Harte Ultras gibt es viele, L’Echappée Belle hat sich auf dieser Skala sicher ganz weit oben positioniert. 144km mit 10’900hm D+/- sind das Eine, knüppelharte Trails und lange Sektionen ohne Trail das Andere. Vielleicht ist L’Echappée Belle gar kein Rennen, sondern ein Abenteuer. Kurt Nadler hat sich den schönsten Ultras der Alpen verschrieben und nimmt uns mit auf die harte Reise durch das Belledonne Massif.

37,5 Stunden für einen Glockenschlag

Nach gelungenem Zieleinlauf darf ich die Glocke der L’Echappée Belle als Finisher schlussendlich erklingen lassen, aber beginnen wir doch von vorne…

„Plus belle, plus dure“ so das Motto von L’Echappée Belle. Mit grossen Distanzen und Höhenmetern buhlen inzwischen viele Veranstaltungen um die Gunst der Läufer. Viel mehr als nur nackte Zahlen spricht mich hingegen das inspirierende Plakat des Organisators an, welches mir die Wahl meines Saisonziels 2015 stark vereinfacht.

Um die Regio Belledonne zu entdecken, werden dabei folgende Formate angeboten:

L’Echappée Belle – Intégrale
144 km / 10 900 Höhenmeter, Maximalzeit 54h

L’Echappée Belle – Traversée nord
85 km / 6 000 Höhenmeter, Maximalzeit 30 h

L’Echappée Belle – Parcours des crêtes
47km / 2 750 Höhenmeter

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Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist Aiguebelle sehr schlecht erschlossen. Ich entscheide mich deshalb mit dem Auto anzureisen und erreiche am Donnerstagabend das verschlafene Städtchen, welches offensichtlich schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Beschilderung ist gut und ich begebe mich zur Startnummernausgabe.

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Erstmals ist es bei diesem Kurs möglich seine Effekten für 2 Standorte abzugeben. Der dabei verwendete Jutesack, bei dem die aufgeklebte Startnummer bereits nach 5 Minuten abblättert und mit einem Draht verschlossen werden soll, ist jedoch unbrauchbar. Glücklicherweise habe ich eine Schnur und einen dicken Filzschreiber dabei und weiss mir entsprechend selbst zu helfen. An der obligaten Pasta-Party nutze ich die Gelegenheit, mich mit ein paar anderen Laufbegeisterten aus dem Sauerland zu unterhalten. Da der Bustransfer zum Start nach Vizille bereits um 03:30 Uhr startet, verabschiede ich mich frühzeitig. Der Veranstalter bietet zwar freie Übernachtungsmöglichkeit im nahegelegen Campingplatz (direkt an der Bahnlinie) an, ich ziehe es jedoch vor, die Nacht in einem Hotel in der Nähe von Albertville zu verbringen.

Um 02.00 Uhr klingelt der Wecker und ich fahre zurück nach Aiguebelle, wo ich mein Fahrzeug für den extra dafür vorgesehen Parkplatz abstelle. Die Abfahrt der Busse erfolgt pünktlich und wir treffen frühmorgens in Vizille ein. Als Stärkung für den Tag erwartet uns dort ein kleines Frühstückbuffet.

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Ich nehme mir einen Kaffee und ein halbes Baguette und verschiebe mich langsam in den Startbereich. Über 400 zuversichtliche Läufer stehen am Start und freuen sich auf das bevorstehende Abenteuer. Nach ein paar motivierenden Worten des Veranstalters geht’s endlich los. Es ist immer noch dunkel und angenehm kühl; es scheint sich jedoch ein heisser Tag anzubahnen…

Die ganze Strecke wird mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden charakterisiert. Dabei erfolgen folgende Unterscheidungen:

Grün       (problemlos)
Blau        (leicht)
Rot          (schwierig)
Schwarz (sehr schwierig)
Violett    (sehr delikat / kein Weg)

Ich laufe besonnen los und lasse einen Grossteil der Läufer passieren, welche unglaublich schnell vorpreschen. Der Weg ist glücklicherweise zu Beginn genügend breit (grün), so dass man sich nicht in die Quere kommt. Ich finde einen guten Rhythmus und schliesse bereits nach kurzer Zeit zu Javier auf. Er gibt mir seine letztjährigen Erfahrungen mit der Strecke weiter und warnt mich vor dem noch Bevorstehenden. Ach, so schlimm kann es ja nicht werden, geht es mir durch den Kopf und geniesse nach 17 km bereits die erste Verpflegungsstelle. Wir überqueren den Col de l’Infernet, den Col de la Botte und den Col des Lessines.

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Eine unglaubliche Aussicht eröffnet sich uns bei den Lacs Robert.

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Der vormals breite Weg hat sich inzwischen in einen schmalen Trail verwandelt. Wir schiessen ein paar Schnappschüsse dieser Traumlandschaft und geniessen einfach den Moment. Durchgangszeiten sind uns egal, wir wollen einfach diesen Lauf absolvieren. Wir sind beide optimistisch! Ein paar Kilometer später (der Weg wurde nochmals eine Spur schmäler), ist die grösste Euphorie bereits verflogen.

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Ich fülle meine Getränkevorräte bei 28 km auf und gönne mir eine Suppe. Javier ist inzwischen bereits aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich konsultiere mein Roadbook und sehe, dass es jetzt zum Croix de Belledonne auf 2’871 m raufgeht.

