer und Veranstaltungs-Website. Diesen Sommer hat das Trailschnittchen, wie Julia sich nennt, mit der Erstaustragung des Transpyrenea ein weiteres Highlight gegönnt: 860 Kilometer mit 65‘000 Höhenmeter vom Mittelmeer zum Atlantik – nonstop. Sie ist dabei nicht nur angekommen, sondern hat das Rennen bei Frauen sogar gewonnen. Wir gratulieren zu der Topleistung.

Q: Es gibt viele Rennen, die man als Trail Runner landläufig kennt. Der Transpyrenea gehört nicht dazu. Um was geht es?

Julia: Der Transpyrenea fand dieses Jahr zum ersten Mal statt. Laut Organisation ein ganz neues Format an Rennen bzw. eigentlich kein Ultra Trail sondern ein „Abenteuer“. Eine lange schnelle Wanderung auf dem GR10 vom Mittelmeer zum Atlantik. Dabei legt man um die 860 Kilometer und 65‘000 Höhenmeter in den französischen Pyrenäen zurück. Die Strecke ist nicht extra markiert sondern man orientiert sich an der Beschilderung des GR10 oder per GPS respektive Karte. Jeder Teilnehmer ist autonom unterwegs und muss neben der Pflichtausrüstung eine vorgeschriebene Kalorienanzahl mit sich führen.

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Es gibt zwar 22 Checkpoints und 3 Basisstationen, wo man einen Dropbag mit Ersatzmaterial hinterlegen kann. Die Checkpoints und Basisstationen waren aber eher sehr dürftig ausgestattet. Es ist erlaubt sich von einem Team betreuen zu lassen, was ein unglaublicher Vorteil ist. Viele Läufer wurden von einem ganzen Team im Camper Van begleitet, so dass die Versorgung und Schlafen viel einfacher ist.

Transpyrenea

Schlafen am Checkpoint (Bild: Aitor Toribio / Prozis)

Wo, wann und wie lange man schläft, kann jeder Teilnehmer selber entscheiden. Die Uhr wird nach dem Start nicht mehr gestoppt und das maximale Zeitlimit liegt bei 16 Tagen.

Anmerkung: Julia Böttger brauchte 304 Stunden und 33 Minuten. Damit gewann sie das Rennen bei den Frauen und wurde insgesamt vierte.

Q: Was waren auf dieser langen Reise die Highlights sowie die Tiefpunkte? Gab es besondere Begegnungen?

Julia: Bei dieser Länge der Strecke liegen Highlights und Tiefpunkte ganz nah beieinander. Ich habe soviel erlebt, dass ich das noch gar nicht alles realisiert habe. Zurzeit wache ich immer auf und denke ich muss weiter laufen. Das grösste Highlight waren sicherlich die Pyrenäen an sich. Diese Landschaft und die Veränderungen auf der Strecke haben mich sehr fasziniert. Dort ist noch soviel Weite und Platz für Natur, dass man sich so unglaublich klein vorkommt. Die kleinen Highlights werden dann irgendwann eine warme Dusche oder ein warmes Essen. Und die Menschen, Volunteers, die einen empfangen als wenn sie dich schon ewig kennen. Sicher gab es auch ein paar magische Momente als ich in den Sonnenaufgang gelaufen bin, mutterseelenallein. Der Wahnsinn. Oder als nach 10 Tagen plötzlich mein Freund vor mir steht und mich ein Stück begleitet.

Julia Böttger Transpyrenea

Auf einsamen Trails… (Bild: Aitor Toribio / Prozis)

Den größten Tiefpunkt hatte ich wohl auf den letzten 40 Kilometern. Ich bin ständig beim laufen eingeschlafen und wollte nur noch das es vorbei ist. Irgendwann hatte ich mich entschieden die letzten 100 Kilometer durch zu laufen. Ich wollte nicht mehr irgendwo schlafen und sondern nur noch auf direktem Weg ins Ziel. Ja, eigentlich waren die Tiefpunkte immer nur Nachts. Zweimal mitten in der Nacht bei Dauerregen und Nebel. Ich konnte nur noch 2 Meter vorausschauen, immer mit der Angst eine Abzweigung zu verpassen und auf der Suche nach dem nächsten Checkpoint. Den einen habe ich tatsächlich nicht gefunden und musste den Veranstalter anrufen.

