Timon Abegglen hat am 12. Oktober 2013 den Défis du Jubilé unter die Füsse genommen und für die Swiss Ultra Trail Commnunity einen Bericht verfasst. Auf 71km und 2530hm D+ hat sich Timon die letzten 2 UMTB Punkte der 2013er Saison geholt.

DL TopoPatricks und meine Anreise nach St-Maurice am Freitagnachmittag verlief wie bereits vor Jahresfrist problemlos und wir konnten unser Nachtquartier im Kloster St. Maurice planmässig beziehen. Noch rasch einen Teller Pasta und einen kleinen Nachtisch verdrückt und dann ab in den Schlafsack.

Wie so oft war ich frühzeitig aus den Federn (täuscht es mich, oder neigt der Welsch-Schweizer zum Langschlaf?) und konnte meine Vorbereitungen in aller Ruhe durchgehen. Knie getaped (sicher ist sicher!), kleines Marmeladenbrot mit Käse verputzt, Laufrucksack gecheckt und ab dafür!

Im Bewusstsein um meine nicht gerade berauschende Laufform hielt ich mich nach dem Start zurück und verzichtete auf die Tempoverschärfung, die im letzten Jahr für ein ordentlich hohes Wettkampftempo gesorgt hatte. Zu viert setzten wir uns im ersten gewundenen Aufstieg nach Vérossaz ein klein wenig ab, doch mir wurde rasch klar, dass ich zu hochtourig unterwegs war. Dass ich unter der Woche normal im Training gewesen war und auf ein Tappering verzichtet hatte, merkte ich auch an den Rückenschmerzen auf den ersten 10km. Trotzdem, der Lauf war herrlich, die Luft kalt und klar und die Schneegrenze näherte sich rasch.

Bald hatte ich ein paar Plätze verloren, doch ich fand besser in meinen eigenen Rhythmus und konnte das Tempo im ganz passablen Rahmen halten. Nach dem hervorragenden Verpflegungsposten Vérossaz bei Kilometer 7 (wie alle Posten überaus fürsorglich und nett besetzt, charmant und mit einer grossen Auswahl an Speis und Trank – vielen herzlichen Dank an alle Helfer an dieser Stelle!), bei dem man sich nach Herzenslust versorgen konnte, gings nochmals durch den Wald und die nächsten Höhenmeter über traumhaft schöne Trails. Ein langer, mal leicht aufsteigender, mal leicht abfallender unebener Pfad führte durch den Forêt de Ceinteneire bis Mex. Definitiv einer meiner Lieblingspassagen beim Défis du Jubilé! Durch den Regen und Schnee der Vortage wurde alles etwas schlammiger und rutschiger, jedoch immer hervorragend laufbar. Der sich auf natürliche Art und Weise durch den steilen bewaldeten Hang schlängelnde Trail lässt einfach jedes Läuferherz höher schlagen. Vorbei an steilen Felsklippen und zwischen vom Schnee tief nach unten gedrückten Zweigen lässt es sich phantastisch aufs Tempo drücken.

Der erste Schnee

Der erste Schnee

Nach dem Kontrollposten in Mex (Kilometer 12,5) folgt der technisch etwas anspruchsvollere, jedoch schnelle Downhill nach Evionnaz (Kilometer 17). Wenig überraschend diejenige Passage, bei der ich mich während dem ganzen Rennen am wohlsten gefühlt haben. Hier konnte ich wieder einige Plätze gewinnen und zu einer kleinen Verfolgergruppe aufschliessen.

Von Evionnaz verläuft die Strecke flach dem Waldrand entlang bis Vernayaz (ca. Kilometer 22). Wer aber meint, sich hier etwas zu erholen liegt falsch – hier wird im Gegenwind richtig Speed gemacht! Fast erleichtert, dass endlich der Aufstieg beginnt, biegt man rechts ab und es folgt ein langer, mit 37 Spitzkehren (ja, ich habe die kleinen Mistviecher gezählt!) besetzter sich stetig hochschlängelnder Forstweg bis zum nächsten Posten in Salvan (Kilometer 27,5).

Von Salvan aus folgt man ein Stück weit der Strasse, welche sich sanft nach unten neigt und entsprechend sehr leicht zu laufen ist. Meinem Rücken gings mittlerweile ganz prima, aber ich merkte bereits, dass ich zu stark gepusht hatte. Nun ja, ich habe mich ja freiwillig für die Taktik „alles-geben-und-schnell-loslaufen-und-dann-mal-gucken-was-passiert“ entschieden!

Trotzdem verteidigte ich meine Haut teuer. Beim folgenden Aufstieg bis Finhaut (Kilometer 35,5) genoss ich die Einsamkeit, wusste ich doch vom letzten Jahr, dass ich hier nicht nach Streckenmarkierungen Ausschau halten muss – hier gibts nämlich schlicht keine…

Mit grosser Überraschung stellte ich in Finhaut fest, dass ich trotz rutschigeren Bedingungen gegenüber dem Vorjahr beinahe zeitgleich unterwegs war. Doch was war das für ein Unterschied in der körperlichen Verfassung! Liefs mir vor Jahresfrist hier noch leicht und locker war ich nun stark am Limit. 35 Kilometer waren geschafft, 36 weitere lagen noch vor mir und ich fühlte mich lausig. Immerhin waren bereits etwa 2000m im Anstieg bewältigt. Also rasch was gefuttert und getrunken, und weiter gehts!

