Steiniger, steiler und weiter Laufen weil es nicht mehr schneller geht? Uli Fluhme, seines Zeichens Marathon Läufer (2h33min), Ironman (8h59min) und begeisterter Rennrad Fahrer, beschreibt in seiner Gast-Kolumne die Ultra Trail Szene  aus einem anderen Blickwinkel. Uli hat die Liebe zur Landstrasse zum Beruf gemacht und organisiert den Gran Fondo New York. Wir bedanken uns herzlich für den augenzwinkernden Beitrag.

Mal unter uns: “Trail Running” ist doch was für gescheiterte Strassenläufer. Nirgendwo kann man seine mangelnde Fitness oder das fortgeschrittene Alter besser verstecken als im Wald und auf den Bergen. Kommt’ mir jetzt nicht mit dem geilen Naturerlebnis. Ich seh’ Euch mit Stützstrümpfen und Wanderstöcken, trinkflaschenbehangen und gelbepackt durch die Planie zuckeln, die Augen festgenagelt auf das GPS. Natürlich ist dabei wenig. Echtes Abenteuer sieht anders aus. Jeder der schon einmal eine Stunde schnurstracks geradeaus von zu Hause weggelaufen ist, ohne Geld, Essen oder Trinken, nur mit Laufhose und T-Shirt, der weiss dass Unterzucker ohne doppelten Boden das letzte grosse Abenteuer im Laufsport ist. Schon mal Rüben aus dem Acker gezerrt? Wir verstehen uns.

Sabrina Mockenhaupt auf der Suche nach der Rübe

Sabrina Mockenhaupt auf der Suche nach der Rübe

Strassenlauf. Marathon. Jeder Schritt muss sitzen sonst ist die Bestzeit oder Platzierung in Gefahr. Monatelang schleift sich der Strassenläufer für den Tag X mit millimetergenauer Berechnung. Selbstverständlich läuft auch der Strassenläufer auf dem Trail. Er tut das, um seine Beine zu schonen. In ganz normalen Laufschuhen. Währenddessen ist der Trailrunner halt Erlebnissportler, ein “Finisher”, das Schimpfwort schlechthin unter den Strassenassen. Wenn auf Asphalt nix mehr geht – ab in den Wald.

Mutai

Geoffrey Mutai: der schnellste Schleifer am NY Marathon oder der erste Finisher?

Das blüht mir jetzt auch. Nächstes Jahr bin ich offiziell mittelalterlich. 40. Die Strassenbestzeiten sind theoretisch nur noch auf Distanzen ab Marathon möglich. Theoretisch, denn praktisch bedeutete dies Dauerfasten und 200km pro Woche. “Das brauche ich nicht mehr”, sag’ ich dann auch wie alle anderen. Übersetzt heisst das “Ich bin alt und lahm.” Und ich werfe hinterher “Trail ist geiler. Weg von den Zwängen der Zivilisation. Sonnenaufgang bei km 89. Hitze, Kälte, Nässe, Trockenheit – echtes Leben!” So reden wir uns das Altern schön.

Wir sehen uns auf dem Trail. Ich bin der in Laufhose, T-Shirt und Unterzucker, auf einer frisch aus dem Acker gezerrter Rübe kauend, leicht wimmernd nach Essen bettelnde.

Autor: Uli Fluhme

Photo Credits:
REUTERS – Mike Segar
AP Photo – Kathy Willens

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