Ultra Trail Running Feet

Ohne Worte – Die Füsse von Johan Steene (Bild: Aitor Toribio / Prozis)

Tolle Begegnungen gab es haufenweise. Ich habe schon lange nicht mehr soviel Freundlichkeit und Hilfe erfahren wie auf dieser Reise. Wildfremde Menschen, die mir ein Zelt geliehen haben damit ich ein paar Stunden schlafen kann. Auf einer Schutzhütte hat ein Ehepaar mir eine Suppe gemacht, weil sie meinten ich müsse etwas Warmes essen. Und ein anderes Mädel brachte mir all ihre Riegel. Unbezahlbar war auch die Hilfe von Sylvie, die eigentlich ihren Mann Laurent betreut hat. Da ich mit ihm fast immer zeitgleich unterwegs war, kümmerte sie sich dann auch irgendwann um mich.

Q: Wie bereitet man sich auf ein solches Abenteuer vor? Welche Punkte gilt es zu beachten?

Julia: Bei solchen Projekten respektive Rennen ist es wichtig, sich wirklich körperlich und mental vorzubereiten. Ich habe im Vorfeld viele, viele lange Einheiten mit schwerem Rucksack gemacht. Hüttentouren über mehrere Tage. Auch bin ich viel mehr mit Stöcken gewandert als sonst. Zusätzlich zum Training muss man sich ausgiebig mit der Strecke beschäftigen sowie dem erforderlichen Material. Es gab genug Teilnehmer, die am Start das erste Mal überhaupt ein GPS Gerät in der Hand hatten. Zu empfehlen ist, alle Eventualitäten und „Gefahrenszenarien“ schon mal im Kopf durch zu spielen und sich eine Lösung zu überlegen beziehungsweise daraus Rückschlüsse auf erforderliches Equipment zu ziehen. Und dann passiert doch meist vieles womit man überhaupt nicht gerechnet hat. Jeder muss sich im Klaren sein, dass er auf sich allein gestellt ist und gegebenenfalls auch alleine aus einer Notlage heraus manövrieren muss. Navigieren im Dunklen, Schlafmangel, kaum warme Mahlzeiten, Regen und Sturm – auf alles sollte man gefasst sein.

Q: Was wählst Du für einen solchen Lauf an Ernährung und Material?

Julia: Bei diesem Lauf war besonders, dass jeder Teilnehmer die 4 Basisstationen mit 6000 Kalorien verlassen musste. Das wiegt natürlich ziemlich. Aus dem Grund habe ich versucht Nahrungsmittel zu finden, die auf wenig Gewicht viele Kalorien haben. Zum Beispiel Nüsse, Schokolade, etc. Nur davon kann man sich schlecht 12 Tage ernähren. Ich habe unterschätzt wie wenig Hütten und Dörfer entlang des Weges sind und wie schlecht die Versorgung des Veranstalters an den Checkpoints ist. Hier bekamen wir an jedem Checkpoint dasselbe Essen angeboten und fast nur süsses Zeug. Mit Glück Nudeln oder Reis. Als Vegetarier hatte man es noch einmal schwerer.

Transpyrenea Julia Böttger

Landschaftlich deckt der Transpyrenea ein breites Spektrum ab (Bild: Julia Böttger privat)

Beim Material versucht man immer das leichteste zu finden. Funktionell und leicht. Dennoch habe ich bezüglich der eigenen Sicherheit keine Kompromisse gemacht. Lieber die schwerere Regenjacke im Gepäck, aber dafür trocken und warm im Sturm.

Q: Ein Transamerica Läufer hat einmal in einem Interview gesagt, dass die Belastung des langen Lauf quer durch Amerika seinen Laufstil verändert hat. Kannst Du ähnliches bestätigen?

Julia: Das kann ich so gar nicht sagen. Da ich ja fast nur auf langen Strecken in den Bergen unterwegs bin, laufe ich sicherlich anders als die schnellen Bergläufer. Die Schritte werden kleiner und der Kniehub ist so flach wie möglich. Ich denke, der Laufstil auf der Strasse verändert sich da viel gravierender. In den Bergen ist das schwer zu sagen. Man versucht halt so kraftsparend wie möglich zu laufen und dabei dennoch so schnell wie möglich vorwärts zu kommen.

Julia Böttger

Das lang ersehnte Ziel: 860km mit 65’000hm in 304h33min (Photo: Julia Böttger privat)

Q: Welche Projekte stehen sonst noch an?

Julia: Erst mal nix. Ich genieße den Rest des Sommers und führe noch einige Trailrunning Camps durch. Eventuell starte ich Ende September beim Cami de Cavalls auf Menorca. Nächstes Jahr will ich dann die Grand Traverse di Alpi laufen (1000 km).

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