Minimal Running

Den Ballast des Alltags abwerfen, die Laufschuhe schnüren und los geht’s. Kein überflüssiges Gramm Ausrüstung mittragen. Einfach raus gehen und laufen. So natürlich wie möglich – ohne Einschränkungen und ohne Zivilisationstechnologie. Die Pros machen es vor – Anton Krupickas nackter Oberkörper ist mittlerweilen auch bei den weniger eingefleischten Trail Runnern ein Begriff. Kilian Jornet besteigt das Matterhorn in Rekordzeit, Notabene im T-Shirt und mit ultra-leichten Wettkampfschuhen. Alles scheint möglich.

AK minimal2Anton Krupicka am Gornergrat

In schroffen Gegensatz dazu steht die Rettungsaktion von Kilian Jornet und Emelie Forsberg von vor ein paar Wochen am Aiguille du Midi. Beider waren nur mit Laufschuhen und leichter Kleidung unterwegs und sassen unter dem Gipfel fest. Ein Wetterumschwung und die daraus resultierende Verschärfung der Routen-Schwierigkeit liess nur noch einen Abbruch der Tour und die Einleitung einer Rettungsaktion zu. Die Medien berichteten zur Genüge von diesem Vorfall und dieser soll hier auch nicht mehr weiter breit geschlagen werden. Vielmehr stellt sich die Frage, wie viel Ausrüstung hat ein verantwortungsvoller Trail-Runner mitzuführen?

Kilian und Emilie sind zwei Erfahrene Trail Runner und Alpinisten. Kilian hat wahrscheinlich schon eine 3-stellige Zahl von 4000er Gipfelbesteigungen zu verzeichnen – dennoch sind Fehleinschätzungen möglich. Setzt man die Anzahl Tage im alpinen Gelände ins Verhältnis zu diesem Vorfall, dann kann man wahrscheinlich getrost sagen, dass die Rettungsaktion ein minimalwahrscheinlicher Vorfall war. Trotzdem wäre sie einfach vermeidbar gewesen. Wie soll sich nun ein normalsterblicher Trail Runner auf seinen Touren ausrüsten?

Dakota Jones mit Jacke & CliffBar bewaffnet am Mt.Rainier

Es gibt wohl keine allgemeingültige Antwort. Meine Einschätzung zum Thema ist simpel – ich will nicht abhängig sein und ich will eine Sicherheitsmarge einplanen. Konkret heisst das, dass ich in den Bergen mit Rucksack und genügend Kleidern, Kalorien und Flüssigkeit laufe. Ja, es ist weniger cool als mit nacktem Oberkörper die Pilatus-Kulm Terrasse zu überqueren, aber ich kann jederzeit noch eine Schleife einbauen und auch die hereinbrechende Nacht kann mich nicht aus meiner Komfortzone werfen.

seb_summitSeb Chaigneau mit Laufschuhen auf dem Mont Blanc

Meine Lieblingsausrüstungsgegenstände sind die Multifunktionalen: Ein Buff, der Hals und Kopf wärmt, Armlinge die bei fast jeder Temperatur angenehm zu tragen sind oder eine superleichte Windjacke, die auch bei ausgesetzten Trails vernünftig vor Wind und Wetter schützt. Ein Gel oder Riegel als Notreserve sowie ein bisschen Wasser halte ich ebenfalls vor. Wir kennen alle die Videos, wo Kilian aus Berg- und Gletscherbächen trinkt. Grundsätzlich eine super Sache – leider steht in der Schweiz bis 2000MüM meistens noch irgendwo eine Kuh weiter oben im Hang, womit die Bergbach Variante vernünftigerweise flach fällt. Desweiteren sagt mir meine Vernunft, dass der Fettstoffwechsel von Anton, Kilian und Konsorten, die jeden Tag 4 bis 8 Stunden in den Bergen laufen, wohl auch besser trainiert ist als bei mir und dementsprechend will ich auf Kalorien zurückgreifen können wenn die Knie weich werden.

Bin ich jetzt kein Minimal Runner mehr? Wahrscheinlich nicht. Dies ist aber auch in Ordnung. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit um die perfekten Trainingsbedingungen abzuwarten, sondern muss raus wenn mein Arbeit und mein Privatleben erlauben. Anton Krupicka hat ebenfalls bestätigt, dass er zwar gerne so minimal wie Möglich läuft, dies aber lange nicht immer der Fall ist. Vielleicht projezieren die Fotografen, Filmer und Social Media hier auch ein leichtes Zerrbild der Realität. Der Traum vom freien Laufen nur in Shorts und Schuhen bleibt dennoch im Hinterkopf hängen. Auf der anderen Seite schätze ich die Sicherheit und Autarkie in den Bergen. Wie oft habe ich den Wind-Chill an exponierten Stellen unterschätzt? Wie oft kam nach zwei Stunden laufen doch noch ein Regen und Temperatursturz? Schön, wenn man dann reagieren und sauber weiterlaufen kann. Dies ist auch eine Qualität.

Wie ist Eure Meinung zu dem Thema?

Autor: Alex Brennwald

Photo Credits: Website Anton Krupicka

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