Der Downhill über einen sehr steilen, mit Geröll und Wurzeln überwucherten und im nassen Zustand extrem rutschigen Pfad gehört mit Sicherheit zu einem der Highlights am Défis du Jubilé. Zwar begann ich Zeit zu verlieren, aber ich genoss diese Passage trotz stärker werdenden Schmerzen. Beinahe wäre ich vor Schreck die nächste Klippe runtergesprungen, als mit einem Affenzahn ein Läufer herangebraust kam und mich regelrecht stehen liess. Das konnte doch nicht sein – war das ein 7+-Läufer oder war der auf einer kürzeren Strecke unterwegs? Ich hatte bereits einige im Wandertempo marschierende Läufer kürzerer Strecken überholt, aber der hier schien mir eher mit wilder Entschlossenheit unterwegs zu sein. Also doch ein „Langstreckler“. Ich verschärfte meine Pace wieder, ignorierte das Aufbrüllen meiner Beinmuskeln und weigerte mich, derart in einer Downhill-Passage „überrannt“ zu werden. Über schmierige, Glatteis gleichenden Holzbrückchen schlitterte ich meinem neuen Vordermann hinterher und konnte mich dabei gerade noch auf den Beinen halten. Einen Sturz hätte ich jetzt wirklich nicht gebraucht.

Eine weitere rutschige Holzbrücke führte über den Le Trient und schon folgte die nächste Bergaufpassage zum Tête Noire. Dieser Aufstieg hat es nochmals in sich. Teils weicher Waldboden, teils felsiger Untergrund durch urzeitlich anmutenden Wald, vorbei an Farnen und schroffen Felsklippen führt der Trail in die Höhe bis man eine Strasse erreicht. Bergauf schien mein neuer Vordermann nicht ganz so flott wie bergab und ich konnte wieder einen Platz gewinnen. Ein paar hundert Meter dem Strässchen gefolgt biegt man wieder links in den Wald ab, überquert erneut den Le Trient und macht sich auf den Weg über Litro, Planajeur und La Crettax (Kilometer 45) die andere Talseite zurück Richtung Vernayaz.

Nun musste ich aber ordentlich Beissen. Offensichtlich verkrampfte ich mich bei meinem Bemühen, schnell zu bleiben ein wenig. Jedenfalls erlebte ich mal was Neues; Krämpfe im Zwerchfell (gibts so was überhaupt?) hinderten mich sowohl am Ein- wie auch am Ausatmen. Ein klein wenig unglücklich und klaustrophobisch, wenn man Laufen will aber nicht mehr Atmen kann. Ich begann mich bewusst zu entspannen, achtete auf meine Atmung und trabte im Schleichgang weiter abwärts.

Harte Trails - schöne Aussichten

Harte Trails – schöne Aussichten

Als ich Vernayaz nach 52km erreichte, war es geschehen. Ich war eingeholt worden. Über die Ebene nach Dorénaz verlor ich bereits Ränge und der Aufstieg an der gegenüber liegenden Talseite hoch nach Alesse (Kilometer 55,5) wurde zur Qual. Steil, direkt von der Sonne beschienen, schlich und kämpfte ich mich hoch. Weitere Läufer zogen, zeitlupengleich, an mir vorbei. Einige mochten auf kürzeren Strecken unterwegs sein. Aber es war mir in dem Moment egal, ich wollte nur diesen verfluchten Berg hoch. Irgendwann war es vollbracht und es fühlte sich wie ein kleiner Sieg an, das 7+-Bändchen an die Startnummer getackert zu bekommen. Quasi als „Beweis“, dass man da nochmals oben war. Nun nur noch 3km Downhill und ca. 12km in der Ebene zurück zum Ziel! Meine Beine brannten höllisch, ein weiterer Läufer zog an mir vorbei und ich bemühte mich, nicht noch langsamer zu werden. Aber so lange der Aufstieg auch gedauert hatte, runter kommen sie alle! Bald schon war die Ebene erreicht und am letzten Kontrollposten in Collonges (Kilometer 60,5) konnten nochmals ein letztes Mal ordentlich Kalorien rein gepfiffen werden. Eistee mit zusätzlich 2-3 TL Zucker pro ca. 150ml weckt Tote.

Entlang der Rhône gehts zurück, durch ein kleines verwunschenes Wäldchen mit wurzligen Tempotrails, später gegenüber von Lavey-les-Bains sticht man scharf links weg und folgt dem Weg über Vérolliex zurück nach St-Maurice. Auf den letzten 10km konnte ich nochmals alle Reserven mobilisieren, den Kopf ausschalten und den Körper ignorieren. Zwei gewonnene Plätze motivierten ungemein, durchzuziehen und das Ziel zu erreichen. Ich habe mich noch selten über einen gewonnenen Taschenrechner so sehr gefreut wie an diesem Samstag, kurz nach 15 Uhr.

Fazit: Für mich persönlich war es ein super hartes Training und erfüllte seinen Zweck absolut. Wer Waldtrails mit Höhenmeter verbinden will, auf eine familiäre Wettkampfumgebung und entspannte, freundliche Organisation steht, preisgünstig direkt an der Startlinie in spezieller Umgebung nächtigen will und den Charme eines urig handgestoppten Rennens zu schätzen weiss, dem sei das Défis du Jubilé wärmstens ans Herz gelegt. Gerne auch ein drittes Mal wieder.

Ach ja, und das offerierte Raclette nach dem Lauf macht müde Läufer glücklich!

Autor: Timon Abegglen

Photo Credits:
Patrick Rieckert Facebook
Claude Deladoey Website

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