ZUT LogoHerzliche Gratulation an Stephan Hugenschmidt – Sieger des Zugspitz Ultra Trail 2014 mit 100 km und 5420 hm D+ in 10h 36min. Wir freuen uns einen Rennbericht aus erster Hand direkt von Sieger hier veröffentlichen zu dürfen. Der sympathische Deutsche mit Wohnsitz in Radolfzell wird sicher auch in Zukunft von sich hören lassen, aber erst einmal zu seinen Erlebnisse an der Zugspitze.

Autor: Stephan Hugenschmidt

Unangenehmer Erfolgsdruck

Nach dem Abstecher auf der “Kurzdistanz” beim Skyrace im Tessin (→ Rennbericht), steht am Sommeranfang wieder ein langer Wettkampf auf dem Programm: der Zugspitz Ultratrail. Neben dem Transvulcania (→ Rennbericht) mein zweiter Höhepunkt in dieser Wettkampfsaison. Im Gegensatz zum Lauf über die Kanareninsel, lastet dieses Mal ein gewaltiger Druck auf mir. Zwar habe ich mich so gut es ging auf den Wettkampf selbst konzentriert, trotzdem bekomme ich mit, dass mir gute Chancen auf eine Top-Platzierung eingeräumt werden. Beim Abholen der Startnummer, wird alles noch schlimmer: Startnummer 1! Na super.

ZUT Eckdaten: 100km mit 5740hm D+

ZUT Eckdaten: 100km mit 5740hm D+

Dass die Nacht vor dem Wettkampf wenig erholsam ist, muss ich eigentlich nicht erwähnen. Das geht wohl jedem so, der zum ersten Mal 100 Kilometer mit 5400 Höhenmeter läuft. Zumindest fällt so das Aufstehen nicht schwer. Als der Wecker um 5:40 Uhr klingelt, bin ich längst wach! Nach einer kurzen Guten-Morgen-Dusche und einem guten Frühstück ist es Zeit die Pflichtausrüstung zu schnappen und zum Start zu marschieren (=Aufwärmen). Komischerweise beruhigt sich die Anspannung etwas, einzig der grosse Respekt (Angst will ich nicht sagen) vor den 100 immer näher rückenden Kilometern bleibt.

Los geht’s!

7:15 Uhr: Der Startschuss fällt. Endlich, es geht los, ab jetzt ist nur noch laufen angesagt! Aber was ist das? Kaum hat sich die hoch motivierte Läuferschar in Bewegung gesetzt, kommt sie wieder ins Stocken. Warum? Wegen dem neutralisierten Start à la Grainau! Die ersten Meter müssen die Starter des ZUT traditionell hinter der heimischen Marschkapelle hertrotten :-) Eigentlich eine gute Idee, die Anspannung weicht und ich bin nicht der Einzige, der Schmunzeln muss.

Kurz nach dem Start

Kurz nach dem Start

Nach dieser kurzen Gnadenfrist beginnt das Rennen endgültig und es wird prompt ein zügiges Tempo vorgelegt. Ich will mich davon nicht beirren lassen und wie immer meinen Rhythmus finden. Es ist wohl der eingangs erwähnte Leistungsdruck, der mich davon abhält. Der bis über beide Ohrenspitzen motivierte, erst 19-jährige Überflieger aus Kempten, Mirco Berner, legt auf den ersten 20 Kilometern ein sehr hohes Tempo vor und ich will nicht abreissen lassen. Vor allem auf den ersten technischen Bergab-Passagen rennt Mirco wie entfesselt und ich frage mich, ob er das auf den nächsten 80 Kilometern auch so machen will oder kann. Dann passiert es: Mirco macht einen Abflug in die Büsche. Ich frage, ob alles ok ist, aber da ist er schon wieder auf dem wurzligen Pfad und meint, dass alles ok ist. Zum Glück, denke ich, aber mein Gefühl wird trotzdem bestätigt: Für einen 100-Km-Lauf sind wir zu schnell unterwegs – vor allem bergab. Auf den nächsten ~10 Kilometern zur Ehrwalder Alm bleibt es beim hohen Tempo und es entsteht eine kleine Lücke zwischen uns und unseren Verfolgern.

V3 – der eigentliche Start des Rennens

Die 3. Verpflegungsstation bei der Pestkapelle ist für mich der eigentliche Start des Rennens. Denn hier beginnt der landschaftlich schönste Teil des gesamten Rennens und auch der Anstieg zum höchsten Punkt hat es in sich! Ich fühle mich gut und es macht mir richtig Spass auf der Via Alpina Richtung Feldernjöchl zu laufen. Einzig der Gedanke an die unglaublich vielen noch vor mir liegenden Kilo- und Höhenmeter dämpfen ein wenig meine Euphorie. Mittlerweile laufe ich alleine. Wie ich erst im Ziel erfahre, haben sich bei Mirco mit einiger Verspätung doch Schmerzen eingeschlichen und er musste das Rennen aufgeben. Wirklich schade für Mirco, aber er ist noch so jung, er wird noch viele Gelegenheiten haben, sein Können unter Beweis zu stellen!

