Der Transgrancanaria ist jeweils das erste Rennen der Saison der Ultra Trail World Tour in Europa. Es werden 3 lange Distanzen angeboten: Transgrancanaria 125km mit 8000hm D+/-, Advanced 83km mit 4300hm D+/- und Marathon 44km mit 1200hm D+/-. Für die Schweiz war die Ausführung 2015 sehr erfolgreich – Andrea Huser wie auch Diego Pazos erreichen das Podest → Interview. Wir freuen uns, dass Ramon Casanovas, der Sieger des Irontrail T201 2015, uns in seinen Transgrancanaria Rennbericht auf die Reise quer über die Insel mitnimmt.

Transgrancanaria – a goal, a dream!

Autor: Ramon Casanovas

Wie der Name Transgrancanaria sagt , ist das Ziel des Laufes Gran Canaria zu durchqueren. Dies ist ein absoluter Traum, denn die Insel verfügt über unglaublich schöne Berg-Landschaften und die Natur zeigt sich in verschiedensten Formen: Von der trockenen Wüste bis zu einem Regenwald ist hier alles anzutreffen.

Das Rennen startet in Agaete im Norden der Insel und schlängelt sich danach mit einer Distanz von 125km über diverse Anstiege Richtung Süden. Es endet in der Touristen-Hochburg Maspalomas. Dabei sind rund 7500 Höhenmeter zu überwinden. Ich laufe für das Team Mammut Schweiz und habe mir eine Zeit zwischen 16 und 18 Stunden als Ziel gesetzt. Was das für ein Schlussrang bedeutet, wird man dem sehr gut besetzten Startfeld dann sehen…

Start und Feststimmung in Agaete

Am Freitagabend geht es endlich los. Der Start des Rennens wird in Agaete erfolgen. Im Extrabus fahre ich zusammen mit Thierry Kureth und unzähligen anderen Läufern in das kleine Fischerdorf im Norden der Insel. Das Wetter im Norden von Gran Canaria ist oft regnerisch. Heute hingegen ist es trocken, und der Wind bläst schwächer als in anderen Jahren. Die Atmospäre ist beeindruckend. Das ganze Dorf scheint auf den Beinen zu sein. In den Strassen herrscht eine unglaubliche Stimmung. Alle Restaurants sind geöffnet und bis auf den letzten Platz besetzt. Überall warten Läufer auf den Start. Eine halbe Stunde vor dem Rennen werden alle aufgefordert, sich in ihren Startbereich zu begeben. Ich bin im vordersten Startsektor eingeteilt und darf mich mit der Elite einreihen. Vor mir stehen viele Weltklasse-Läufer, was mich beeindruckt. Es ist nun 23Uhr, und der Speaker zählt die letzen Sekunden rückwärts: Los geht’s! Wir durchqueren die überfüllten Gassen und verlassen die Ortschaft in die dunkle Nacht.

Kälte und Wind oder von Tamadaba nach Artenara

Schon wenige Hundert Meter nach dem Start beginnt der Aufstieg nach Tamadaba. Ich habe nun meinen Rhythmus mehr oder weniger gefunden und steige in einem eher gemächlichen Tempo auf. Meine Strategie ist, die ersten 80km locker zu laufen und so die Nacht gut zu überstehen. Nach rund eineinhalb Stunden sind die ersten 1200 Höhenmeter geschafft und es folgt ein steiler Abstieg. Mir macht die kalte Luft und der zähe Nebel zu schaffen. Wenn ich durch den Mund atme, beginne ich zu husten. Andrea Huser überholt mich, und wir diskutieren einen Moment zusammen. Im nächsten Aufstieg kann ich nicht mehr mit Andrea mithalten. Um den Husten in den Griff zu bekommen, atme ich nur noch durch die Nase und verlangsame das Tempo noch weiter. Zudem esse ich ein paar Gels. Die Trails sind hier relativ technisch und konzentriertes Laufen ist gefragt. In Artenara wird es sehr kalt und der Wind bläst jetzt wirklich stark. Ich mache mir Sorgen wegen meiner Atmung und beruhige mich mit dem Gedanken, dass mit dem Sonnenaufgang alles besser werden wird.

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Fast grenzenlose Freiheit (Bild: Ultra Trail World Tour / Carlos Diaz Recio)

Im Norden der Insel von Artenara nach Teror

Im Norden der Insel ist die Vegetation üppig und wird reichlich mit Regen versorgt. Am Tag fühlt man sich hier ein bisschen wie im Urwald von Ecuador. In der Nacht bemerkt man dies kaum, denn die Stirnlampe leuchtet nur einen kleinen Teil des Blickfeldes aus. Ich realisiere den Wechsel vor allem an der Luft: Es wird ein bisschen wärmer, der Wind ist nun kaum bemerkbar und der süssliche Duft von Eukalyptus-Bäumen macht sich bemerkbar. In Teror befindet sich ein grösserer Verpflegungsposten. Ich halte auch hier nur kurz, um Wasser aufzufüllen. An Ultratrail-Rennen decke ich meinen Energiebedarf mehrheitlich mit Gels ab. Dies schont meinen Magen und mir schmecken sie eigentlich ganz gut. Kurz nach Teror fallen ein paar einzelne Regentropfen. Ich bin jetzt fast 60 Kilometer locker gelaufen und meinen Beinen geht es sehr gut.