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Die Sonne brennt unerbittlich und ich wünsche mir sehnsüchtig ein paar Wolken herbei! Ich kämpfe mich den Berg hoch und lasse einige Mitbewerber vorbeiziehen. Die Aussicht auf dem Gipfel entschädigt für vieles. Also wieder runter dem Weg entlang. Moment, da gibt es gar keinen Weg mehr! Nur ein paar Fähnchen weisen die Richtung, der Weg selbst wird zwischen den Felsen jedoch nicht vorgegeben. Ein paar Rutschpartien weiter geht es über den Col de Freydane zum Refuge Jean Collet.

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Eine kurze Verschnaufspause später geht’s in Richtung Pas de la Coche. Es ist total windstill und die Strecke wechselt ständig zwischen Geröll und Felsen. Auf den nachfolgenden Kilometern gibt es praktisch kein Durchkommen mehr. Jeder Schritt muss mit bedacht gewählt und auf den Steinmassen ausbalanciert werden. Ich benötige Stunden und komme kaum vom Fleck. Meine Moral erreicht einen neuen Tiefpunkt als ich an der Verpflegungsstelle beim Pas de la Coche ankomme. Langsam gehe ich weiter Richtung Col de la Vache und spüre merklich, wie meine Kraft schwindet. Ich stelle mir vor, wie es jetzt wäre, ein kühles Getränk in meine trockene Kehle zu schütten! Gleichzeitung melden sich Kopfschmerzen und mir wird langsam schwindlig. Das war’s dann wohl. Aus, Ende, vorbei! Ich setze mich an einen Bergbach und tauche meinen Kopf in das kühle Nass. Ich verweile dort eine halbe Stunde und überlege mir meine Optionen. Mein Schwindel ist jetzt zwar weg aber was soll’s. Offensichtlich hat mich der Orobie Ultra Trail (→ Rennbericht) vor 4 Wochen doch zu viel Kraft gekostet. Mein Entschluss bei der nächsten Basisstation in Pleynet auszusteigen steht fest (85 Andere taten dies dann dort auch)! So schlendere ich langsam dem Weg entlang und werde ständig überholt, was mich jedoch nicht im Geringsten stört, da sich mein Wettkampfgeist definitiv verabschiedet hat. Nur noch 5 km…

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Mittlerweile ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden und die Temperaturen sind leicht zurückgegangen.

Ich spüre, wie meine Kraft allmählich wieder zurück kommt. Eine am Bein verletzte Läuferin überholt mich hinkend und kämpft sich vorwärts. Schluss mit Selbstmitleid! Ich checke meine Körperfunktionen (das ist so ein Unding von mir) und stelle fest, dass alles im grünen Bereich ist. Was wäre wenn ich weiter kämpfen würde? Gar bis ans Ziel? Wie sieht der Col de Moretan aus, ist es wirklich so schlimm wie Javier erzählt hat? Ich werde es nie erfahren, oder doch? Ich gebe mir einen Ruck. Innerhalb kurzer Zeit überhole ich lockeren Schrittes einige Läufer, welche mich fragend anschauen.

Ich verpflege mich in La Pleynet ausreichend und mache mich guten Mutes auf den weiten Weg. Der Vollmond scheint mittlerweile helle und belichtet die Lagerfeuer bei einzelnen Chalets. Was für eine Atmosphäre! Unangekündigte, privat organisierte Getränkestände tauchen auf und die Menschen dahinter machen mir damit eine Riesenfreude. Mit dem Finger zeigen sie mir den weiteren Weg zum Col de Moretan. Nein, das sind keine Sterne, das sind Stirnlampen der Läufer… Innerhalb weniger Kilometer geht es nun von 1’089 Hm auf 2’487 Hm. Einige Fähnchen weisen die Strecke, welche offensichtlich im Allgemeinen nicht begangen wird. Felsbrocken um Felsbrocken geht es langsam hoch. Es ist rutschig, es ist schwierig und hart aber ich werde die Erinnerung daran nie verlieren! Auf der anderen Seite runter führt der Abschnitt über Geröll und Schnee. Glücklicherweise ist der Weg mit Seilen gesichert, so dass man sich Meter um Meter runterhangeln kann. Da ein Schrei, dort ein Fluch! Jetzt läuft aber was. Ich bin mittlerweile in einem Pulk von Läufern, kann mich aber langsam absetzen. Ein neuer Tag bricht an und ich erreiche Super Collet bei 96 km.

Kurt

Erstaunt treffe ich dort auf Adrian, welcher nach einer tollen Leistung unglücklich stürzte und das Rennen verletzungsbedingt aufgeben musste. Er umsorgt mich mit Kaffee und wünscht mir für den nächsten Streckenabschnitt alles Gute. 16,5 km sind veranschlagt, gemäss meinem Zeitplan werde ich dazu gut 5 Std benötigen, was dann auch tatsächlich der Fall sein wird. Die Strecke verlangt alles von mir ab. Zwischenzeitlich brennt die Sonne wieder erbarmungslos; ich kühle mich bei jedem Bach ab und laufe jetzt mit Kopfbedeckung. Ich bin bereits wieder merklich langsamer geworden, aber meinen Konkurrenten scheint es ähnlich zu ergehen. Es geht rauf und runter und der Weg ist mittlerweile wieder weniger technisch anspruchsvoll, so dass ich gut vorankomme. Erneut senkt sich die Sonne und ich kann von weitem das Tal von Aiguebelle sehen. Motiviert beschleunige ich im Wald nochmals mein Tempo und rausche förmlich den Trail herunter. Vergessen sind alle Schmerzen und Sorgen und ich werde beim Zieleinlauf im Park von Glücksgefühlen überwältigt. Dass ich den 10. Platz meiner Kategorie erreicht habe, ist dabei nebensächlich. Jetzt aber mal an ran an diese Glocke!

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Autor: Kurt Nadler
Bilder: Kurt Nadler und Echappée Belle

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