Mirco und ich – und Kühe

Mirco und ich – und Kühe

Johannes  – Was für eine Überraschung

Auf dem Anstieg zum Scharnitzjoch machen sich die ersten Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Die Kraft lässt nach und ich muss ein wenig Tempo rausnehmen. Zum Glück ist der Anstieg nicht so lang, denke ich und dann sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht: Johannes Danke, ein Vereinskollege aus Radolfzell hat den weiten Anfahrtsweg vom Bodensee auf sich genommen, nur um mich auf der Strecke anzufeuern! Danke Johannes, das ist genau das, was ich jetzt brauche! Beflügelt von seinen aufmunternden Worten, kann ich die wunderbar zu laufenden Pfade hinab zur 5. Verpflegungsstation nochmal geniessen. Herrlich!

Kurz vor dem Scharnitzjoch

Kurz vor dem Scharnitzjoch

Die Qual beginnt

Beim Hubertushof fülle ich meine Speicher so gut es geht, denn ab jetzt wirds happig! Vor mir liegt das lange Flachstück auf Forstwegen und zum Teil sogar Asphalt bis Mittenwald. Von meiner Teilnahme beim Basetrail im letzten Jahr, kenne ich auch die folgenden 20 Kilometer bis zum letzten Anstieg und leider verlaufen auch die fast ausschliesslich auf Schotterwegen. Ich versuche mich dadurch zu motivieren, dass man auf diesen Wegen zügig voran kommt und so die Kilometer schnell weniger werden. Die ersten Minuten funktioniert das ganz gut, aber bei Kilometer 60 – man wechselt auf die Strasse –  ist damit Schluss. Mein Körper hat genug und ich muss an die noch vor mir liegenden 40 (!!) Kilometer denken. Verdammt, das ist ja noch ein Marathon – ein Marathon mit fast 2000 Höhenmeter. Die folgenden 20 Kilometer bis zum letzten Anstieg kommen mir ewig vor, ich muss mich ziemlich quälen. Aber auch das ist nichts aussergewöhnliches, Ähnliches empfinden wohl alle Ultratrailer.

Juhu, der letzte Anstieg!

Nach einer gefühlten Ewigkeit gelange ich endlich zur Brücke über die Partnach, wo der letzte und auch der längste Anstieg des Rennens beginnt. Komisch, aber die vor mir liegenden 1200 Höhenmeter erscheinen mir gar nicht so tragisch. Im Gegenteil, nach dem eintönigen Flachstück freue ich mich richtig darauf und auch das Ziel kommt langsam in Reichweite! Auf den ersten 500 Höhenmeter bleibt das gute Gefühl, aber je mehr ich mich der Talstation des Längenfelders nähere, umso schleppender geht es voran. Als ich schon die lauten Anfeuerungsrufe der Zuschauer hören kann – allen voran Teamkollegin Julia Böttger – überkommt mich ein ekelhaftes Schwindelgefühl. Ob es Unterzucker oder einfach nur die Erschöpfung ist, kann ich nicht sagen. Ist aber auch egal, kurz nach Gel, Riegel und Wasser an der Verpflegungsstation verschwindet der Schwindel wieder und ich nehme das letzte Stück des Aufstiegs zum Osterfelderkopf in Angriff. Letztes Jahr beim Basetrail ist mir dieser endlos vorgekommen, jetzt empfinde ich ihn als halb so wild. Und  ehe ich mich versehe bin ich auch schon oben.

Beim letzten Anstieg

Beim letzten Anstieg

Das Ziel zum Greifen nahe

Es ist das erste Mal, dass ich mir erlaube an den Zieleinlauf und den greifbar nahen Sieg zu denken. Aber nicht lange, denn mir ist bewusst, dass es zwar nur noch bergab geht Aber ein 1250-Meter-Abstieg nach 90 Kilometern ist nicht ohne, zumal er technisch anspruchsvoll ist. Also versuche ich die technischen Passagen kontrolliert zu laufen und bei den einfacheren Gas zu geben. Nicht ganz angenehm finde ich, dass auf den Trails ganz schön Verkehr herrscht. Das soll aber keine Kritik sein! Im Gegenteil, die Läufer der anderen Wettkämpfe machen sofort Platz und die meisten feuern mich auch noch lautstark an (DANKE!). Aber nach soo vielen Kilometern kostet es zusätzlich Energie immer wieder “Achtung, bitte!” zu rufen und fürs Vorbeilaufen die Ideallinie zu verlassen. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass mich Philipp Quack auf dem letzten Teil des Abstiegs begleitet und den Job des “Wegfreirufens” übernimmt. Danke Philipp!

Emotionaler Zieleinlauf

Und dann schliesst sich der Kreis, ich erreiche Hammersbach und nehme die letzten beiden Kilometer in Angriff. Erschöpfung und Schmerzen sind weg und mit einem Kribbeln im Bauch laufe ich Richtung Ziel in Grainau. Ich kann den Sprecher schon hören, da kommen 2 Mädchen mit selbst gepflückten “Blumensträussen” auf mich zu. Moment mal, denke ich, so ein Sträusschen hat letztes Jahr doch auch Philipp bekommen! Also schnappe ich mir die Blumen und dann ist es so weit: der Zieleinlauf. Was ich dabei empfinde lässt sich nur schwer in Worte fassen. Je länger und härter ein Wettkampf war, umso intensiver sind die Glücksgefühle beim Überqueren der Ziellinie. Und wenn man als erster das Ziel erreicht, ist alles noch mal so intensiv.

Geschafft!

Geschafft!

Vielen Dank, Stefan, für den super Bericht und noch einmal herzliche Gratulation zur starken Leistung!

Bilder: Stephan Hugenschmidt

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