Andrea Huser im Aufstieg (Bild: Veranstalter)

Ein neuer Tag oder Sonnenschein in den Bergen rund um Tejeda

Nach Teror steigt die Strecke wieder an. Es wird nun endlich hell. Dichter Nebel liegt in den Kiefernwäldern, welche ich gerade durchquere. Die Wälder sind extrem schön hier. Die Bäume sind mit grünen Flechten überzogen. Die Kiefern entziehen dem Nebel das Wasser über ihre Nadeln und so tropft es von überall auf mich herab. Ich bin sicher, dass die Sonne und Wärme meiner Atmung gut täte. Ich erreiche Cruz de Tejeda und beginne einen längeren Abstieg. Plötzlich reisst der Himmel auf und der majestätische Roque Bentayga kommt zum Vorschein. Die Ortschaft Tejeda liegt in einem Quertal in der Mitte der Insel und ist umsäumt von schroffen Felsformationen. Ansonsten wachsen hier überall wilde Mandelbäume. In Tejeda laufe ich an einer Bäckerei vorbei, die ich schon früher besucht habe. Hier erhält man das beste Mandelgebäck von Gran Canaria. Prompt verfehle ich deshalb fast den Verpflegungsposten. Ich habe alle meine Gels verbraucht und muss nun auf Riegel und Brot umsteigen.

Einen kurzen Moment fühle ich mich deshalb energielos, was mir aber beim Anblick des Roque Noublo vergesse. Dieser ungefähr 70 Meter hohe Vulkanfelsen legt auf einer Höhe von 1800 Meter über Meer und ist das Wahrzeichen der Insel. Kurz darauf kann ich in El Garañon meine persönlichen Utensilien auffrischen.

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Technisch anspruchsvolle Trails erfreuen das Läuferherz (Bild: Veranstalter)

El Garañon und der Abstieg in Richtung Süden

In El Garañon hole ich meinen abgegebenenLäufersack, in welchem sich Gels verschiedenster Geschmacksrichtungen befinden. Zudem kann ich hier Sonnencreme und eine Sonnenbrille aufnehmen. Ich setze mich kurz hin und creme mich ein, denn die Sonne scheint nun relativ kräftig, und ich habe keine Lust mich zu verbrennen. Dann fülle ich meine Gel-Vorräte auf und esse einen Teller Pasta. Nach rund 10 Minuten verlasse ich den Verpflegungsposten in Richtung des höchsten Punktes des Insel, dem „Pico de las Nieves“. Im Aufstieg zum Pico liegt effektiv noch an vereinzelten Stellen ein wenig „gecrunchtes“ Eis. Die Aussicht hier ist einzigartig und es folgt ein langer, schöner Abstieg. Die Trails sind hier sehr steinig und erfordern volle Konzentration. Ich lasse die Schwerkraft ihren Teil zum Abstieg beitragen und bleibe locker.

Lose Steine und sandiger Untergrund gehören beim Transgrancanaria dazu (Bild: Ramon Casanovas)

Die letzten Kilometer oder die Flussbette vor Maspalomas

Nach diesem längeren Abstieg über Stock und Stein folgen ein letzter kleiner Aufstieg und lange flache Kilometer dem Ziel entgegen. Da bei Transgrancanaria verschiedene Wettkämpfe gleichzeitig durchgeführt werden, überhole ich hier viele Läufer der Unterdistanzen. Das überholen gestaltet sich aber oft schwierig, da der Pfade schmal und steinig ist. Ich habe mir vorgenommen, im letzten Abschnitt des Rennens zu beschleunigen. Meine Beine fühlen sich immer noch gut an, jedoch ist das ausgetrocknete Flussbett wegen der grossen Kiesel so unbequem begehbar, dass ich diesen Plan verwerfe. Es erscheint mir sinnvoller, kein unnötiges Risiko einzugehen. Also laufe ich langsam und konzentriert weiter. In Maspalomas gibt es noch wenige Kilometer durch zwei weitere Flussbette zu laufen. Diese sind aber einfacher, denn sie sind zur Hälfte betoniert. Kurz vor dem Ziel warten meine Freunde Stephanie und Pesche an der Laufstrecke. Sie sind hier im Triathlon-Trainingslager und haben sich Zeit genommen mich anzufeuern. Dies tut mir gut und gibt Kraft auf den letzten Metern. Ich laufe mit einer Zeit von 17h36min im Ziel ein. Jetzt setze ich mich hin und gönne mir ein Bier!

Fazit

Transgrancanaria gehört definitiv zu den schönsten Bergrennen, die es zu laufen gibt. Die Schwierigkeit des Rennens liegt ohne Zweifel in den extremen Wetterwechseln: Im Norden der Insel ist es oft sehr kalt und regnerisch, dazu kommt die eingeschränkte Sicht während der Nacht. Im Süden der Insel wird es warm und die Sonne scheint oft erbarmungslos. Die Beschaffenheit der Strecke ist abwechslungsreich und mischt technisch schwierige Stellen mit sehr einfachen, rollenden Trails. Die grosse Herausforderung des Rennens ist es, die Konzentration während all dieser Wechsel hoch zu halten. Mit dem 40. Rang und meiner persönlichen Tagesleistung bin ich zufrieden: Mit einer Zeit unter 18 Stunden habe ich mein Ziel erreicht aber nicht übertroffen.

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